10. Oktober 2013

NSU French Connection

Hält der Wunderkleber namens Ceska?

Dossierbild

Die aktuelle Inszenierung des Gerichtsprozesses um eine von angeblich staatsfernen Braunsozialisten verübte Mordserie gebiert von Tag zu Tag neue unbeantwortete Fragen, ohne dass Zschäpes Häscher einer Auflösung auch nur im geringsten näherkommen. Bislang konnten diese sich nur auf eines verlassen: die Tatwaffe. Dass alle Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds mit ein und derselben Schusswaffe verübt wurden, gilt als wundervoller Kleber, der die Mordtaten mit Ach und Krach zusammenzuhalten vermag. Die Ceska ist die heilige Kuh des Ermittlungsverfahrens. Doch auch diese könnte alsbald bedrohlich wackeln. Der Schweizer Waffenexperte László Tolvaj könnte dafür sorgen, dass sich der Superkleber namens Ceska in Luft auflöst.

László Tolvaj, Vorstandsmitglied des Civil Combat Club Biel (CCCB) und Chefredakteur des „Schweizer Waffenmagazins“ (SWM) äußerte in den vergangenen Jahren immer wieder starke Zweifel an der kolportierten Herkunft der vermeintlichen Tatwaffe Ceska CZ 83. Vor allem da nach dem Fall der Mauer Waffen aus den Sowjetrepubliken relativ ungehindert zwischen der damaligen Tschechoslowakei und Deutschland zirkulieren konnten, könne nicht eindeutig auf die Schweiz als „Waffenlieferant“ für das vermeintliche Terror-Trio geschlossen werden.

Im Jahr 2007 kam das Bundeskriminalamt zu dem Schluss, dass die Tatwaffe mitsamt Schalldämpfer aus einer Sonderserie stammen müsse, welche im Jahr 1993 vom damaligen Schweizer Waffenimporteur Jan Luxik in die Schweiz eingeführt worden sei. „Damals wie heute konnte mir niemand schlüssig nachweisen, weshalb es sich bei der Tatwaffe um eine CZ 83 mit Schalldämpfer handeln müsse. Und, wenn dies so wäre, weshalb die Waffe aus der Schweizer Serie stammen müsse“, berichtet László Tolvaj im Gespräch mit eigentümlich frei.

Gegenüber dem „Tagesanzeiger“ habe er schon 2007 den Hinweis gegeben, den Verbleib der angeblich nur 24 Exemplare mit Schalldämpfer über die entsprechenden Verkaufsunterlagen des mutmaßlich alleinigen Vertriebshändlers Jan Luxik im solothurnischen Derendingen zu überprüfen. Jeder Schweizer Waffenhändler muss zum Zweck der Rückverfolgung seine Ein- und Ausgänge in ein Register eintragen. „Das weiß jeder, der in der Schweiz schon einmal eine waffenerwerbsscheinpflichtige Waffe gekauft hat. Nur das BKA brauchte für diese Erkenntnis etwas länger“, sagt Tolvaj. Bezüglich 16 der 24 Pistolen konnte im Anschluss der jeweilige Besitzer ermittelt werden. Ihre Waffen wurden zu kriminaltechnischen Untersuchungen von den zuständigen Behörden eingefordert. In keinem der Fälle stimmte das Ergebnis jedoch mit jenem der Tatwaffe überein. Der Verbleib der restlichen acht Waffen aus der ursprünglichen Lieferung sei nach wie vor ungeklärt, so Tolvaj. Bastian Hüls (Name vom Verfasser geändert), Diplom-Jurist in einer deutschen Ermittlungsbehörde und dort beschäftigt „mit der Einschätzung von Sachzusammenhängen im Kontext des Nationalsozialistischen Untergrundes vor dem Hintergrund der Öffentlichkeitsarbeit dieser Behörde“, sagt gegenüber eigentümlich frei ähnliches bezüglich der Ermittlungsergebnisse deutscher Stellen aus: „Die Tatwaffe der neun Morde kann den Taten nur auf Indizienebene zugeordnet werden. Die gefundene Waffe musste zurückgebaut werden, damit sie beschossen werden konnte. Das Beschussgutachten ist streng geheim. In den Akten wird es nur referiert. Es ist nur ein sehr vages Indiz. Angesichts der Tatsache, dass etwa 30 solcher baugleichen Waffen der Serie ‚Ceska mit Schalldämpfer‘ von der Stasi zwischen 1986 und 1988 als Gastgeschenke im Nahen Osten und wohl auch an türkische Agenten verteilt worden sind, ist die Zuordnung rein juristisch betrachtet keine schwere Belastung des NSU.“

