17. Juli 2013

„Cicero“-Chefredakteur als „Wirling“ Ist der Staat moralisch bankrott, hilft nur noch der liebe Gott

Wie man aus einem Erklärungsnotstand ins Metaphysische flüchtet

„Wenn der Mensch perfekt wäre, dann könnte man gerne über die Herrschaft der Freiheit nachdenken. Wenn jeder Mensch die Kantsche Einsicht in sich trüge und auch beherzigte, dass man stets so handle, dass die Maxime des eigenen Handelns zu einem allgemeinen Gesetz erhoben werden könnte, dann ließe ich mit mir über die Herrschaft der totalen individuellen Freiheit reden. Dem ist aber nicht so. Da können wir unseren Kindern noch so oft und noch so richtigerweise die Kindervariante von Kant vorbeten: Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg auch keinem andern zu. Wir werden uns nicht daran halten, zumindest nicht durchgängig. Deshalb braucht es einen Staat, deshalb braucht es eine Definition des Wir, auf das sich die große Mehrheit eines Gemeinwesens verständigt. Dafür hat der liebe Gott übrigens den Juden und Christen die Zehn Gebote gegeben. Du sollst dies nicht, du sollst das nicht, sagt darin der liebe Gott. Es muss sich bei diesem Gott auch um einen schlimmen Freiheitsfeind und Etatisten handeln.“

Mit den letzten beiden Sätzen, nachzulesen in einem auf cicero.de veröffentlichten Artikel („Es gibt sie eben doch, diese Gesellschaft“), unterschreibt Autor Christoph Schwennicke seine intellektuelle Kapitulationserklärung  vor der Machtproblematik des staatlichen Gewaltmonopols. Sich in einer Diskussion zur Frage, ob und in welchen Grenzen individuelle Freiheit  vom Staat eingehegt und zum Wohle des „Wir“ beschnitten werden müsse, auf eine ominöse metaphysische Instanz zu berufen, ist eigentlich schon albern, unsachlich und unseriös genug; diese gleichzeitig auch noch ganz unverhohlen mit dem Staat beziehungsweise dessen normgebender Macht gleichzusetzen – damit liefert Schwennicke ein Musterbeispiel für genau diejenige liturgische Apotheose des Staates, die „Ichlinge“, wie er sie verächtlich nennt, an realitätsblinden Etatisten wie ihm völlig zu Recht kritisieren.  

Ich möchte dem obigen Auszug aus Schwennickes Artikel einige Zeilen des Philosophen Karl Jaspers entgegenhalten: „Die Alternative zur politischen Freiheit ist in der Tat die Gewalt der Autorität. Die Herrschaft einer kleinen Minorität über die große Majorität im Namen einer von allen anzuerkennenden Autorität. Gegen den autoritären Herrschaftszustand spricht aber unüberwindlich der Satz: Es sind immer Menschen, die über Menschen herrschen. Nie ist Gott oder die absolute Wahrheit in der Welt, es sind immer nur Menschen, die im Namen Gottes oder im Namen der absoluten Wahrheit die Autorität beanspruchen, nicht Gott oder die Wahrheit selbst. Es sind nur Menschen, die Gewalt im Dienste der Autorität anwenden, nicht Gott oder die Wahrheit. Diese Autorität verdient keinen Glauben, sie ist in jeder ihrer Gestalten durch schändliche, niederträchtige, böse Handlungen diskreditiert.“

Das kann man wohl laut sagen. Schwennicke scheint entgangen zu sein, dass der von ihm zur absoluten Notwendigkeit verklärte Staat im 20. Jahrhundert ein beachtliches Schuldkonto an zahllosen Millionen Völkermordopfern anhäufte – und sich leider auch im frühen 21. Jahrhundert diesbezüglich recht unreflektiert und uneinsichtig zeigt. Das derzeitige, immer wüster um sich schlagende Verhalten der US-Regierung  in innen- wie außenpolitischen Fragen unerstreicht den letzten Satz des Jasper-Zitats auf ebenso traurige und für das Zusammenleben der Menschen, also das „Wir“, alles andere als förderlichen Weise wie das Gebaren unserer Bundesregierung in Sachen Euro-„Rettung“ oder der für Europa fatale Machthunger des Zentralkraken in Brüssel. Dasselbe gilt selbstverständlich für die Regime in China oder Nordkorea, in Saudi-Arabien oder Bahrain, kurz, überall dort, wo Staaten sich zu autoritären oder gar totalitären Monstern aufschwingen.

Schwennicke geht einem Denkfehler auf den Leim, wenn er gesellschaftliches „Wir“ und „Staat“ in eins setzen zu können glaubt – es handelt sich dabei um einen staatlicherseits gerne verbreiteten Mythos. Die geistige Schranke in den Köpfen der meisten Etatisten, die sie einfach nicht zu überschreiten fähig sind, wird auch an einer anderen Stelle seines Artikels deutlich, in der er sich auf die berühmte Äußerung Margaret Thatchers bezieht, es gebe keine Gesellschaft: „Es gibt sie aber eben doch, diese Gesellschaft. Sie ist die Gesamtheit aller Individuen in einem definierten Raum. Sie verständigt sich auf Normen des Verhaltens im Zusammenleben, diese Normen sind entweder festgeschrieben, dann sind sie Gesetze (wie in allen anderen Ländern der Welt zum Beispiel jene zur Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen), oder es sind ungeschriebene Verhaltensmuster im Umgang miteinander, die sich bewährt haben. Zum Beispiel, für den Nachbarn die Sandsäcke mitzufüllen. Die Menschen fahren seit Jahrhunderten ganz gut mit dem Modell Gesellschaft.“

Schwennicke verwechselt hier staatliche Normsetzung mit privater, individuell-freiheitlicher Kooperation; die im sozialen Miteinander der Menschen gewachsenen, ungeschriebenen Verhaltensmuster, so suggeriert er, ließen sich ohne staatlich gewährleisteten Rechtsrahmen nicht denken. Damit malt er das alte Schreckbild vom im Naturzustand bösen Menschen an die Wand, dessen privatanarchistische Rücksichtslosigkeit und „ichlingische“ Kurzsichtigkeit der Korrektur, Steuerung und sozialen Erleuchtung durch einen übergeordneten Blick auf das gesamtgesellschaftliche „Wohl“ durch den Staat bedürfe. Um einem Nachbarn welche Hilfeleistungen auch immer anzubieten, seien es Sandsäcke, ein Tässchen Zucker oder das Gießen der Zimmerpflanzen im Urlaub, bedarf es aber keines Staates, sie entstehen aus persönlichen Beziehungen und freiwilligen beziehungsweise freiheitlichen Entscheidungen im „mikrosozialen“ Bereich. Dieser aber würde auch ohne staatliche Aufsicht ganz sicher nicht sofort in archaische Zustände von Mord und Totschlag zurückfallen.

„Wenn der Mensch perfekt wäre, dann könnte man gerne über die Herrschaft der Freiheit nachdenken“, so Schwennicke. Dieser Satz ließe sich natürlich auch umformulieren: „Wenn der Mensch perfekt wäre, könnte man gerne über die Herrschaft des Staates nachdenken.“ Denn, wie Jaspers richtig bemerkte: „Gegen den autoritären Herrschaftszustand spricht aber unüberwindlich der Satz: Es sind immer Menschen, die über Menschen herrschen.“ Und wer Herrschaft ausübt, kleidet Partikularinteressen der eigenen Kaste bekanntlich gerne in ein mystisches „Wir“, das in seiner impliziten gesellschaftlichen Homogenität und völligen Gleichheit der Interessen ja gar nicht existiert. Dafür gibt es momentan wohl kein schöneres Beispiel als die „Euro-Rettung“: Vom „Wir“ erwirtschaftetes Geld zum Wohle „Europas“ (einer Variante der „Wir“-Nebelkerze) einer asozialen Meute aus Plutokraten, Hochfinanz-Oligarchen, Bankräubern und parallelweltlichen, abgehobenen Planwirtschaftsbürokraten in den Anus blasen und damit ganze Volkswirtschaften dem Ruin näherbringen. Das „Wir“ wird es den „Wirlingen“ zweifellos entsprechend danken. Ja, es gibt sie, diese Gesellschaft. Unser finanziell und moralisch immer mehr dem Bankrott entgegenschlitternder Staat ist allerdings das denkbar abschreckendste Gegenbeispiel zu Schwennickes These vom staatlich geförderten Wir-Wohl.

Nicht die „Ichlinge“ sind in der Beweispflicht, ob mehr Freiheit wirklich funktionieren könne. Das Gegenteil ist doch der Fall: Etatisten und Kollektivisten mit ihrem verlogenen „Wir“ zur Rechtfertigung ausufernder Herrschaftsinteressen stehen angesichts der desaströsen Folgen ihrer Ideologie, die wir gerade live und in Farbe genießen dürfen, in einer schweren Erklärungs- und Rechtfertigungsnot.

Link:

„Cicero“: „Es gibt sie eben doch, diese Gesellschaft“


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