06. Dezember 2013

Deutschland Erlebnisse eines Niemands

Eine gut genährte Elite als Totengräber der Nation

Der folgende Text erreichte die ef-Redaktion in den frühen Morgenstunden. Der Autor möchte anonym bleiben.

Ich bin seit fünf Monaten arbeitslos und habe nicht das geringste Interesse, das zu ändern. Man findet im gewerblichen Bereich praktisch ausschließlich Zeitarbeitsfirmen, bei denen man kaum über 1.000 Euro verdient, und die Chance irgendwo übernommen zu werden ist gleich null. Ich war bereits von 2000 bis 2011 bei der Zeitarbeitsfirma Randstad beschäftigt, und verdiente dort im elften Jahr weniger als im ersten. Im Jahre 2005 wurde mir per Änderungskündigung das Gehalt um ungefähr 150 Euro netto gekürzt. Meine damalige Disponentin sagte mir noch, dass sie nichts gegen mich in der Hand hat, ich war immer pünktlich, zuverlässig, alle finden meine Arbeit super, aber die Kohle wurde trotzdem beschnitten. Wechsel zu einer anderen Leihbude war sinnlos, die nehmen sich da alle nichts.

Ich kam dort zum Schluss kaum auf über 950 Euro trotz Vollzeit und Schichtarbeit als Facharbeiter (KFZ-Mechaniker). Ich habe mir oft monatelang nicht mal die Abrechnungen angesehen, um nicht noch frustrierter zu werden. Danach war ich zwei Jahre bei Wabco, einem Zulieferer der Autoindustrie, mit einem befristeten Vertrag. Mein Vertrag lief aus und ein Festvertrag kam nicht in Frage, weil die Geschäftsleitung nur noch Zeitarbeiter einstellt, billig und schnell verfügbar. Zugegeben, Wabco ist einer von, meines Wissens nach, zwei Arbeitgebern in Hannover, die tatsächlich Zeitarbeiter und eigene Leute gleich bezahlen, und somit begehrt. Bei MTU, einem Reparaturbetrieb für Flugzeugturbinen, hatte ich oft als Leiharbeiter nur 50 Prozent des Gehaltes eines MTU-Mitarbeiters, wenn es Weihnachtsgeld und Prämien im Januar gab, sogar zwei Monate lang nicht mal 33 Prozent, bei gleicher Arbeit. Ich mache besonders die Gewerkschaften dafür verantwortlich, die dafür sorgten, dass die Kündigungshürden für Langzeitmitarbeiter sich wie Beamtenverhältnisse lesen, während sie gleichzeitig bei Ausbeutung durch Leiharbeit bemerkenswert stumm bleiben. In meinen Augen ist das Sozialismus pur, denn man kann sich aus eigener Kraft kaum aus diesem Sumpf befreien. Auf der Suche nach einer Umschulung trifft man in praktisch allen Bereichen auf einen Überfluss an Facharbeitern. Dass 50-Jährige bereits ausgemustert werden und die Gehälter der Facharbeiter seit Jahren schrumpfen, deutet ebenfalls darauf hin.

Daher erhalte ich jetzt ca. 1.050 Euro ALG I, also 100 Euro mehr als zuletzt bei Randstad. Vor einigen Wochen sollte ich zu einer Veranstaltung für Arbeitslose erscheinen, befohlen vom Arbeitsamt. Ich verschlief, und weil diese Veranstaltung nur eine Stunde dauern sollte, rief ich dort an und sollte eine Woche später wiederkommen. Ich kam an dem Tag leider sieben Minuten zu spät, und sollte noch eine Woche später wiederkommen, was ich auch tat, diesmal pünktlich. Ich sei aber nicht mehr im Computer gemeldet, sagte man mir. Ich sollte mich beim Arbeitsamt melden. Auch das tat ich, und mein Anruf sollte meinem Sachbearbeiter gemeldet werden. Drei Wochen später erhielt ich einen Brief, nach dem ich beim Arbeitsamt erscheinen sollte, und dort wurden mir Vorwürfe gemacht, wieso ich nicht anrufe, er hätte mir nachtelefonieren müssen. Ich sagte, ich hätte aber angerufen, aber er war ja nicht da. Natürlich alles Unsinn, Partei und Arbeitsamt haben immer recht. Das Ende vom Lied ist, dass ich drei Wochen lang gesperrt wurde. Das hat mich knapp 700 Euro gekostet, und der Ungerechtigkeit wurde wieder genüge getan.

Ich muss nicht lange suchen, um im Internet reichlich Fälle von kopftretenden Jugendlichen aus der Provinz Südland zu finden, die weicher bestraft werden als ich mit zwei lächerlich geringen Vergehen. Leider sehe ich auch noch wie ein Deutscher aus, und kann somit nicht auf die Solidarität gut versorgter und wohlhabender Gutmenschen à la Roth und Campino rechnen, die noch mehr Wirtschaftsflüchtlinge überall sehen wollen, nur nicht im eigenen Garten. Ohne Merkels Riesen-DDR, mit ihren Öffentlich-Witzlosen Rundfunk, und dem aufgeblähten Staatsapparat, würde keine dieser Typen auch nur ein Bein auf den Boden kriegen, vermutlich kommt aus dieser instinktiven Ahnung auch der Hass auf das eigene Land.

Dabei fiel mir auch gleich wieder das Elend der deutschen Musikszene auf und wie dröge und langweilig und belanglos viele dieser Gruppen sind. Die Toten Hosen mit ihrem Selbsthass, der Straßenschläger Bushido mit dem Integrationsbambi, der niveaulose Bohlen, reiche Altstars mit esoterischem Multikulti-Tick à la Grönemeyer und Westernhagen. Selbst jüngere Künstler parlieren nur von Rassismus, mehr Gerechtigkeit und spucken ihren Fans, die diese Zustände ertragen müssen, auch noch ins Gesicht. Ich bin ein großer Fan der japanischen Sängerin Nana Mizuki und sie werden dort nicht mal im Ansatz diese welterklärende Herablassung finden, die für deutsche Musikanten so typisch ist. Auch mit ihrer politischen Gesinnung lassen die meisten japanischen Künstler ihre Fans einfach in Ruhe. Wenn überhaupt, organisieren diese höchstens Benefizkonzerte für die Opfer des Erdbebens von vor fast drei Jahren. Festivals mit politischem Charakter sind dort weitestgehend unbekannt. Großartig!

Noch ein Wort zur erwähnten Nana Mizuki. Während deutsche Gutmenschen das Flut- und Erbebenunglück von Fukushima für ihre politischen Zwecke instrumentalisieren und Mitgefühl heucheln, hat Nana Mizuki bei ihrer Tour in diesem Jahr ein Konzert in einem kleinen Klub vor 1.000 Leuten dort gegeben. Nana Mizuki tritt normalerweise vor 10.000 bis 30.000 Leuten auf und gehört schon seit acht Jahren zu den 30 erfolgreichsten japanischen Künstlern und so wurde dieses Konzert von „den Menschen vor Ort“ dankbar zur Kenntnis genommen. Überhaupt können sich deutsche Musikanten von der stets mit freundlicher Bescheidenheit auftretenden Nana Mizuki so einiges abschneiden. 


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Redaktion eigentümlich frei

Über Redaktion eigentümlich frei

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige