18. Juni 2013

Make love not law Die rote Linie

Soziale Umgebung in Kinderzimmern und EU-Verträgen

In seinem Werk über die „Offene Gesellschaft und ihre Feinde“ schreibt Karl R. Popper unter dem Kapitel „Natur und Konvention“, es sei notwendig, zwischen zwei verschiedenen Elementen in der Umgebung des Menschen zu unterscheiden, nämlich zwischen seiner natürlichen Umgebung und seiner sozialen Umgebung. Und er stellt fest: „Wie es scheint, haben die meisten von uns eine starke Neigung, die Besonderheiten unserer sozialen Umgebung hinzunehmen, als seien sie natürlich.“ Dies aber sei letztlich „naiv“. Dabei gälten Regelmäßigkeiten, egal ob natürlich oder konventionell, als völlig unabänderlich. Popper spekuliert dann, dass die magischen Stammesgesellschaften möglicherweise wesentlich deswegen zusammengebrochen seien, weil die Menschen irgendwann erkannten, dass die einschlägigen Tabus von Stamm zu Stamm wechselten. Wechselte man also den Stamm, konnte man anschließend auch gegen zuvor vertraute Tabus verstoßen, ohne dass als Sanktion Entsetzliches passierte.

Ich habe wenig Zweifel, dass es auch heute in unserer Gesellschaft noch viele Menschen gibt, die nach diesem Muster tatsächlich keinen Unterschied zwischen den beiden Klugheitsregeln machen, zum einen nicht unter einem Ast zu liegen, auf dem eine Taube sitzt, zum anderen aber auch nicht sportlich-rasant an einem polizeilichen Geschwindigkeitsmessgerät vorbeizufahren. Während der menschliche Gesetzgeber aber der polizeilichen Ordnungswohltat durch ein einfaches Gesetz ein sofortiges Ende machen könnte, erreichen seine legislativen Akte niemals das heckseitige Darmende unserer gefiederten Freunde.

Namentlich in der Kindererziehung lassen sich diese Unterschiede in der Wirksamkeit bestimmter Regelwerke und Regelsetzungen recht deutlich erkennen: Während ein Kleinkind schon früh für sich erfährt, dass die Wand in einem Zimmer ein gleichsam natürlich unüberwindbares Hindernis ist, gegen das man zur Meidung von Blessuren möglichst weder ankrabbelt noch anläuft, hat es mit den entsprechenden Schrankensetzungen seiner Eltern im sozialen Bereich häufig eine ganz andere Erfahrung. Die Schranke beispielsweise des „Nein, du bekommst jetzt kein Bonbon mehr!“ wird von Kindern auch im jüngsten Alter sehr zügig als durchaus bewegbare Grenze erkannt. Anders als die Zimmerwand, mit der man nicht diskutieren kann, weil sie partout immer dort stehen bleibt, wo sie steht, kann das väterliche oder mütterliche Bonbon-Nein verschoben werden. Dem Vernehmen nach müssen manche Kinder erst rund 28-mal ein einschlägiges elterliches Nein überwinden, bis sie dann endlich doch noch in den Besitz der erstrebten Süßigkeit kommen.

Eltern, die ihrem Kind nicht konsequent die Botschaft senden, dass ein einmaliges, erstes Nein auch für alle Zukunft tatsächlich ein definitives Nein bleibt, werden anschließend die unausweichliche eigene Erfahrung machen, den wiederkehrenden Ritus des stets 28-maligen Neins durchleben zu müssen, weil ihr Kind gelernt hat: Das Ja gibt es (leider) immer erst im 29. Anlauf. Kurz: Wer zwischenmenschlich gesetzte erzieherische Regeln nicht mit derselben Konsequenz durchsetzt wie den Standort von Zimmerwänden, der hat ein emotional aufwühlendes Leben. Denn eisern gilt die Regel der missglückten Pädagogik: Alles, was auch nur verhandelbar erscheint, wird selbstverständlich verhandelt.

Während meiner Schulzeit spielten wir in den Pausen praktisch immer Fußball. Die Regel besagte: Wer zu spät in den Unterricht zurückkehrt, der wird im Klassenbuch vermerkt. Alle Lehrer verfuhren so, außer der Musiklehrerin, Frau Pape. Ihr Herz war zu gut. Sie schrieb keine Vermerke in das Klassenbuch. Selbstverständlich dauerten keine Fußballpausen länger als die vor den Stunden bei Frau Pape. Unkontrollierte Gebiete werden sofort von den einschlägigen Interessen besetzt.

Ähnlich wie in meiner Schule gab es eine Regel im Europäischen Vertrag von Lissabon. Sie besagte, dass kein Mitgliedsstaat für die Schulden eines anderen Staates oder für Schulden der Europäischen Union zu haften habe. Das war das berühmte Bail-Out-Verbot des Artikels 125. Dass dieses Verbot verletzt wurde, ist bekannt. Immer wieder wurden und werden zentrale Ordnungsregeln des staatlichen Zusammenlebens gebrochen. In der Folge gibt es kurze mediale Aufschreie. Sie hören in aller Regel auf den Namen „Jetzt wurde eine rote Linie überschritten“. Dem Aufschrei folgt aber keine Konsequenz. Die Regel wird fortan weiter missachtet. Alle Beteiligten dürfen wieder nach Bonbons schreien. Und sie bekommen sie anschließend sogar!

Das Unangenehme an derartigen Regelaußerkraftsetzungen ist, dass sie auf lange Sicht böse Konsequenzen zeitigen. Während dem kleinen Kind an der Zimmerwand sofort eine lehrreiche Beule wächst, dauert die Entstehung von Karies durch nächtliche Zusatzbonbons nach dem Zähneputzen und anschließend 28-maligem Heulquengeln länger. Dann aber bohrt der Schmerz umso mehr. Verkommen rote Linien also insgesamt von der Alarmschwelle zum fröhlichen Hüpfseil, dann droht mit zeitlicher Verzögerung Ungemach. Wesentliche und gesunde Grundregeln soll man daher mit aller Konsequenz einhalten und verteidigen. Sie sind im besten Falle elementar notwendig und von der Bedeutung eines wirklichen Tabus, das auch durch Wechsel zwischen Stämmen oder Staaten nicht außer Kraft tritt. Andere, minder wichtige Regeln hingegen bedürfen nicht der ernsthaften Verteidigung. Was die Mehrzahl der Menschen nicht auf Dauer akzeptiert, verschwindet sowieso. Wie eine Taube etwa auf dem Baum. Abwarten. Dann fliegt sie weg. Und der Polizist packt seine überflüssige Kamera wieder ein.

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 24. Juni erscheinenden Juli-Ausgabe  eigentümlich frei Nr. 134


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