10. Januar 2014

Paradebeispiel Hitzlsperger Die vorbildliche Toleranz guter Menschen

Drei letzte Anmerkungen

Drei letzte Anmerkungen zum Hitzlsperger-Hype als ersatzreligiösem Medienphänom. Erstens: Es gab ihn doch, den einen guten Ausnahmekommentar im deutschen Journaille-Hauptstrom. Politikredakteur Jasper von Altenbockum machte sich in der „FAZ“ gehörig über die „Rocky Horror Hitzlsperger Show“ lustig: „Die Schwarmintelligenten geben im deutschen Spukschloss eine köstliche Vorstellung, an der die ganz Schlauen kritisieren, dass wir das ja nur nötig hätten, weil wir Homosexualität noch immer als unnormal empfänden. Aber auch wer nicht mittanzt, ist ein Spielverderber, den ein homophobes Virus daran hindert. Der deutsche Michel darf es sich also aussuchen, warum er ein Schwulenfeind ist. Dass er es ist, soviel ist sicher.“

„Für die große Mehrheit der Deutschen“, so von Altenbockum, „ist das ein Schlag ins Gesicht.“ Die „FAZ“ wittert hier zurecht den Totalitarismus der „Homo-Lobby“, die zum Beispiel gerade in Baden-Württemberg wieder zeigt, wie sie mit abweichenden Meinungen zur Schulpolitik umgeht – nämlich mit Diffamierung als „Nazi“, Dienstaufsichtsbeschwerden und Kriminalisierung.

Zweitens: Den lustigsten Artikel zum Thema brachte die „Welt“. Deren Feuilleton-Redakteur Lucas Wiegelmann machte sich auf die Suche nach dem „Vokabular der Verschwörungstheoretiker“. Denn: „Nicht nur der Fußball hat ein Homophobie-Problem. Sondern auch die Medien.“ Wiegelmann fand krankhafte Homophobie (nachhaltig manifestiert etwa in der unachtsamen Verwendung des Wortes „bekennen“) bei der Berichterstattung über Hitzlsperger im eigenen Blatt, in der „Zeit“ und sogar in der „taz“. Erst am Schluss des Artikels wurde mir klar, dass Wiegelmanns Brüller-Artikel gar nicht als Satire gemeint war.

Dort nämlich verweist er auf das kommende, letzte Angriffsziel, nachdem der Fußball und die Medien auch im Kleingedruckten erfolgreich endgereinigt wurden: „Die katholische Kirche gehört zu den letzten Institutionen, die Homosexuelle benachteiligt. Homosexuelle Handlungen gelten ihr als Sünde. Die Medien kritisieren das“, aber natürlich hat auch hier Sprachkommissar Wiegelmann eine zuweilen noch unkorrekte Wortwahl dabei anzumerken.

„Die Medien“ kritisieren „die katholische Kirche“? Da ist er wieder, der totalitäre Ansatz, der gar keine wirkliche Abweichung in der Sache mehr auch nur für möglich hält. Zur Erinnerung: 30 Prozent der Deutschen sind katholisch (die Medien kritisieren das), zwischen ein und fünf Prozent der Bevölkerung sind homosexuell.

Es gibt kein Entrinnen. Wer nicht mittanzt, wie der Chefredakteur des Fußballfachblatts „Kicker“, weil er sich auf den Sport konzentrieren möchte und sein Magazin noch nie über privaten Kokolores berichtet hat, ist geistig nicht gesund (Phobien sind Angstkrankheiten). Oder wie jemand im „sozialen“ Netzwerk so nett kommentierte, als auch der Autor dieser Zeilen zum Time Warp der Rocky Horror Hitzlsperger Show nicht die Hüften schwingen wollte: „Was für eine widerliche, heuchlerische, kleinbürgerliche Amöbe der Lichtschlag doch ist!“ (19 Personen gefällt das, darunter auch ein alter Freund, der mich kürzlich beim Wiedersehen in Berlin noch herzlich umarmte. Wie geht man, nachdem nicht nur das Intime und Sexuelle erfolgreich politisiert, sondern auch die traditionelle Höflichkeit im Umgang miteinander überwunden wurde, mit solchen neudeutschen Sitten besonders fortschrittlicher Menschenfreunde im Netz 2.0 eigentlich sozialkorrekt um, wenn man sie im echten Leben mal wieder trifft?)

Drittens: In der Fußballfankurve wird der Mensch zur Masse, zuweilen verblödet und verroht er dabei. In Medien-Netzwerken und Facebook-Freundeskreisen ist das kaum anders, dafür bedarf es nicht mal der „Homophobie“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von André F. Lichtschlag

Über André F. Lichtschlag

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige