11. September 2013

Bücher zur Freiheit Ayn Rand’s „Wer ist John Galt ?“

Schon jetzt ein Klassiker

Bei der in meinen Augen wichtigsten freiheitslüsternen Buchveröffentlichung des letzten Jahres neben Roland Baaders „Fauler Zauber” handelt es sich um eine deutsche Neuübersetzung eines 40 Jahre alten, 1.256 Seiten langen Romans. Mit der 1982 verstorbenen Autorin Ayn Rand stellt sich mit diesem Buch eine der schillerndsten Figuren freiradikalen Denkens dem deutschsprachigen Publikum vor. Ihr Leben, ihr schriftstellerisches Gesamtwerk und vor allem ihre Philosophie, die sie „Objektivismus” nannte, werden mit Sicherheit einmal Gegenstand einer ausführlichen Darstellung im Rahmen der Reihe „Denker der Freiheit” in dieser Zeitschrift sein. Soviel sei verraten: In den USA ist Ayn Rand jedem College-Student ein Begriff, in Umfragen rangiert ihr hier besprochenes, bekanntestes Buch nach der Bibel an zweiter Stelle in der Hitparade der Bücher, „die mein Leben veränderten”. In anderen Umfragen liegt Rand als „wichtigste Frau des Jahrhunderts” gleichauf mit der Popsängerin Madonna an der Spitze.

Wer ist nun dieser John Galt, der so viele begeistert und mindestens ebensoviele abschreckt? Ayn Rand präsentiert sich dem neugierigen Leser der deutschen Diaspora nicht nur als eine herausragende Philosophin des Egoismus, sondern überraschenderweise auch als eine Roman- Autorin, die es versteht, eine wunderbare Geschichte zu erzählen. Deshalb möchte ich empfehlen, selbst die Antwort zu suchen, in einem spannenden und inzwischen sehr gut übersetzten Buch.

Doch Vorsicht: Ayn Rands Bücher können eigentlich nur geliebt oder gehasst werden, dazwischen gibt es nichts. Oder in den Worten der drei Hauptkapitelüberschriften: „Widerspruchsfreiheit / Entweder - Oder / A gleich A”. Darunter befinden sich jeweils 10 Unterkapitel. Schon dies ist kein Zufall, sondern Ausdruck der Bewunderung der Dezimal-Mathematik und der Vergötterung der Logik.

Der gesamte Roman ist ein moralischer Aufschrei zur Verteidigung von Individualität und Kapitalismus. Rand war davon überzeugt, dass man den Kollektivismus nicht nur theoretisch-ökonomisch besiegen muss, sondern dass ohne die moralischen Argumente für die Freiheit immer die Kollektivisten gewinnen werden. Ein Blick in die bundesdeutsche Öffentlichkeit gibt ihr Recht: Erst wenn grundsätzlich die scheinmoralischen Floskeln vom „sozialen Frieden” und von der „sozialen Gerechtigkeit” als moralische Zumutung auf Kosten Dritter zurückgewiesen werden, dann wird auch die Idee der Freiheit mehr Verständnis ernten.

Ayn Rand argumentiert mit strenger, „objektivistisch-absoluter” Logik und mit der Waffe der Moral. Das könnte nach Überheblichkeit und Humorlosigkeit klingen. Und tatsächlich liest es sich auch ein wenig so. Die unbedingten Anhänger der Meisterin mögen mir verzeihen, aber das Buch wurde für mich gerade erst dadurch zum durchgängigen Genuß, dass ich über Ihre kalten Schwarz-Weiß-Comic-Charaktere an vielen Stellen laut lachen musste. Rand, die Selbstironie als das „größtmögliche psychologische Übel” und als „Spucken ins eigene Gesicht” bezeichnete, hat den Witz nicht erfunden und nicht gewollt, der ihre Helden begleitet, wenn man sie nicht gar so ernst nimmt, wie die „Königin der Vernunft” es sich erbat.

Abseits von ungewolltem Humor, von bestechender Logik und von moralischer Kraft sind in meinen Augen jene Stellen besonders gelungen, in denen Rand einfach nur den Nutzen der Freiheit beleuchtet. „Rand at its best” – als Utilitaristin. Auch das mögen die O-Jünger verzeihen. Denn meine drei unbedingten Lieblingsabschnitte sind die folgenden: Die Verteidigung des Geldes durch Francisco d’Anconia (S. 437ff.), die Abrechnung mit Robin Hood durch Ragnar Danneskjöld (S. 616ff.) und die eindringliche Beschreibung der Verelendung der „Twentieth Century Motor Company” durch einen Landstreicher (S. 705ff.). In dieser von den Erben kollektivierten Fabrik sollte jeder „nach seinen Fähigkeiten” arbeiten und jeder „nach seinen Bedürfnissen” bezahlt werden. Während d’Anconia und Danneskjöld neben utilitaristischen Argumenten noch überwiegend moralisch streiten, so ist die Darstellung der Vorgänge in der Fabrik mehr eine implizit utilitaristische Abrechnung mit dem Kollektivismus. Jedem Anarcho-Sozialisten seien gerade diese 15 Seiten schärfstens empfohlen.

Das 40 Jahre alte Meisterwerk Rands ist an den Stellen schockierend aktuell, genau und intensiv, wo sie die Eigendynamik des sich verselbständigenden Wohlfahrtsstaates und das charakterlose Politgeschacher unserer Tage geradezu prophetisch voraussagt und detailliert beschreibt.

„Wer ist John Galt?” ist schon jetzt ein Klassiker der Freiheit!

Information

Dieser Artikel entstammt der im März 1998 erschienenen Ausgabe eigentümlich frei Nr. 1 


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