10. Dezember 2013

ef 139 Editorial

Glasnost und Perestroika im Westen

Ist die parteipolitisch organisierte Jugend in Deutschland verrückt geworden? Wir stellten uns diese Frage, nachdem Jusos, Grüne Jugend und Linksjugend Solid im November 2013 nahe Leipzig einen Kongress „Für die Zukunft der Familie” – dazu eingeladen hatten die Kollegen vom „Compact“-Magazin – „sprengen“ wollten. Andere Meinungen, schon gar solche zur Verteidigung der klassischen Familie, werden von den Jugendorganisationen der SPD, der Grünen und (eher schon aus Gewohnheit) der Linken mit roher Gewalt bekämpft, das freie Rede- und Versammlungsrecht der Andersdenkenden wird von ihnen mit Füßen und Fäusten abgelehnt.

Natürlich, auch früher schon gab es Spinner vom roten oder braunen Rand, etwa in den berüchtigten K-Gruppen, die sich selbst anmaßten, entscheiden zu dürfen, wer über was reden (und schreiben) darf und wer worüber gefälligst zu schweigen hat – oder auch mit der sicheren Methode für immer zum Schweigen gebracht werden müsste. Inzwischen ist dieser Neo-Totalitarismus im Verbund mit einigen anthropologischen Verrücktheiten in der Mitte unserer demokratischen Parteijugendorganisationen angekommen. Das Beispiel Leipzig ist dafür – wie wir feststellen mussten – leider nur eines von vielen. Wie konnte das geschehen? Welche Ideen und Ideologien stecken dahinter? Und was prägte diese jungen Menschen genau, die sich hier so infantil wie grenzdebil von Gewalt und Größenwahn angezogen fühlen? Bei der Beantwortung all dieser Fragen landeten wir am Ende wieder beim Ausgangspunkt unserer Nachforschungen – dem Thema des Kongresses, das die Brut so wild werden ließ. Intakte Familien sind es nämlich gerade nicht, die hysterische, ewige Kleinkinder produzieren, die nicht mal mehr wissen (wollen), ob sie Männlein oder Weiblein sind.

Hintergrund des Angriffs auf die Meinungsfreiheit ist auch ein Kulturkampf, der längst geopolitische Strategien beeinflusst: In Leipzig war es eine russische Duma-Abgeordnete, die betont „für die Meinungsfreiheit und die Rückbesinnung auf traditionelle Werte in Deutschland“ eintrat. Wladimir Putin selbst hatte Ende September mit seiner Rede vor dem Waldai-Klub für internationales Aufsehen gesorgt, als er von Dekadenz, Kulturverfall und einer moralischen Krise im Westen sprach. Stehen wir hier bereits mitten in einem neuen kalten Krieg? Eher ja. Und die Fronten zwischen Freiheit und Totalitarismus, zwischen Marktmoral und Kulturplan verlaufen, wenn nicht innerhalb jedes Landes wie jüngst in Frankreich oder Kroatien, in vielerlei Hinsicht heute eher spiegelverkehrt zwischen Ost und West.

Der Schriftsteller Michael Klonovsky kam im Sommer aus Russland zurück und bemerkte (hier nur sehr verkürzt zitiert): „In Russland kann man auf unabsehbare Zeit und unbeschränkt sowohl Glühbirnen als auch Mentholzigaretten kaufen; das Regime knöpft einem nicht die Hälfte des Einkommens ab; niemand bekommt vom Staat Geld dafür, dass er den Geschlechtsunterschied für ein soziales Konstrukt und Homosexuellen-Partnerschaften für normale Familien erklärt; man kann in Russland sowohl äußern, dass Stalin der größte Verbrecher als auch der größte Staatsmann aller Zeiten war, ohne dass sich Presse und Staatsanwaltschaft auf einen stürzen.“

Aber wie immer, wenn Dinge aus dem Ruder laufen, gibt es auch eine Gegenbewegung – die Vorboten von Glasnost und Perestroika im Westen. An den deutschen Universitäten gründen zum Beispiel die erzliberalen European Students for Liberty (siehe deren Anzeige auf Seite 65) beinahe monatlich irgendwo eine neue lokale Campus-Gruppe. Und ganze Landesverbände der Jungen Liberalen in der FDP stehen bereits hinter Frank Schäffler und seinem Liberalen Aufbruch, wenn sie in ihren Programmen nun klar für freie Märkte und freies Marktgeld streiten. Hier macht gerade die Jugend, der größte Verlierer der allumfassenden Krise im Westen, durchaus Hoffnung.

Und noch eine erfreuliche Nachricht: Gleich zwei couragierte Autoren wurden mit Journalisten-Preisen ausgezeichnet, die auch für eigentümlich frei zur Feder greifen. Zunächst erhielt am 23. November Birgit Kelle („Dann mach doch die Bluse zu: Ein Aufschrei gegen den Gleichheitswahn“) in Berlin den zum achten Mal vergebenen Gerhard-Löwenthal-Preis. Am 28. November wurde in München der eben zitierte Michael Klonovsky mit dem erstmals verliehenen Dr.-Jörg-Mutschler-Preis geehrt. Klonovsky, der hauptberuflich für den „Focus“ schreibt, beglückte uns 2013 mit einer exklusiven vierteiligen ef-Serie über „200 Jahre Richard Wagner: Ein deutscher Linker“. Darüber hinaus empfiehlt er (unter anderem Autor eines Buches über Giacomo Puccini) als ef-Kolumnist Ihnen, unseren Lesern, monatlich eine klassische Musik-CD. Dies alles in einer Art und Weise, die Laudator Marc Felix Serrao würdig pries: „Ich kenne keinen deutschen Journalisten, der so schreibt wie Klonovsky – so rücksichtslos gegen den herrschenden Ton und gleichzeitig so schön.“ Der Autor dieser Zeilen hatte das Glück, auf beiden Veranstaltungen vor Ort Birgit Kelle und Michael Klonovsky gratulieren zu dürfen. Wir wollen es an dieser Stelle von Herzen wiederholen.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 16. Dezember erscheinenden Jan.-Feb.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 139


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von André F. Lichtschlag

Über André F. Lichtschlag

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige