24. Juni 2013

Syrien-Konflikt Chemie gegen Gesichtsverlust

... und ein kleiner Lichtblick ...

Bezüglich der Berichterstattung zum Syrien-Konflikt ist tatsächlich mal eine gute Nachricht zu vermelden, die durchaus einen zarten Hoffnungskeim pflanzt, es könne vielleicht doch bald Schluss sein mit den extremen Einseitigkeiten und der notorischen Mythomanie im hiesigen, halbstarken Kriegstrommlertum. Ausgerechnet die „Welt“, die in den letzten Monaten und Jahren besonders kräftig in die Angriffstrompeten blies und sich alle Mühe gab, die von alternativen Medien mühsam errungenen, offizielle Darstellungen widerlegenden Erkenntnisse zu ignorieren und mit beeindruckender Energie sofort als Ihrwisstschonwastheorien, also als anrüchig oder falsch darzustellen, verblüffte kritische Leser am 22. Juni doch tatsächlich mit der Schlagzeile: „CIA trainiert seit Monaten heimlich Rebellen“.

Es wurde aber auch allerhöchste Zeit, dass solche Informationen endlich im Mainstream ankommen. Auch wenn der Artikel fälschlicherweise der „Los Angeles Times“ den Lorbeerkranz aufsetzt und so tut, als hätte erst dieses US-Leitmedium darüber geschrieben, obwohl die Vorarbeit von ganz anderen geleistet wurde und in den Alternativmedien schon kurz nach Ausbruch des Konflikts auf die Verbindungen zwischen der CIA (sowie anderen ausländischen Geheimdiensten) und den „Rebellen“ unermüdlich hingewiesen wurde. Seit Monaten? Nein, von Anfang an. Man sollte deshalb aber nicht meckern, sondern lieber froh sein, dass überhaupt mal darüber berichtet wird. Das ist wirklich ein – wenn auch nur kleiner – Lichtblick am Horizont der universellen Täuschungsmatrix, die deutsche Medienkonsumenten Woche für Woche in einem Déjà-vu-Koma halten zu wollen scheint. Allerdings könnten skeptische Naturen  jetzt fragen: Warum greift man sowas plötzlich auf? Steckt als Motiv wirklich Ehrlichkeit oder die Rückkehr zu journalistischen Tugenden dahinter oder ganz einfach die Tatsache, dass man in Zeiten globaler, lichtgeschwinder Informationsverteilung dank Internet solche Zusammenhänge einfach nicht mehr länger verschweigen kann, ohne immer mehr Leser, deren Kommentare unter den entsprechenden Artikeln regelmäßig Bände sprachen, zu verprellen (analog zur „Euro-Krise“) ? Egal. Hauptsache, der Geist ist aus der Flasche und setzt dem widerlichen, verlogenen Treiben im Mittleren Osten endlich ein Ende.

Vielleicht wirkt sich das ja auch heilsam aus auf die überzogene Niederschreiberei Putins zum schröcklich bösen Autokraten, der sich doch tatsächlich nicht dafür schämt, sich der humanitären Weltbefreiungsfront der Guten in den Weg zu stellen. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um hoffentlich ein für allemal ein Missverständnis zu beseitigen, das sich in diversen Blogs verbreitet zu haben scheint und eigentümlich frei eine „Vorliebe für Putin“ bescheinigt: Was mich betrifft, so sind mir die dunklen, um nicht zu sagen tiefschwarzen, Flecken in der Vergangenheit des ehemaligen KGBlers, der sich gerne als starker Bärentöter inszenieren lässt, sehr wohl bewusst. Ich habe außerdem nie bestritten, dass man den Kreml für diverse außen-, wirtschafts- und gesellschaftspolitische Entscheidungen selbstverständlich kritisieren darf. Es wäre ziemlich naiv und albern, angesichts der großen Probleme des Westens Russland nach der Devise „The grass is always greener over there“ als leuchtendes Vorbild, großen Hoffnungsträger oder gar als eindeutig vorzuziehende Alternative darzustellen. Denn wer sich dazu hinreißen lässt, beginge denselben Fehler, dem man in der hiesigen Verdummungs- und regelmäßig Stimmungsbombenanschläge auf die Gehirne der Leser verübenden Presse erliegt: moralische und politische Infantilisierung, auf Deutsch „Verkindskopfung“, die leider nicht mehr wirklich lustig ist, sondern sich gerade in der heutigen Situation als sehr gefährlich, da als fruchtbarer Nährboden für altbekannte Parolen erweisen könnte. Ironischerweise aber bemerken diejenigen, die sich immer noch willfährig selbst an der transparentesten und dümmlichsten Kriegspropaganda beteiligen, leider nicht, dass sie damit genau den Formen von „Populismus“ und erzreaktionärer Volksaufwiegelung Vorschub leisten, die sie bei anderen so lautstark kritisieren. Fragt sich also, das nur am Rande, was „rechter“ ist: Euro-Kritik oder die allzu leichtfertige und scham- sowie verantwortungslose Kriegstreiberei.

