09. September 2013

Syrien-Konflikt Du lügst so heiß wie ein Vulkan

Wirtschaft, Geld und Rente bricht, transatlantische Liebe nicht.

„Er lügt, und er weiß, dass er lügt. Es ist traurig“, so Russlands Premier Putin über „Bonesman“ John Kerry, den Außenminister der Vereinigten Staaten. Wäre die Situation nicht in der Tat so tödlich ernst und deprimierend, müsste man sich über Kerry allerdings schief und scheckig lachen. Denn letzte Woche bezog sich der Sprössling einer Familie des sogenannten „Ostküsten-Adels“, des „Eastcoast-Establishments“, ganz stolz auf einen angeblichen Beweis für den C-Waffen-Einsatz durch das Regime Baschar al-Assads, der bereits vor einem oder anderthalb Jahren zu Propagandazwecken eingesetzt wurde – und schon damals als Täuschungsversuch entlarvt wurde. Es handelte sich um ein Foto, das zahllose mit weißen Tüchern bedeckte Leichen zeigt. Dieses stammt allerdings nicht aus Syrien, sondern wurde 2003 im Irak geknipst. Von einem italienischen Fotografen, der sich nach dem Missbrauch seines Werkes sofort zu Wort meldete und konsterniert fragte, warum Bilder aus dem Irak als „Beweismaterial“ gegen das syrische Regime Verwendung fänden. Peinlich. Noch mehr kann sich eine „Supermacht“ wohl nicht mehr blamieren. Denselben Gimmick zweimal bringen – Yps!

Nun ist Putin zwar auch nicht unbedingt die lebende Definition von Ehrlichkeit und entspricht sicher auch nicht der Schröderschen Krizzelskizze eines „lupenreinen Demokraten“; trotzdem liegt er mit seiner Behauptung über Kerry alles andere als falsch. Auf dem G20-Treffen wurde zudem überdeutlich, wie die meisten der teilnehmenden Staaten einem alleinigen Waffengang der USA gegenüberstehen. Die Ergebnisse in Kurzform: Es scheint sehr eng zu werden für die Kriegstreiberfraktion in Washington sowie im Pentagon, die sich nicht nur im Ausland heftiger Kritik ausgesetzt sieht, sondern sogar aus den Reihen des eigenen Militärs und der Geheimdienste mit zunehmendem Widerstand konfrontiert wird und, so behaupten Insider, im Falle eines Angriffsbefehls durch ihren Oberbefehlshaber angeblich sogar mit einer kleinen „Meuterei“ rechnen muss. Wenn selbst ein Zbigniew Brzeziński, der seit der Regierung Carter als „Papst“ der US-Geostrategie und Außenpolitik, als Mastermind, prominentester Wortführer und Hardliner der „Pax Americana“, als strenger Befürworter einer amerikanisch dominierten Weltpolitik bezeichnet werden kann, sich mittlerweile schon kritisch über das Vorgehen der Regierung Obama in puncto Syrien äußert und von „Massenpropaganda“ spricht, die der Lage nicht gerecht werde, ist das in seiner Bedeutung ungefähr vergleichbar damit, als hätte Helmut Kohl kurz vor Einführung des Euro öffentlich Zweifel an der Einheitswährung angemeldet.

Sieht man einmal von den anderen Beteiligten in der Region selbst ab – Saudi-Arabien und Katar haben vitale Interessen an einer Zerbröselung Syriens, die allerdings nicht das Geringste mit aufrichtiger Empörung über von wem auch immer verübte Giftgaseinsätze und auch nicht viel mit den vielzitierten religiösen Spannungen zu tun haben, sondern weitaus weltlicherer Natur sind (Stichwort Ressourcen) –, fragt man sich, was genau die Vereinigten Staaten, deren Finanzrumpf senkrecht im Wasser steht wie die Titanic kurz vor ihrem Untergang, durch einen sogenannten „zeitlich begrenzten Eingriff“ eigentlich zu erreichen hoffen. Erstens, weil sie eine sowohl zeitliche als auch regionale Begrenzung gar nicht garantieren können, zweitens vor allem deshalb, da ein weiterer Kriegseinsatz eigentlich nicht mehr finanzierbar ist. Man kann Kerry immerhin zugutehalten, dass er zumindest in diesem Punkt ehrlich war, als er öffentlich verkündete, finanzielle Hilfe arabischer Staaten (!) zur Finanzierung des Angriffskrieges sei herzlich willkommen. Es bleibt ihm auch nichts anderes übrig, denn die USA werden im Oktober zum wiederholten Male nackt dastehen: Dann wird abermals der Debtpot geknackt, der in den letzten Jahren nur durch Anhebung der Schuldenobergrenze mit Ach und Druckmaschinenkrach und allerlei Bilanzfälscherei zum halbvollen Glas faulgezaubert werden konnte.

Die Folgen eines Einsatzes in Syrien sind hinsichtlich der möglichen Entzündung eines von vielen Beobachtern und Kommentatoren befürchteten „Flächenbrandes“, der Involvierung benachbarter Staaten sowie Russlands und Chinas momentan so gut wie unüberschaubar. Eines lässt sich jedoch schon heute mit 100-prozentiger Sicherheit sagen: Verbessern wird sich dadurch gar nichts in Syrien, im Gegenteil. Sämtliche Kriege, angefangen vom Irak über Afghanistan bis zu Libyen, haben die Länder weder demokratisiert noch „befriedet“ oder „befreit“. Warum sollte es dieses Mal anders sein und statt Chaos rote Rosen regnen? Zu erwarten steht, dass dieselbe Strategie zur Anwendung kommen wird, die auf eine, wie Henry Kissinger letztens in einem Interview zugab, „Balkanisierung“, also eine Zersplitterung des Landes hinausläuft. Konkret: Man möchte das Land auf politischer Fiebertemperatur halten, um ihm leichter die eigenen regional-, geo- und energiepolitischen Konditionen diktieren zu können. Die vermeintlichen Ärzte zur „Heilung“ Syriens von der „Assaditis“ und ihre Hilfschirurgen – die USA, Frankreich, Saudi-Arabien, Katar, die Türkei – dürften angesichts der erwartbaren Resultate jetzt schon in ihren Mundschutz grinsen. Wer trotz aller desaströsen Folgen der seit 2001 geführten Kriege immer noch glaubt, es ginge bei solchen Missionen um Frieden und Völkerbefreiung oder dieses Mal werde alles ganz anders, sollte nicht lange zögern, sondern sich gleich ein „Bild“-Abonnement auf Lebenszeit zulegen. Schon jetzt hat ein reger Flüchtlingsstrom aus Syrien eingesetzt – gerade auch angesichts der Kriegsdrohungen. Die Christen, die unter Assad, der nun auch nicht ganz so garstig ist, wie er von willfährigen Schreibtisch-Goebbelanten im Interesse von Blitzkriegstreibern gerne überzeichnet wird, immerhin Schutz genießen, dürfen sich bei einem Sieg der „Rebellen“ und der zu erwartenden politischen Radikalisierung schon jetzt über weitere Massaker freuen.

Nicht nur Russland, auch China hat nun Schiffe an die syrische Küste entsandt – zur „Beobachtung“ der Lage, wie es offiziell hieß. Das ist natürlich Diplomatensprech. Übersetzung: Wir stellen hier jetzt mal ein paar Warnschilder für pathologisch juckende Abzugsfinger auf. Man kann Moskau und Peking um einer ausgewogenen Betrachtung willen ja gerne vorwerfen, sich ebenfalls an einem außen- beziehungsweise geopolitischen Machtgezeter, einem Tauziehen zu beteiligen, das auf dem Rücken des syrischen Volkes bereits mehr als genug tiefe, blutige Striemen hinterließ. Man kann sie selbstverständlich auch gerne für so manche fragwürdige innenpolitische Entscheidung kritisieren, obwohl sich gerade die amtierende US-Regierung diesbezüglich tunlichst zurückhalten sollte, unter deren Herrschaft es entgegen aller noch so verzweifelt verträumten Behauptungen schlafwandelnder deutscher Realitätsverweigerer, es handele sich um eine „funktionierende Demokratie“ und einen „Rechtsstaat“, es derzeit alles andere als vorbildlich freiheitlich zugeht. Kommt es aber auf die Außenpolitik, fällt eine Bilanz für die letzten 20 Jahre eindeutig zuungunsten Captain Americas aus: Schließlich waren es bei aller gerechtfertigten Kritik nicht China und Russland, die unentwegt andere Länder überfielen. Solche lästigen Feinheiten sucht man in den Ausscheidungen eines Großteils hiesiger Presse-Organellen leider vergeblich. Es finden sich nur noch selten goldgelbe Maiskörner in den Propagandahäufchen, die sie Zuschauern und Lesern als ausgewogene, nahrhafte Informationskost feilbieten. US-Außenpolitik ist immer und ausnahmslos von alternativloser Güte – keine Widerrede! Ein besonders stark hinter der Zeit herhinkender Blogger ließ sich gar zur erstaunlich dünnpfiffigen Behauptung hinreißen, es handele sich bei allen Vorwürfen gegenüber Amerika doch nur um „vermeintliche Kriegsvergehen“. Es kann eben nicht sein, was nicht sein darf. Weltweite Kritik? Jahr für Jahr weitere Enthüllungen über US-Schweinkram? Die tragen doch alle Alu-Hüte! Alles gelogen, alles nur Majestätsbeleidigung!

Immerhin schreiben viele korrekterweise noch ein „mutmaßlich“ vor die Anschuldigungen. Andere setzen es in Klammern: (mutmaßlich). Eine journalistische Ausklammerung zur Vorwegnahme derjenigen von Völkerrecht und Ethik durch die patentiert Guten. Wieder andere lehnen sich auflagensturzbereit aus dem Fenster, indem sie gleich von einem „Einsatz chemischer Waffen durch das Assad-Regime“ sprechen, rumms, basta, als handele sich um eine unumstößliche Tatsache. Der „Zerrspiegel“ machte durch die Veröffentlichung fröhlichen Gehetzes gegen den von Kerry geschichtsironischerweise auf eine Stufe ausgerechnet mit US-Zögling und Giftgaskunde Saddam Hussein und Synthetikbenzin-Besteller Hitler gestellten Assad von sich reden.

Während seines Besuches in Schweden musste sich Obama einige sehr unangenehme Fragen stellen lassen, die ihn sichtlich in Verlegenheit brachten. Er schien irritiert und fühlte sich unwohl, als man ihn daran erinnerte, dass er als Friedensnobelpreisträger sich doch zunächst mal um eine nichtmilitärische Lösung bemühen sollte, statt – obendrein auf einer „Beweisbasis“ von der Festigkeit eines Wackelpuddings – gleich in die Kriegstrompete zu blasen. Dummerweise war kein Monitor zugegen, der eloquent vorgefertigte Antworten zum Ablesen bereithielt. Der Präsi geriet ins Schleudern. Natürlich – weiß er doch sehr genau, dass er solche Fragen gar nicht zufriedenstellend beantworten kann, ohne in einem Sumpf aus Widersprüchen und Lügen zu versinken. So dumm, naiv, vergesslich oder schlecht informiert, für wie man sie arroganterweise gerne hält, ist die Restwelt außerhalb des Washingtoner Regierungsbezirks dann doch nicht. Sie weiß mittlerweile um die regierungsamtlichen Verbindungen und die Geschichte al-Qaidas, sie weiß um die Waffenlieferungen an islamistische Rabauken über Scheinkonsulate wie in Bengasi, sie weiß um die Ausbildungscamps an den Grenzen Syriens, in denen ausländische Geheimdienste Terrornachwuchs hegen und pflegen, sie weiß um die notorische Mythomanie des TAFKAUSG (The Artist formerly known as US-Government) durch die gesamte Kriegsgeschichte des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Die hollywoodeske moralische Infantilisierung, die US-politische und -massenmediale B-Movie-Unterteilung der Welt in James Bond und Dr. No finden immer weniger Menschen unterhaltsam. Noch nicht mal für'n Dollar.

