25. August 2013

Intro Wozu eine Streitschrift für die Freiheit ?

Warum eigentümlich frei?

Warum eigentümlich frei? Warum ist eine Streitschrift für die Freiheit im “freiesten Staat deutscher Geschichte” so nötig wie nie zuvor? Weil - abgesehen davon, daß Freiheit und Staat ohnehin schwerlich zusammenpassen - die Fehldiagnose des “freiesten Staates deutscher Geschichte” wohl nur vor dem Hintergrund der deutschen Geschichts-neurose und der Gleichsetzung der deutschen Vergangenheit mit 13 tausendjährigen Jahren zu erklären sind.

Mein Körper

Die freiheitliche Diagnose dagegen gelangt zu einem erschütternden Befund: Mein Körper gehört diesem Staat, denn der entscheidet, welche Stoffe ich zu mir nehmen darf, auf welche ich bei Strafandrohung zu verzichten habe und für welche er eine zusätzliche steuerliche Preiserhöhung durchsetzt. Bin ich eine Frau, dann entscheidet dieser Staat darüber, wann ich ein Kind auszutragen habe. Bin ich ein Mann, dann muß ich gegen einen Hungerlohn länger als ein Jahr meines Lebens alleine dem Staat dienen und seine Waffen putzen oder ein staatlich-marodes Gesundheitssystem vor dem Zusammenbruch retten. Als Kind werde ich zum Besuch von Schulen gezwungen, die meine Eltern zwangsfinanzieren müssen ohne wirklich Wahl und Einfluß auf Lehrinhalte zu haben.

Meine Arbeit

Meine Arbeit und damit ein großer Teil meines Lebensinhaltes gehört immer mehr diesem Staat. Inzwischen behält er die Hälfte meines Lohnes gegen meinen Willen für sich. Er legt Bereiche fest, in denen ich arbeiten darf und andere, in denen es mir verboten ist. Oder anders gesagt: Der freiwillige Tausch einiger Waren mit freiwilligen Käufern oder Verkäufern ist mir von diesem Staat verboten. Mit seiner Hilfe schützen sich alteingesessene Handwerker, Ärzte, Landwirte, Bergarbeiter, ja mit Hilfe staatlich geförderte Gewerkschaftsmacht letztlich alle beruflich Tätigen - ob als Arbeitnehmer oder Unternehmer - vor neuer Konkurrenz und neuen Ideen, vielleicht vor meinen Ideen und vor meiner Arbeit.

Mein Glauben und mein Denken

Auch schreibt dieser Staat inzwischen vor, was ich zu glauben und zu denken habe. Als staatlich ausgespähter Neonazi werde ich an manchen Tagen ohne irgend etwas getan zu haben “sicherheitshalber” zu Hausarrest verdonnert und muß mich dreimal täglich bei der Polizei melden. Als Kommunist wird mein geschriebenes Wort “radikal” verboten. Als Anhänger von Scientology werde ich von staatlichen Organen für vogelfrei erklärt - unabhängig von eigenen Aussagen oder gar Taten. Dieser Staat bestreitet mir meinen Glauben, grotesk, da doch nur ich definieren kann, ob etwas mein Glauben ist. Und dieser Staat behindert mein Denken und verbietet meine freiwilligen Gemeinschaften, wenn mein Denken ihm nicht genehm ist.

Meine Beziehungen zu anderen

Dieser Staat zerstört meine Beziehungen zu meinen Freunden und meiner Familie, indem er sich - und nicht mich - für deren Hilfe in allen Lebenslagen zuständig erklärt. Ich muß diese anonyme, teure Maschine dann bezahlen. Auch zwingt dieser Staat mich, mit seinem täglich wertloser werdenden Inflationsgeld zu handeln, obwohl ich und meine Handelspartner andere Währungen bevorzugen würden. Am Ende wird sogar mein letzter Wille mißachtet und dieser Staat beteiligt sich auch noch als Leichenfledderer an meinem Erbteil.

Zwang - nichts als Zwang

Zur Mitgliedschaft im Unternehmen BRD werde ich per Geburt gezwungen. Keiner hat mich gefragt. Als Student werde ich zu Zwangsbeiträgen für meine aufokroyierten „Vertreter“ gezwungen, so wie als Unternehmer für die Zwangs-IHK - und als Arbeitnehmer in eine ruinöse Rentenzwangsanstalt. Von der Wiege bis zur Bahre - mein Leben in diesem Lande wird degradiert von privater Eigenverantwortlichkeit zur politisierten Angelegenheit des Kollektivs. Beinahe jede persönliche Entscheidung wird zur Staatssache gemacht. Keiner ist dann mehr verantwortlich und kann für die Folgen zur Rechenschaft gezogen werden.

Der “freieste Staat deutscher Geschichte”?

Vor dem ersten Weltkrieg existierte noch keine Einkommenssteuer und der Anteil des Staates am Bruttosozialprodukt lag bei 10 Prozent. Nach dem 2. Weltkrieg hatten Weimarer Demokraten und Nazis den Staat bereits auf über 30 Prozent anwachsen lassen. Heute liegt der Anteil dieses Staates bei weit über 50 Prozent. 1950 kamen auf jeden Staatsbediensteten vier Beschäftigte im privaten Sektor, heute beträgt das Verhältnis trotz einer Reihe von Scheinprivatisierungen Eins zu Eins. Steuern, Abgaben und öffentliche Schulden steigen jedes Jahr auf inzwischen unfassbare aber immer spürbarere Summen. Dieser Staat ist bankrott und versucht, seinen Offenbarungseid mittels einer neuen fernen Währung zu verschleiern. Menschen aus anderen Ländern, die hier Ihr Glück suchen, wird brutal der Aufenthalt verweigert, obwohl teilweise z.B. Kirchen oder Geschäftspartner dafür bürgen, daß sie keinem zur Last fallen. Andere werden - ohne dafür arbeiten zu dürfen - auf Kosten der Steuerzahler versorgt.

Bürgerkrieg

Die planwirtschaftlichen Renten-, Bildungs-, Gesundheits- oder Landwirt-schaftsysteme stehen vor dem Kollaps. Der Rest an Markt zwischen den Menschen kann die immer gefräßiger werdenden Monstren nicht mehr ernähren. Der Staat ist immer mehr als das erkennbar, was er ist: als Bürgerkrieg aller (Interessengruppen) gegen alle (Interessengruppen), ob im Generationenkonflikt oder bei steinewerfenden Bergarbeitern. Die Arbeitslosigkeit steigt mit den steigenden Staatsanteilen stetig an, wie bereits vor Jahrzehnten von liberalen Ökonomen vorhergesagt.

Der Staat = einzelne Menschen = einzelne Täter

Politiker und Bürokraten handeln nur allzu menschlich, wenn sie die Probleme, die ohne sie nie entstanden wären, im eigenen Interesse nicht lösen. Denn ansonsten würden sie selber arbeitslos werden. Politiker müssen also leider so sein, wie sie sind. Sie müssen aus eigenem Interesse behaupten, daß es schlecht sei, wenn Menschen auf dem Markt ihr Leben selber meistern.

Für den Markt

Es ist an der Zeit, endlich Aufklärungsarbeit zu leisten: Nicht die zwischenmenschlich-produktiven Beziehungen des Marktes sind „sozial kalt“, sondern die anonym-vernichtenden Bürokratien des Staates! Wer den Markt ausschaltet handelt unmoralisch. Der Markt ist das Ordnungs- und Entdeckungsverfahren, welches am menschlichsten ist, da es den Menschen so nimmt wie er ist und durch seine unsichtbare Hand das - nicht unbedingt materielle - Gewinnstreben jedes Menschen für andere zum Vorteil gereicht. Wer auf den starken, angeblich „sozialen“ Staat setzt, muß von perfekten Menschen im Staatsdienst ausgehen, die so neutral, barmherzig, allumfassend durchblickend und wirtschaftlich sinnvoll handeln, wie es alleine der Markt kann. Wenn die Menschen so wären, dann bedürfte es kaum des Staates. Wenn dagegen die Menschen mit Vorsicht zu genießen sind, dann ist das Gewaltmonopol Staat ein Spiel mit dem Feuer, da es gerade die Schlechtesten von ihnen anziehen wird.

Eigentümlich freie Ansichten?

Die bisher geäußerten radikalen Gedanken werden jene Leser verwirren, die sie erstmals vernehmen, jene, die es gewohnt sind, in Kategorien des Staates zu denken. Wer für die Freiheit streitet, der kennt vielleicht den Ausspruch eines sichtbar irritierten Gegenüber: “Das sind mir ja eigentümlich freie Ansichten!” Aber ja!

eigen - eigentümlich - Eigentum

Eigentümlich - ein Wort, welches dem Eigentum entsprungen ist. Eigentum - das ist der Schlüssel zur Freiheit. Der Massenmensch kollektivistisch-totalitärer Ideologien ist eine Nummer, austauschbar und gewöhnlich, nicht eigentümlich. Er muß andere um Erlaubnis bitten. Menschen mit Eigentum dagegen treiben damit für andere eigentümliche Dinge. Sie alle unterscheiden sich in ihrer Vorstellung vom Glück. Mit Eigentum kann jeder tun und lassen, was er für richtig hält, solange er die Eigentumsrechte des anderen nicht berührt. Diese eigentümlichen Grundgedanken sind zugleich die Definition der konsequenten liberalen Ideologie: Freiheit gleich Eigentum!

Liberalismus

Die Freiheit als Abwesenheit von Zwang ist Ziel, Mittel und Weg des Liberalismus und der höchste Wert der Liberalen, zumindest jener konsequenten Liberalen, die sich aufgrund der Kompromißsucht eines “liberalen” Mainstreams heute auch hierzulande vielfach “Libertäre” nennen, frei nach den amerikanischen Liberalen, den “Libertarians”. Gegner der Freiheit war und ist für Liberale der Staat - ob als notwendiges oder als überflüssiges Übel - er ist der Inbegriff von Zwang und Gewalt. Alle Liberalen möchten den Staat in seiner Ausdehnung reduzieren. Die radikalen Liberalen (z.B. Murray Rothbard) halten ihn nicht mehr für notwendig - sondern für ein vermeidbares Ungeheuer. Ein solcher libertärer Liberalismus plädiert für das Rechtssystem der Anarchie und für das Wirtschaftssystem des Kapitalismus, denn jeder Mensch hat das unveräußerliche Recht, in Freiheit zu leben.

Anarchismus

Gegner des Staates und Verfechter der Freiheit sind neben diesen Liberalen auch alle Anarchisten. Sozialistische Anarchisten (z.B. Peter Kropotkin) und kapitalistische Anarchisten (z.B. David Friedman) streiten über die angemessene Eigentumsform, die einen für Gemeineigentum, die anderen für Privateigentum. Sind beide Positionen unvereinbar? Oder sind sie - eigentümlich frei besehen - dann durchaus kompatibel, wenn Sozialisten auf Gewalt und Zwang verzichten und Privateigentum ausschließlich freiwillig in Gemeineigentum verwandeln? 

Kapitalismus

Verfechter von Freiheit und Privateigentum im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung sind auch alle Kapitalisten. Manche Kapitalisten verbinden die Wirtschaftsordnung des Marktes mit der Rechtsordnung der Anarchie (anarchistischer Kapitalismus - s.o.), konservativere Kapitalisten setzen dagegen auf eine staatliche Rechtsordnung (z.B. Ayn Rand). Erneut: Sind beide Positionen einander ausschließend? Oder sind sie - eigentümlich frei besehen - dann einander verträglich, wenn Etatisten auf Gewalt und Zwang verzichten und den Staat ausschließlich als freiwillige Angelegenheit betreiben?

Marktplatz

Liberale, Kapitalisten und Anarchisten stehen sich häufig fremd gegenüber. Zu unterschiedlich ist die kulturelle Herkunft - zu unterschiedlich sind oft auch die Ansichten. Ob für Kritische Rationalisten oder Objektivisten, ob für Österreichische Schule oder Public-Choice-School, ob für Freiwirtschaftler oder Freidenker, ob für Freunde von Friedrich Nietzsche, Max Stirner oder Ernst Jünger - “eigentümlich frei” versteht sich vor allem als ein Ort - ein Marktplatz - an dem verschiedene Vertreter der Freiheit ihre Meinung anbieten. Liberale Minimalstaatler und Anarcho-Kapitalisten, sozialistische Anarchisten und etatistische Kapitalisten - sie alle haben sich als Freunde der Freiheit einiges zu sagen.

Diese Zeitschrift will dafür Forum sein, als Marktplatz für Liberalismus, Anarchismus und Kapitalismus - eigentümlich frei! Für die Freiheit!

Information

Diesen Artikel entstammt der im März 1998 erscheinenden Ausgabe eigentümlich frei Nr. 1


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