Zu letzterer möchte ich einen Mann zu Wort kommen lassen, der auf diesem Gebiet eine einzigartige Kompetenz besitzt – in jedem Fall um Welten mehr, als man in gewissen Leitartikeln und Kommentaren auf ersten Seiten jemals finden wird. Er bereist die Länder, um die es geht, seit Jahrzehnten; er kennt die kultur- und religionsgeschichtlich gewachsenen Strukturen sowie die aus ihnen resultierenden Spannungen, die Mentalitäten, regionalen Eigenarten, Clan- und Stammesverhältnisse und die politischen Beziehungsgeflechte dort wie kein anderer. In seinem Buch „Die Welt aus den Fugen“ schrieb Peter Scholl-Latour zum wildwuchernden, halbstarken Bellizismus in deutschen Massenmedien: „Die germanischen Tugendbolde, die sich aufgrund der eigenen Vergangenheit eine gewisse Zurückhaltung auferlegen sollten, formulieren ihre philanthropischen Vorwürfe ja vornehmlich nur gegenüber Vertretern jener Staaten, die sich den strategischen oder wirtschaftlichen Ambitionen der westlichen Welt – zumal des dominanten amerikanischen Verbündeten – entgegenstellen. Was hingegen die gefügigen, positiv bewerteten Regierungen der internationalen ‚family of nations‘ – wie die verlogene Floskel lautet – betrifft, mögen sie sich noch so tyrannisch und menschenverachtend gebärden, so bleiben sie in der Regel von diesen heuchlerisch anmutenden Vorwürfen verschont, zumal wenn sie sich als unentbehrliche Rohstofflieferanten empfehlen“ (S. 17/18). Sitzt wie angegossen; dem ist wirklich nichts mehr hinzuzufügen.

Und betreffs Syrien: „Verblüffend ist zur Stunde die Einseitigkeit, die Voreingenommenheit, mit denen die Regierungen und die Medien Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens für eine sogenannte Freiheitsarmee Partei ergreifen, deren erprobteste Kämpfer auf den radikalen Islamismus und am Ende auch auf antiwestliche Grundvorstellungen eingeschworen sind. Die Atlantische Allianz verschließt die Augen vor der Tatsache, dass mit dem Syrien Baschar al-Assads der letzte säkulare Staat der arabischen Welt untergeht. Das Abendland nimmt keine Notiz davon, dass die Christen Syriens, die unter dem Baath-Regime immerhin eine für die arabische Welt ungewöhnliche Toleranz genossen, auf das Schlimmste gefasst sein müssen. In Deutschland klammert man sich wieder einmal an die Utopie, dass am Ende des ‚Arabischen Frühlings‘, der längst in einen Nebel von Blut eingetaucht ist, eine staatliche Hinwendung zu Menschenrechten, Meinungsfreiheit und Demokratie stehen würde. Jedenfalls komme man mir nicht mit dem Argument, der von Washington verhängte Ostrazismus gegen das Zwangsregime der Assads, der Alawiten, der Baath-Partei, die systematische Förderung des sich entfachenden Bürgerkrieges sei aus Sorge um das Schicksal der dortigen Bevölkerung geschehen, so dass es sich um eine humanitäre Rettungsaktion gehandelt habe“ (S. 108/109).

