25. Juni 2013

Ideologie und Kinder Libertärer Inzest

Frischluft ins Hirn

Neulich sprach ein ef-Autor an dieser Stelle in einer Artikelüberschrift von „Inzest: Warum das Verbot nicht aufgehoben werden muss“. Im Beitrag selbst ging es um den Inzest der Politik, es war also nur bildlich gesprochen. Das hielt einige Kommentatoren auf Facebook nicht davon ab, über Sinn oder Unsinn eines staatlichen Inzest-Verbots zu streiten.

Was legitim ist, sollte man doch grundsätzlich jedes staatliche Tun hinterfragen. Allerdings hat der moderne Staat in diesem Falle nur gesetzlich verboten, was lange vorher in unserem Kulturkreis geächtet war. Und was von den natürlichen sozialen Institutionen, die dieser Staat verdrängt hat und die nach seinem Niedergang wieder an seine Stelle treten werden, vermutlich weiter geächtet werden wird. Jedenfalls sofern es nicht die Evangelische „Kirche“ in der EKD betrifft, die längst die Seiten gewechselt hat. Auf der sie zusammen mit den besonderen Freunden der Gendertanten und Sexonkels in der Grünen Jugend (siehe aktuelle ef-Ausgabe) und anderen linken Vereinen der Sexualisierung aller Lebensbereiche das Wort reden, selbstredend inklusive der entsprechend aufgehübschten Beziehung von Geschwistern untereinander.

Es sind dieselben Leute, die uns mit Kondom im Kopf („mach’s, aber mach’s mit“) momentan an jeder Litfasssäule persönlich mitteilen: „Ich will’s ernsthaft.“ Oder „Ich will’s gemütlich.“ Danke für die Info. Wie heißen Sie eigentlich? 

Aber die notorischen linken Sexisten bilden nur die eine Fraktion von Ideologen zum Thema. Die andere ist kleiner und nennt sich libertär. Ihnen geht es nicht um das alt- und neomarxistische Ziel der Vernichtung genannter Institutionen (Privateigentum, Familie, Religion und Tradition), jedenfalls nicht primär und zumindest eher nicht, was das Eigentum betrifft. Sie reden wie die linken Geistesbrüder von „Freiheit“ und wollen alle freiwilligen Austauschhandlungen erlauben. Ein gutes und sinnvolles Anliegen, dieser Kern der libertären Idee. Unter Erwachsenen.

Doch wie sagte mein Opa immer so schön: Man kann alles übertreiben. Alles. Und irgendwer zahlt für diese Übertreibung dann die Rechnung. Zum Beispiel Kinder. Die nämlich tragen zuweilen die Folge mancher „freiwilligen“ Handlung von Erwachsenen. Ideologen wollen nicht wahrhaben, dass jede scheinbar noch so vollkommene „Weltanschauung“ vor Kindern scheitern muss, weil diese immer unvollkommen sind. Vor allem muss die zur Ideologie gesteigerte schöne Idee vom freiwilligen Austausch scheitern, denn Babys kommen gerade nicht als „mündige Individuen“ zur Welt, sie sind vielmehr völlig wehrlos und zur Gänze von der Liebe und Fürsorge der Eltern abhängig. Es ist geradezu absurd und zuweilen mörderisch, grundsätzlich oder letztinstanzlich und ohne Ausnahme anzunehmen, dass kleine Kinder sich „selbst gehören“, so wie es absurd und mörderisch ist anzunehmen, dass sie am Ende immer dem Staat (ausgerechnet!) oder den Eltern gehören. Selbst diese können im Einzelfall geistig krank sein, und man würde sie der schönen eigenen Ideenwelt zuliebe diesen kranken Menschen ausliefern, wenn nicht der Einzelfall zählt, sondern das unbedingte ideologische Konstrukt.

Babys und Kinder passen in kein festes Korsett, schon gar nicht ins modisch-moderne unserer Zeit. Scheidung (war auch Jahrhunderte lang geächtet)? Heute kein Problem, ist ja Sache der Eltern, wenn sie nach neuen Wegen suchen (siehe oben). Das Leiden der Kinder? Allenfalls zweitrangig. Pädophilie gar? Für manche ist selbst das in Ordnung, weil angeblich ja Kinder „freiwillig“ mittun. Man muss es sich nur lange genug einreden. Viele solcher „Freiheits“-Ideologen streiten auch vehement für „das Recht auf Abtreibung“ bis unmittelbar vor der Geburt. Und nach der Geburt, so schrieb es in einer schwachen Stunde ein großer amerikanischer Ökonom und libertärer Vordenker, dürfen Eltern ihre Babys verhungern lassen, schließlich habe „aus der Sicht der libertären Ideologie“ niemand die Pflicht, irgendjemanden zu helfen.

Da ist es schon fast nebensächlich, dass solche Fanatiker auch kaum etwas dagegen einzuwenden haben, wenn hochschwangere Frauen saufen, Kettenrauchen oder das ein oder andere Spritzchen nehmen. Es sei ja „ihr Bauch“… Oder in den Worten eines Eintrags auf Facebook: „Selbst wenn Inzest systematisch zu Behinderungen führen würde, gäbe es für Liberale keinen Grund, Inzest zu verbieten. Kein ungeborenes Kind hat ein Anrecht darauf, in einem bestimmten, nicht behinderten, Zustand auf die Welt zu kommen. Es hat keinen Anspruch gegenüber den Eltern und erst Recht nicht gegenüber ‚der Gesellschaft’.“

So säbeln Sätze, wenn man nicht mehr bereit ist, die eigenen Ideen am konkreten Fall zu prüfen, wenn man sich also lieber die Realität an der Ideologie zurechtbiegt. Der das schrieb ist offenbar jung (die Jugend hat das Privileg, auch mal über das Ziel hinauszuschießen) und vermutlich noch ohne Kinder (was in dem Fall wohl auch besser so ist). Sicher hat er im Eifer des ideologischen Scheingefechts gar nicht wahrgenommen, was er da eigentlich gesagt hat und was ihm spätestens in ein paar Jahren selbst peinlich sein wird. Besser, mein Freund, wäre es aber, schon jetzt das ideologische Kondom aus den eigenen Hirnwindungen zu ziehen, um dort Platz zu machen für etwas gesunden Menschenverstand. Frei nach dem Motto: Denke! Aber denke mit (Verstand)!


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