03. Januar 2014

Weltkriegsgedenkjahr 2014 Trauriges Déjà-vu oder Aussicht auf Besserung?

Wer seine Geschichte trivialisiert, ist verdammt, sie zu wiederholen

Imperien neigen zur Fettleibigkeit. Sie haben immer Hunger. Im „All You Can Eat“ um Macht stopfen sie alles in sich hinein, bis ein hundsgemeines Pfefferminzblättchen des Weges kommt und alles zunichte macht – Raddadazong, weg ist der Balkon zum bequemen Herabschauen auf alle anderen. Es kann nur einen geben! Diese Devise scheint in der Tat unsterblich zu sein. Leider. Im Falle der ersten geopolitisch-strategischen Massenschlägerei des 20. Jahrhunderts hieß dieses Pfefferminzblättchen „Ferdinand“.

Solche Minz- und Feigenblätter gibt es in vielerlei Geschmacksrichtungen: Neben besagter „Ferdinand-Auslese“ mit wertvollen Mittelostölen, imperialistisch-kolonialistischem Spielwiesenschaumkraut aus deutsch-russisch-französischen Anbaugebieten der Weltinsel und dominantem britischem Beigeschmack stehen zum Beispiel die Goldknappheits-Röstung mit englischer Zentralbanknote (Burenkrieg), die Zangenernte Eurasiens  mit deutschen Allmachts-Halluzinogenen, sich dann stark aufbauendem anglo-amerikanischem Hegemonialbouquet und sowjetischen Konservierungsmitteln (Zweiter Weltkrieg und Kalter Krieg), die sehr beliebte Binärrezeptur „Nord-Süd-Beere“ (Nord- gegen Südvietnam, Nord- gegen Südkorea) oder die amerikanische Jahrhundertblüte mit finanzfischigem Vergißmeinnichtextrakt, mehrfach gesättigten Militärkomplexen, diversen Geheimzusätzen und kräftiger agentürlicher Kunstsüße zur Auswahl.

Was vor die eigentlichen Motive all dieser Kriege, Konflikte und Krisen gehängt, gefunkt, in dicken Wälzern gedruckt, gesendet und geschrieben wurde und wird, sei‘s von politisch interessierter Seite, linientreuen Historikern oder journalustigen Putten vor dem Tor zum Herrschaftspalast – das alles kann man nicht selten getrost zum Einwickeln toter Fische benutzen oder seinen Kindern als abschreckendes Beispiel dafür anempfehlen, wohin (macht)politische Idolatrie, Bigotterie, Schizophrenie und Mythomanie, Illusionismus und Selbsttäuschung führen können: Dann, mein liebes Kind, wirst du den Rest deines Lebens Ping-Pong-Ball bleiben.  

Man darf sich also gewiss jetzt schon freuen über zahlreiche Artikelimitate und Wegsehsendungen, die der deutschen Leser- und Zuseherschaft den seit vielen Jahrzehnten auf‘s Frühstücksbrötchen geschmierten Kunsthonig siegessüßlicher Geschichtsklitterung, -manipulation und -trivialisierung noch einmal auftischen und sich bitterlich darüber beschweren werden, dass das Geraune dieses revisionistischen , von Kopf bis Fuß mit Ismen-Mus verklebten Selbstdenkergesindels  einfach nicht aufhören will. Die These von der deutschen Alleinschuld am Ersten Fratzengeballer des 20. Jahrhunderts, über die sich gewiss streiten lässt, muss schon aus zeitgemäßen, sprich währungsrettungstechnischen Gründen aufrecht erhalten werden. Es war ja auffällig genug: Immer, wenn in den letzten Jahren und ganz besonders seit Ausbruch der Ponzi-Vertrauenskrise irgendeine prominente Stimme aus der Wirtschaft, den Wirtschafts- und Rechtswissenschaften oder der Politik am Euro (ver)zweifelte, sprang sogleich Hans-Helmut Gauckelkohl flink wie Schmidts Katze im Gelben Pullover aus dem giftgrünen Gebüsch, um sich mit Blankoscheckbuch und Schild davor zu setzen: „Bitte um milde Gabe von Kollektivkriegstätern. Ich sagte Kollektivkriegstätern. Die Betonung lag auf ‚zahlungskräftiger Bienenstock‘. Alles klar?“

Auch 2014, nein, gerade 2014 und erst recht vor dem Hintergrund, nein, vor den in den Hintergrund gedrängten Hauptursachen der omnipräsenten Krise, wird man also zur 100. Jährung der Gärung geo- und währungspolitischer, hegemonialer und imperialistischer Reifungsprozesse, die heute übrigens nicht weniger machtberauschend gluckern und glibbern und Blasen auswerfen als anno dazumal – es ist dieselbe Hefe, nur ist sie anders etikettiert und tropft statt aus einem Deutsch/Englischen Machtwörterbuch  eben aus einem Amerikanisch/Chinesisch/Russischen – zweifellos die Behauptung deutscher Alleinschuld noch einmal in die politische und vermassungsmediale Mikrowelle stellen und zum alternativlosen historiographischen Schnellgericht erklären – für den kleinen Euro-Hunger zwischendurch. Also zwischen den Hauptmahlzeiten, als kleiner Aperitif fürs kalte Buffet.

Dummerweise gehört zu einem Streit dieser Größenordnung immer mehr als nur einer allein. Wer das einmal kapiert hat, wird schnell erkennen, dass das , was man ihm als „Geschichte“ über Augen, Ohren und vor allem übers Hirn klebte, große Ähnlichkeit hat mit dem, was man von neu gekauften Büchern abzieht: Schutzfolie.

Nur wessen Interessen wurden und werden da geschützt? Die der Sieger. Nicht, dass es zwischen Siegern und Verlierern große moralische und ethische Unterschiede gegeben hätte, iwo. Auf so ziemlich allen Regierungsstühlen in Europa und selbstverständlich auch auf denjenigen im britischen Empire und auch denen Amerikas lag imperialistisches Juckpulver; im zaristischen Russland wie im Deutschen Reich, in Österreich-Ungarn wie in Frankreich und so weiter und so weiter. Hat man sich erstmal den Bullshit der Geschichte klein schreibenden Hauptströmungen des korrekten Nichtdenkens und Ablenkens von hochinteressanten Hintergründen aus den Augen gewischt, ließe sich das darunter liegende Leitmotiv des ersten modernen Krieges um die Weltmacht am besten in den Worten des englischen Geographen Sir Halford Mackinder wiedergeben: „Who rules Eastern Europe commands the Heartland. Who rules the Heartland commands the World Island. Who rules the World Island commands the World” (“Wer Osteuropa regiert, regiert das Herzland. Wer das Herzland regiert, regiert die Weltinsel. Wer die Weltinsel regiert, regiert die Welt“). Diese geopolitische Maxime gab Mackinder 1919 der euphemistisch „Friedens“-Konferenz genannten Versailler Grundsteinlegung für den nächsten Mord- und Totschlag auf den Weg. Schon Jahre zuvor, 1904, sang Mackinder seinen „Herzilein, die Welt ist dein allein“-Schlager vor einem begeisterten englischen Politpublikum. Einige Jahrzehnte später spielten berühmte DJs wie Brzeziński und Kissinger eine Coverversion ein, die seitdem über den Globus gangstarapt.

Dieses „Anspruchsdenken“ mit Blick auf Eurasien war seit Beginn des 20. Jahrhunderts bestimmend für geopolitische Langfristplanungen auf mehr als nur einer Seite; nach dem Wegfall des „British Empire“ und der begrüßenswerten Flausenaustreibung des Deutschen Gröhlfaz-Reiches durch die Alliierten im Zweiten Weltgerangel wurde es zur sogenannten „Manifest Destiny“ der Vereinigten Staaten. Nach dem EUntergang der Sowjetunion schaltete es in den Turbomodus.

Man muß schon in einer verqueren Spiegel-Welt leben, um die Zeichen der Zeit nicht zu einem größeren Bild zusammenfügen zu können: Das Erdenrund steht heute abermals vor einer ganz ähnlichen, explosiven Mischung, die selbstverständlich nicht aus dem Himmel fiel, sondern das Resultat eines ganzen Jahrhunderts geo-, energie-, finanz- und wirtschaftspolitischer sowie imperialistischer und kriegerischer Auseinandersetzungen ist, für die nicht nur die deutsche Seite Verantwortung trug. Und wieder wird getäuscht, getrickst, intrigiert, gelogen und manipuliert. Und wieder ist die Situation einigermaßen vertrackt und verfahren.

Von russischer Seite heißt es, man wolle doch nur Frieden, obwohl der von manchen voreilig und naiv verklärte Widerstand Putins gegen die in der Tat geisteskranke US-Kriegshetzerei in Syrien allerdings nicht nur mit friedensstiftender Diplomatie zu tun hatte, sondern eben auch mit viel handfesteren Interessen, die unter anderem mit dem Status Russlands als Öl- und Gaslieferant zu tun haben. Na, damit steht der Fall doch ganz klar in der Zeitung! Putins Pudding! Moment, nicht so voreilig. Schließlich gibt sich Gottes liebstes Imperium seit 1989 alle Mühe, Russland „einzuhegen“, es von seinen lebenswichtigen Öl- und Gasadern abzuschneiden (etwas mehr als 60 Prozent der russischen Einkünfte beruhen auf dem Status des Landes als Öl- und vor allem Gasriese), es mit ferngesteuerten, kunterbunten Revolutionen in umgebenden Ländern zu destabilisieren und die eigenen Feuerwerksraketen immer näher an seine Grenzen zu rücken. Mist, wieder ist keiner allein schuld. Wem das schon zu kompliziert ist, kann ja auf Mainstreammedien ausweichen, deren Vorteil darin besteht, die Welt so schön einfach zu erklären und immer einen Alleinschuldigen zur Hand zu haben.

Auf US-amerikanischer Seite lügt man, der Raketenschild, der mehr oder weniger direkt vor Russlands Haustür auf- und ausgebaut werden soll, diene doch nur dem Schutz vor möglichen Angriffen von „Rogue States“ wie dem Iran, obwohl er schon eher etwas mit der stetigen ostwärts gerichteten Ausdehnung der Einflusssphäre der NATO im Auftrag des in finanzieller Hinsicht „Failed State“ USA zu tun hat. Natürlich ist er nicht gegen den Iran, sondern gegen Russland (und damit auch China) gerichtet (der Iran bräuchte nur falsch über die Grenze zu pupsen, schon wäre er platt wie eine Flunder). Die chinesische Führung wiederum scheint langsam einen supermächtigen Geschmack im Mund zu haben, spannt kräftig ihre Muskeln, will jetzt aber auch mal so‘n dollen Flugzeugträger haben und auch im Weltraum mitspielen und empfiehlt ihren Streitkräften ganz unverblümt, sich schon mal auf einen möglichen Krieg vorzubereiten. Na danke auch.

Der historische Lerneffekt? Es kann und wird eben doch nicht nur einen geben. „Full Spectrum Dominance“, wie man das heute nennt, der Wunsch nach unipolaren Machtverhältnissen, ja Alleinherrschaft, wird entsprechende Gegenstimmen provozieren, das kann gar nicht ausbleiben. Je schwächer der Alphawolf wird, desto lauter heulen die anderen Wölfe und freuen sich auf den Todesschmaus. Bleibt gerade angesichts der schrecklichen Erinnerungen, die mit der neuen Jahreszahl verbunden sind, zu hoffen, dass zwei globale Amokläufe an der Schule der Zivilisation genügt haben, genug Einsicht zu stiften, damit‘s nicht schon wieder rappelt im Karton. Reißt euch bloß zusammen, ihr Hirnis.

Vor allem aber sollten diverse Werbetexter mit heuchelmoralischer Zeigefinger-Dauererektion bitte einmal in sich gehen und sich sehr gut überlegen, ob sie auch im kommenden Jahr durch unentwegtes Flunkern eine Stimmung anheizen und krasse Zerrbilder internationaler Machtverhältnisse zeichnen wollen, mit denen sie dem sogenannten „internationalen Frieden“ ganz sicher keinen Gefallen tun; eine Stimmung, die derjenigen am Vorabend des Ersten Weltkrieges wirklich nicht ganz unähnlich ist. Hermann Hesse schrieb einmal, er sei davon überzeugt, das Risiko großer Kriege sinke deutlich, je mehr Menschen dem „Welttheater“ mit Humor und Gelassenheit zusähen.

Dazu abschließend ein kleines er- und abschreckendes Beispiel gleich zum Jahresauftakt. Es zeigt sehr schön, was passieren kann, wenn kleine Ferkel sich zu fest in die Mutter-Kampfsau verbeißen und jegliche entspannungstherapeutisch-humorige Distanz zum globalen Machtgeschacher verlieren. Es zeigt außerdem, was dem geneigten deutschen Matrixbewohner auch 2014 wieder an Propaganda-Irrsinn, topaktueller Geschichtsklitterung und weltbildlicher Einäugigkeit ins Haus stehen könnte. Falls jemand die folgenden Worte nicht glauben kann oder will – sie stammen nicht aus der Zeit um 1913/14 oder 1939, sondern tatsächlich aus einer großen deutschen, überregionalen Tageszeitung des frühen 21. Jahrhunderts. Zitat aus einem Artikel von Clemens Wergin auf „Welt“ Online, just am letzten Tag des vergangenen Jahres, ein echter Silvesterknaller sozusagen: „China und Russland setzen wieder auf Taktiken des Kalten Krieges, um die amerikanische Weltordnung auszuhöhlen. Die USA helfen bei der eigenen Demontage mit – durch ihren Isolationismus.“

Also wenn das, womit der Planet alleine in den letzten zwölf Jahren beschenkt wurde, Isolationismus Marke Washington sein soll, bleibt ja nur schwer zu hoffen, dass man dort  nie auf interventionistische Gedanken kommen wird. Und nicht nur dort. Die Lernkurve ist wohl immer noch zu flach – auf allen „kriegsentscheidenden“ Seiten.


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