09. Januar 2014

Homokult Kennzeichen einer totalitären Gesellschaft

Über öffentliche Bekenntnisse und private Nischen

Wenn man in diesen Tagen unbefangen mit Bekannten plaudert und Thomas Hitzlspergers Outing auf allen Kanälen anspricht, ist die Reaktion im privaten Umfeld immer die gleiche: „Hör mir auf, das interessiert mich nicht die Bohne, was der privat mit wem macht.“

Ich bin mir sicher: Wer auf dieselben Leute eine Kamera der Tagesschau hält und sie nach ihrer Meinung zum gleichen Thema befragt, wird automatisch eine Antwort wie diese bekommen: „Klasse, toll, ein mutiger, überfälliger Schritt und so weiter.“ Auch das Wort „Respekt“ wird nicht fehlen, ehrfurchtsvoll versehen mit einem Ausrufezeichen.

Im Internet sind die Reaktionen entsprechend: Unter Pseudonym – etwa auf Welt-Online – äußern sich die Menschen privat und sind genervt vom öffentlichen Sexgewäsch. Mit Klarnamen dagegen – etwa auf Facebook – ist ganz Deutschland begeistert vom „mutigen Schritt“ des Ex-Fußballers.

Wie eine Äußerung mutig sein kann, die privat kaum jemanden wirklich interessiert und die gleichzeitig in der Öffentlichkeit niemand zu kritisieren wagt, die von „Bild“ bis „taz“ und von der Kanzlerin bis zum DFB-Politbüro mit einem übergroßen „Respekt: Er liebt Männer“ im millionenfachen Gleichschritt belobhudelt wird – bleibt ein seltsames Geheimnis. Wobei: So neu sind private Nischen und allen vertraute öffentliche Sprechblasen nicht – sie sind das Kennzeichen totalitärer Gesellschaften.

Mutig? Mutig wäre ein einziger Profifußballer oder auch nur ein B-Promi, der inmitten der anschwellenden Medienhysterie das zu äußern wagt, was insgeheim fast jeder denkt: „Hitzlsperger? Geh mir weg, interessiert mich nicht!“


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