20. September 2013

Vier letzte Einwürfe vor der Wahl (1) Wunschzettel

Lieber Wahlweihnachtsmann

Lieber Weihnachtsmann,

ich weiß noch nicht, ob ich mir am Sonntag selbst die Finger schmutzig mache, aber ein paar Wünsche habe ich doch. Nicht an oder für eine bestimmte Regierung. Deren Farbzusammenstellung macht ohnehin keinen Unterschied, ob sie nun schwarzgelb (sehr unwahrscheinlich), schwarzrot (höchst wahrscheinlich) oder rotgrün (fast unmöglich) schimmert, es wäre einerlei, wie alle Erfahrungen der letzten 20 Jahre zeigen. Bei all den vermeintlich unterschiedlichen Konstellationen würde sich tatsächlich nicht einmal die Rhetorik der Regierenden ändern, geschweige denn ihre Politik.

Was sich ab Sonntagabend tatsächlich ändern könnte, ist die Rhetorik und die Art und Themenwahl der Debatte im Parlament, der Umgang miteinander und vor allem mit abweichenden Meinungen. Denn es könnte eine Partei dem Kartell hinzutreten, die zumindest vor der Wahl nicht nur und ausschließlich das sagt, was die polithygienischen Gesundheitswächter sorgsam als clean testiert haben.

Die Aussicht auf das Wahlergebnis beginnt mir deshalb als interessierten Zuschauer langsam Freude zu machen. Allen voran der Absturz der Grünen. Drei Fehltritte auf einmal – Pädo-Affäre, Veggie-Day und Steuererhöhungen – das war selbst für manche DoppelnamenträgerInnen im Claudia-Roth-Gedächtniskostüm zu viel. Die Welt ist eben doch noch zuweilen gender- und sozialgerecht, wenn nun diese Grünen erstens Stimmen verlieren, zweitens in den einstelligen Bereich abrutschen und drittens von der Linkspartei überholt werden. Wie sagte der Grandseigneur der Hayek-Gesellschaft, Professor Erich Weede, letzte Woche beim Forum Freiheit in Berlin so schön: „Die Linke ist gefährlich, aber die Grünen sind gemeingefährlich.“ Und wenn er die Wahl nur zwischen Sahra Wagenknecht und Jürgen Trittin habe, dann würde er natürlich die Erstgenannte wählen. Gut so, lieber Weihnachtsmann, wenn deshalb auch die Wagenknecht als heimliche Vorsitzende der stärksten Nichtregierungsfraktion die Oppositionsführerin im kommenden Bundestag sein wird und nicht etwa einer dieser grünen Tanten und Onkels, die man besser nicht in die Nähe der Kinder lässt.

Und schön wäre es, lieber Weihnachtsmann, wenn Du uns gegen die schwarzrote Regierung gleich vier bunte Oppositionsfraktionen bescherst. Noch besser, wenn dann auch bei den anderen beiden die Reihenfolge stimmt, also die AfD vor der FDP liegt. Gut, bei der FDP wären mehr als fünf Prozent Gnade vor Recht, aber Du bist ja auch der Weihnachtsmann.

Und wenn Du die außerparlamentarische Route also doch noch einmal stecken lässt: Vielleicht bewirken auch knappe 5,1 Prozent ein kleines gelbes Wunder, wenn sie von einem Rekordergebnis an Erststimmen für Frank Schäffler sowie einer die FDP überrundenden AfD begleitet werden. Der Konkurrenzkampf in der Opposition dürfte dann spannend werden.

Lieber Weihnachtsmann, ich halte meinen Wunschzettel nicht für frech, ja eigentlich sogar für ohnehin wahrscheinlich. Also: Mach’ was draus!


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