In einer großangelegten Telefonaktion las eine überwältigende Mehrheit der Amerikaner ihren Kongressabgeordneten die Leviten. Es hagelte Massenproteste, ein Krieg in Syrien ist in der Bevölkerung so beliebt wie eine Darmspiegelung. Manche Quellen sprachen gar von einer 99-prozentigen Ablehnung. Auf Youtube sorgte ein Video für Furore, das eine syrische Frau beim kunstgerechten Filettieren Senator John McCains zeigt, dessen PR-Kampagne für ein herzhaftes Zubeißen in Syrien durch die mehreren Hunderttausend Dollar Wahlkampfspenden, die er von Rüstungsfirmen erhielt, auch schon ausreichend erklärt sein dürfte. „I beg you“, „Ich flehe Sie an“, so die resolute Dame mit bebender Stimme, „wir wollen keinen zweiten Irak oder ein zweites Afghanistan. Wir wollen nicht von al-Qaida regiert werden. Man muss Assad ja nicht mögen, ich bin auch kein Fan, aber immerhin führt er eine säkulare Regierung. Ich bin Christin, ich habe Familienangehörige in Syrien und wir können uns einen Krieg dort nicht leisten“. McCain schrumpfte sichtlich zusammen und nickte mechanisch wie ein Wackeldackel auf der Hutablage eines Kleinwagens. „Wir wollen hier jede Sichtweise respektieren“, so der Senator, woraufhin ein Zuhörer aufsprang und empört rief: „Sie respektieren gar keine Sichtweisen. Wir haben Sie nicht gewählt, um uns in einen Krieg zu verwickeln, wir haben Sie gewählt, um einen zu verhindern.“

Folgt man den sattsam bekannten Argumentations-Hohlgässchen in diversen deutschen Beihilfeleistungs- und Volksverhetzungsblättchen, wären die USA also überwiegend von populistischen Kriegsskeptikern bevölkert, denen der vorwiegend mit selbstgebrauten Gründen gurgelnde Blutdurst ihrer militärisch-industriellen Komplexregierungen beziehungsweise der Kriegs- und Kreditbetrugskabale, die das Land seit 100 Jahren in politischer Geiselhaft hält, zunehmend auf den Zwirn geht. Auch die Franzosen lehnen eine Intervention mehrheitlich ab – Hollandes pornografische Posen als williges Flittchen des Kriegsgottes haben nicht, wie von ihm erhofft, als Popularitäts- und Zustimmungs-Viagra gewirkt, sondern wie Brechwurz-Konzentrat. Vor dem Hintergrund der schwächelnden türkischen Lira sowie bedenklichem Börsengestolper im Land am Bosporus kann es auch kaum überraschen, dass Erdoğan – darin Hollande nicht unähnlich – nun den militärischen Muskelprotz markiert und durch albernes Weltreichgehabe zu punkten hofft. Auch er verlor kräftig an Zustimmung. Ein Staatschef, der noch vor kurzem Demonstranten niederknüppeln und -schießen ließ, diese dann auch noch pikiert fragt, warum sie denn „seine“ Polizei angriffen und zur Vervollständigung der Selbstdemontage dem Nachbarn im angrenzenden Syrien moralische Standpauken hält, kann sich auch gleich selbst abwählen.

Kurz und gut, nicht nur viele Amerikaner, sondern Menschen aller Herren Länder haben die Lügen gründlich satt, die Dauerintrigen, politischen Winkelzüge, die erstunkenen und erlogenen „Beweise“ zur Legitimierung von Kriegsverbrechen und Massenmord, die Endlospropaganda, die mit krimineller Energie stets neu aufgeladene, unermüdliche Kriegshetze. Selbst der gutmütigste, geduldigste oder phlegmatischste Mensch kann angesichts des penetranten, geistlosen Kriegstrommeltechno, der die zivilisatorischen Werte, auf die man sich doch so viel einbildet, geradezu ad absurdum führt, eigentlich nur ein Magengeschwür in der Größenordnung eines Basketballs bekommen. Sollte Obama Syrien trotz der massiven Widerstände dennoch angreifen, wird er die Vereinigten Staaten in eine verheerende Situation bringen. Sie werden zunehmend isoliert dastehen, der jetzt schon deutlich ramponierte Ruf wird für lange Zeit irreparabel beschädigt sein. Von den möglichen, noch fataleren Folgen für die Welt ganz zu schweigen.


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