Natürlich nicht. Der wahre Grund: Souveräne Staaten, selbstbewusste Regierungen lassen sich nicht ohne Weiteres herumkommandieren. Politisch heillos zerstrittenen, instabilen, chaotischen Systemen hingegen oder solchen, auf deren Throne man Wunschkandidaten, sprich Marionetten setzt, kann man schon sehr viel leichter die eigenen Bedingungen diktieren. Warum man nun „erstmalig“ (der Gipfel der Verlogenheit) auf offizielle Waffenlieferungen an die Rebellen drängt? Als Antwort genügt ein einziges Wort: Gesichtsverlust. Sind US-Regierungen bisher immer davon ausgegangen, dass kein Land, schon gar keines aus der arabischen Welt, sich ihren Forderungen auf Dauer widersetzen könne, würde eine Schlappe der „Rebellen“, die sich momentan abzeichnet, natürlich auch der Regierung unter Obama einen herben Dämpfer verpassen. Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Hardcore-Kriegstreiber  und -hetzer der sich euphemistisch als „Neocons“ parfümierenden Neofaschisten, die – es sei noch einmal in aller Kürze wiederholt – in ihren Publikationen auch schon mal mit biologischen Genozidwaffen liebäugelten und von einer weltweiten Dominanz, einer unipolaren Welt unter US-Führung fieberträumten, leider noch lange nicht dorthin verschwunden sind, wo sie eigentlich hingehören: in unerfreuliche Kapitel der Geschichtsbücher. Sie bekleiden heute noch manche wichtigen Positionen in der US-Politik, im Militär und im Pentagon, köcheln an den Spitzen der Nachrichten- und Geheimdienste ihr verhängnisvolles Süppchen. Gerade sie aber wollen sich mit einer möglichen Niederlage definitiv nicht abfinden.

Es wird ihnen auf lange Sicht aber nichts anderes übrigbleiben, denn die Verwirklichung ihrer kirren Weltherrschaftsträume wäre nur mit einem umso schnelleren Niedergang ihres finanziell arg gebeutelten Landes zu erkaufen. Lange wird man die Muskelspiele und den Staatsterror, die Angriffskriege und das endlose Ressourcen-Raubrittertum nicht mehr fortsetzen können, ohne nicht nur einen moralisch-politischen Bankrott und katastrophalen „Imageschaden“ vor den Augen der Weltöffentlichkeit, der ja jetzt schon groß genug ist, sondern auch einen wirtschaftlichen Kollaps inklusive der damit leider zwangsläufig verbundenen sozialen Bombenkrater im eigenen Land zu riskieren. Kein Wunder also, dass nun der schon aus dem Irakkrieg unter George W. bekannte Plumpaquatsch der „chemischen Massenvernichtungswaffen“ (die im Krieg unter George senior übrigens zu nicht geringen Teilen aus amerikanischer Herstellung stammten) wieder aufgewärmt wird. Im Falle eines Einsatzes chemischer Waffen durch das Assad-Regime würde eine „rote Linie“ überschritten, dann müsse man aberhallo eingreifen. Wie oft wurde das schon behauptet? Und welche Beweise wurden geliefert? Gar keine. Gäbe es sie, hätte man sie längst vorgelegt – und zwar nicht nur hinter verschlossenen Türen, so wie bisher – sowie den eigenen vollmundigen Ankündigungen gemäß losgeschlagen. Man kann davon ausgehen, dass es sich nur um Bluffs, Drohgebärden oder, wie schon so oft davor, hurtig zusammendilettierte Fälschungen handelt.

Der Hinweis, dass Moskau im Mittleren Osten auch eigene Interessen verfolgt (echt jetzt?), ist also an Banalität nicht zu überbieten. Natürlich ist der Kreml nicht nur mit Teletubbies oder glühenden Verehrern Mahatma Gandhis besetzt. Geopolitik und -strategie waren – auf allen Seiten – eben schon immer zynische, über die Leichen zahlloser Unschuldiger hinwegtrampelnde Machtspiele. Das gilt zwar auch für Moskau, aber – und das ist ein gewaltiges Aber – ebenso für Washington und das Pentagon beziehungsweise die von den USA geführte NATO. Es wäre falsch, manche fauligen Tümpel im Kreml  zu einladenden Badestränden schönzureden. Nicht weniger falsch wäre es allerdings, den Ozean aus Teer, den seit Jahrzehnten eine US-Außen- und Militärpolitik, ein Interventionismus in Form einer gigantischen Dampfwalze über den Globus verteilt, als demokratisierendes Duftwässerchen anzubieten, obwohl es in den allermeisten Fällen doch nur um die Vergrößerung eines Falschgeldimperiums sowie industrielle Vorherrschaft und geopolitische Dominanz ging.

