10. September 2013

Sozialismus 25 Jahre Ossietzky-Schul-Affäre

Die DDR war schon eine andere geworden

Je länger die DDR zurückliegt, desto verklärter wird das Bild, das vom Land der Diktatur des Proletariats gezeichnet wird. Inzwischen sind schon Doktoren der Meinung, Luftverschmutzung hätte es nur punktuell in den Industriegebieten gegeben und um schöne Landschaften hätte der Smog einen Bogen gemacht.

Es ist auch immer häufiger zu hören, das Kinderbetreuungs-, und Bildungssystem wäre geradezu vorbildlich, ja nachahmenswert gewesen.

Für alle Krippenfans á la DDR gab es kürzlich eine kalte Dusche von Skisprung-Olympiasieger Sven Hannawald, der in seinem Buch beschreibt, wie sehr ihm die Krippe geschadet hat. Wörtlich: „Da habe ich einen Knacks erlitten. Dadurch hatte ich später Probleme, Menschen nah an mich heranzulassen, weil ich keinen Verlust erleiden wollte.”

Für die Freunde der DDR-Schule erinnert morgen die Deutsche Gesellschaft daran, wie das Regime mit Schülern, die missliebig wurden, umgegangen ist.

Zu Beginn des Schuljahres, am 1. September 1988, empfing der Direktor der Pankower Ossietzky – Schule, Forner, die neuen Schüler mit einer ungewöhnlichen Rede.

In der Sowjetunion würde Generalsekretär Gorbatschow erfolgreich eine neue Politik des Umbaus und der Transparenz praktizieren. Er, Forner, wolle auch an seiner Schule einen neuen Geist. Die Schulwandzeitung wäre sofort eine „Speakers Corner“, an der jeder Schüler seine Meinung frei und öffentlich sagen könnte. Unter den Zuhörern befand sich Karsten Krenz, der Sohn des damaligen Politbüromitglieds Egon, der später seinen Vater von den Vorgängen an seiner Schule informierte. Nach der Stasiaktenöffnung kam heraus, dass sich die Politbürokraten bis hin zu Honecker mit dem Fall befassten.

Es dauerte nicht lange, bis die ersten Schüler der freundlichen Aufforderung Forners folgten. Schon zehn Tage später pinnte Kai Feller einen Artikel an, in dem er sich gegen die Militärparade am bevorstehenden Jahrestag der Republik aussprach. Stattdessen sollte eine Party stattfinden. Das würde dem Anlass viel mehr entsprechen und zeigen, dass die DDR tatsächlich so friedliebend sei, wie ihre Führung behauptete. Die Mitschüler waren begeistert. Einige, darunter mein Sohn Philipp, starteten sofort eine Unterschriftenaktion.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Die Maßregelungen begannen mit „Aussprachen“ in den Klassen, die von extra herbeigeeilten Stasileuten und SED-Funktionären in Szene gesetzt wurden. Die Anklage, die auf „pazifistische Plattformbildung“ lautete, wurde von den Funktionären vorgetragen, anschließend mussten Lehrer und ausgewählte Schüler Stellung nehmen. Zum Schluss wurde über den Ausschluss der Missetäter aus der Freien Deutschen Jugend abgestimmt. Das verlief nicht überall nach Plan. In der Klasse meines Sohnes stimmte ein Mädchen dagegen, in einer anderen Klasse kam die Mehrheit für den Rausschmiss zunächst nicht zustande. Das wurde am nächsten Tag korrigiert.

Als nächstes wurde den Schülern in Einzelgesprächen mitgeteilt, dass sie mit ihrer pazifistischen Einstellung nicht würdig seien, Abitur zu machen. Wer nicht bereit sei, die DDR mit militärischen Mitteln zu verteidigen, könne nicht von ihren Bildungsmöglichkeiten profitieren.

Die Relegierung wurde dann vor der Schulvollversammlung vollzogen. Die Jugendlichen, damals gerade 16 Jahre alt, mussten einzeln vortreten, sich noch einmal alle ihre „Vergehen“ vorhalten lassen. Dann wurde die Begründung für ihre Relegierung verlesen und sie mussten allein die Aula verlassen. Die Inszenierung wirkte albtraumhaft auf die meisten Schüler. Einige Schülerinnen und Lehrerinnen fingen an zu weinen und wurden später dafür verwarnt.

Die Aula befand sich im vierten Stock an einem Lichtschacht. Nach dem Gesetz wäre die Schule verpflichtet gewesen, die Minderjährigen von einem Betreuer nach Hause bringen zu lassen, um spontanen Selbstmorden aus Verzweiflung vorzubeugen. Wie so oft, hielt man sich nicht an die Gesetze.

Den relegierten Schülern waren ab sofort alle höheren Bildungseinrichtungen versperrt. Sie hatten aber auch kaum Chancen, eine ordentliche Lehre aufnehmen zu können.

Der Fall der Ossietzky- Schüler hatte ein Nachspiel. Die Opposition erklärte sich solidarisch und veranstaltete in verschiedenen Kirchen Informations-, und Diskussionsabende. Dass DDR- Behörden Minderjährige maßregelten, war nicht zum ersten Mal vorgekommen. Es gab auch schlimmere Konsequenzen, als „nur“ Bildungsverbot. Aber die DDR war 1988 schon eine andere geworden. Die Öffentlichkeit nahm Willkürmaßnahmen des Regimes längst nicht mehr widerspruchslos hin.

Im Gegenteil, die Opposition bekam prominenten Zulauf, unter anderem Professor Jens Reich, Abteilungsleiter an einem Institut der Akademie der Wissenschaften.

Als ein Jahr später die Montagsdemonstrationen begannen, wurde die Ossietzky - Schul-Affäre in Berlin wieder zum Thema. Sogar in der „Berliner Zeitung“, damals noch Bezirksorgan der SED, erschien am Jahrestag der Relegierung ein Bericht, verbunden mit der Frage, ob die Relegierung nicht rückgängig gemacht werden müsste.

Von da an dauerte es nicht mehr lange. Am 12. November, zwei Tage nach dem Mauerfall, wurden die Schüler feierlich in der Aula wieder aufgenommen, von dem Direktor, der sie gefeuert hatte.

Ich saß mit meinem Sohn, seine Freunden und den anderen Eltern in der ersten Reihe.

Hier wurde mir klar, dass wir das Regime besiegt hatten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.

ef über das Thema

Die herrschende Klasse in der DDR


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