Weshalb die Spur der Ceska vehement in Richtung Schweiz verfolgt wurde, erschien László Tolvaj von Beginn an nicht nachvollziehbar. Noch heute bezweifelt er, dass in der Tschechoslowakei nur 24 Stück hergestellt worden seien. Im Gespräch mit Importeur Jan Luxik habe sich herausgestellt, dass zumindest 50 Exemplare inklusive Schalldämpfer hergestellt worden waren. „Und warum sind sich die deutschen Ermittler weiterhin so sicher, dass es sich überhaupt um eine CZ 83 mit Schalldämpfer handeln muss? Nur, weil die Todesschüsse kaum zu hören waren?“, fragt Tolvaj zurecht. Denn er hat die Schalldämpfer-Theorie einem praktischen Test unterzogen. „Per Zufall ist es mir gelungen, an eine Pistole der Serie heranzukommen. Da von der Polizei bereits beschossen, hatte der Besitzer nichts dagegen, diese noch einmal zu benutzen. So machten wir auf einem Schießstand Messungen mit diversen Patronensorten, mit und ohne aufgeschraubten Dämpfer und auch mit einem ‚PET-Dämpfer‘. Die Quintessenz dieser Versuche: Munition der Marke Winchesters Silvertips Hollow Point erzeugte einen Meter neben der Laufmündung ohne Dämpfer 120,5 dBA, mit Originaldämpfer 106,5 dBA, somit eine Dämpfung von -14 dBA. Minus sechs dBA entsprechen dabei einer Reduzierung des Schalldrucks um die Hälfte. Nun kommt aber das Beste: der erste Schuss aus einer Evian-Flasche brachte lediglich 94,7 dBA, die nachfolgenden Schüsse immer etwas mehr, weil das Material vorn aufplatzte. Die verbesserte Version mit Klebebandumwicklung hielt zwar der Beanspruchung länger stand, brachte beim ersten Schuss jedoch 102 dBA.“ Eine handelsübliche PET-Flasche als Schalldämpfer umfunktioniert reduzierte damit die Lautstärke beim Schuss stärker als der angeblich vom NSU verwandte originale Schalldämpfer.  

Selbst dass überhaupt irgendeine Art von Schalldämpfer benutzt wurde, sieht Tolvaj nicht als bewiesen an. Das BKA gab sich auch gegenüber ihm zugeknöpft. Konkrete Fragen seinerseits wurden aus „ermittlungstaktischen Gründen“ nicht beantwortet. „Schließlich hätte es sich auch um eine ‚normale‘ CZ 83 handeln können, welche in größeren Mengen in die ganze Welt verkauft worden sind“, so Tolvaj. Seit dem Jahr 2010 vermutet das BKA nun, dass sogar 55 Exemplare dieser besonderen Serie mit Schalldämpfer angehörten. Neben den 24 an Jan Luxik gelieferten Waffen seien 31 Stück an die Stasi geliefert worden. Aus abermals nicht genannten Gründen käme allerdings kein Exemplar aus diesem Kontingent als Tatwaffe in Frage. „Wie das Bundeskriminalamt zu dieser Erkenntnis kam, hat wohl mehr mit Glauben oder Kaffeesatzlesen zu tun als mit gründlicher Arbeit“, urteilt Tolvaj.

„Nach den Ereignissen in Zwickau stellen sich gleich mehrere Fragen. Zum Beispiel, weshalb ein angehender Terrorist in die 700 Kilometer entfernte Schweiz kommen muss, um eine für seine Zwecke geeignete Pistole zu erwerben, wenn Zwickau lediglich 20 Kilometer neben der tschechischen Grenze liegt. Offenbar war und ist den deutschen Ermittlern auch nicht geläufig, welcher ‚kleine Grenzverkehr‘ zwischen den beiden Nachbarstaaten bestand, vor allem in Sachen Waffen“, bekundet László Tolvaj gegenüber eigentümlich frei eine Ahnung.

Zwar gibt es bis heute kein offizielles Ermittlungsergebnis bezüglich der Seriennummer der als Tatwaffe präsentierten Pistole, doch inoffiziell will Tolvaj davon erfahren haben, dass die Waffe in den 1990er Jahren in der Schweiz auf dem Postweg „abhanden“ gekommen sei. Auf seine diesbezügliche Anfrage bei der Bundespolizei sei jedoch keine Reaktion erfolgt. Wie hat das BKA es geschafft, die gravierte und später von den Tätern weggeschliffene Nummer wieder sichtbar zu machen? Wo sind die von der amtlichen Prüfstelle an der rechten Griffstückseite angebrachten Beschusszeichen geblieben?

László Tolvaj prangert vor allem an, dass im Zuge der Ermittlungen zum NSU die Schweiz wie zu Zeiten der RAF als „Waffenselbstbedienungsladen“ gescholten wird. „Dieser Laden wurde damals in vorauseilendem Gehorsam vom damaligen Justizminister Furgler geschlossen. Im Nachgang stellte sich allerdings heraus, dass der Hauptlieferant von Waffen für die RAF die DDR war. Aber das interessierte später niemanden mehr. Die Medien nehmen nun wieder jeden Hinweis à la ‚Die Tatwaffe stammt aus der Schweiz‘ gerne entgegen und verbreiten dies unreflektiert und ohne Fachkenntnis. Das gibt darauf den Grünen und Linken wiederum die Gelegenheit, für eine Verschärfung des Waffengesetzes zu werben“, stellt Tolvaj abschließend fest.

Es stapeln also sich weiterhin Ungereimtheiten auf Fragen. Und selbst der Wunderkleber Ceska versagt zusehends. Oder stellt sich die Verbindung des NSU ins Ausland am langen Ende lediglich als französisch dar? Der Erwerb einer simplen Evian-Flasche wäre den Tätern schließlich mit sehr viel weniger Aufwand und Kosten verbunden gewesen. Uns erwarten mit Sicherheit noch viele Erfrischungen im Fall NSU.

ef über das Thema

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