Auch die Vorgeschichte sollte dabei nicht ausgeblendet werden. Denn nachdem Boris Jelzin, ein Liebling westlicher Eliten – natürlich, der Mann war ein Schluckspecht vor dem Herrn, ein Alkoholiker, der besonders gegen Ende seiner Karriere eh nicht mehr klar denken, den man also umso leichter über den Tisch ziehen konnte –, seinem Land sternhagelvoll beim Ausverkauf zusah, ohne dass die Russen dafür eine anständige Gegenleistung gesehen hätten, war es der permanent verteufelte Putin, der sein Land (bei aller berechtigten Kritik) immerhin wieder auf einen halbwegs grünen Zweig zurückzuhieven vermochte. Vielleicht nimmt man ihm ja genau das übel? Sah doch die Strategie Zbigniew Brzezińskis, der seit Carter die geostrategischen Strippen Amerikas fest in der Hand hält und dem übrigens nachgesagt wird, zusammen mit George Soros einer der Masterminds hinter dem Elitenprojekt namens „Obama“ zu sein, vor, das postkommunistische Russland möglichst weitgehend „einzuhegen“, um sich diesen Konkurrenten im Kampf um globale Einflusssphären und Ressourcen vom Leib zu halten. Man könnte auch sagen: Putin ist Washington ein bisschen zu eigensinnig beziehungsweise -ständig. Oder anders: Er macht die Welt wohl zu multilateral. Und das ist in den allermeisten Fällen auch schon das ganze Geheimnis hinter der Dauerempörung über den fiesen, autoritären Unhold im Osten, während im blühenden Westen eine Hochfinanzelite die Völker hemmungslos ausraubt, zu verarmen und unter die Knute einer vermeintlich neuen, in Wahrheit aber ganz „alten Weltordnung“ zu zwingen droht und in der, siehe das jüngste Beispiel Michael Hastings, hartnäckige Fragensteller, die den Mächtigen etwas zu nahe kommen, kurzerhand ermordet werden.

Der russische Premier kann sich sehr genau denken, was nach einem Sieg der „Freiheitskämpfer“ in Syrien zu befürchten steht – eine Meinung, die er mit Scholl-Latour teilt. Bei einer Pressekonferenz mit Angela Merkel in St. Petersburg sagte er laut einer Meldung der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti: „Wenn Assad heute geht, wird ein politisches Vakuum entstehen. Wer wird dieses ausfüllen? Sind es dann vielleicht solche Terrororganisationen?“, womit Putin sich auf die An-Nusra-Front bezog, von der man mittlerweile weiß, dass auch sie westliche Unterstützung genoss. Das steht allerdings nicht nur zu befürchten, sondern war wohl von vornherein das Ziel. Nach einem Sieg über „CIA-Asset“ Saddam Hussein würde alles besser, verkündete das unerträglich kriegsdynamische Dummschwätzerduo Bush und Blair, dann würde die Welt auf jeden Fall „sicherer“. Das Gegenteil trat ein. In Afghanistan wird sich die Lage dramatisch verbessern, versprochen… Wieder daneben. Libyen wird es definitiv besser gehen, ehrlich. Das Land fiel ins Chaos. Aber jetzt zerbeißen wir‘s in Syrien, garantiert. Meine Prognose: Im Falle eines Sturzes oder vielleicht gar der Tötung Assads würde genau dasselbe eintreten: Chaos, Elend und Zerstörung. Statt einseitig auf Moskau oder Peking einzudreschen, weil sie sich weigern, auf dem Rücken des Elefanten im Porzellanladen zu reiten, sollte man sich fragen, ob ihre Skepsis und Verweigerungshaltung – vor allem vor dem Hintergrund der bisher mit der Holzhammermethode gesammelten Erfahrungen – wirklich so unberechtigt ist.


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