10. Juni 2013

Rückspiegel Wochenwahnwitz

Grillfeste im Waldbrand, dümmliche Plagiatskampagnen und andere Beweise für die Enthirnung unserer Zeit

Top(fschlagende)-Ökonomen halten die Euro-Austrittspläne der AfD für gefährlich. Sie warnen, bei einem Gerxit – bleiben wir analog zum „Grexit“ ruhig bei den coolen Anglizismen, die klingen besser als „Bankrott“, „Pleite“ oder „politischer Offenbarungseid“ – also einem German Exit, stünde ein Kollaps der Wirtschaft zu befürchten. Das Resultat wäre eine „Katastrophe“. Freilich, man kann sogar als Experte in einem brennenden Haus mit anderen darüber diskutieren, ob man Richtung Ausgang hechten sollte. Beim Verlassen des sich mit immer dickerem Rauch und giftigen Dämpfen füllenden Domizils könnte man ja stolpern und sich den Kopf am Briefkasten stoßen. Es könnte einem eine Hornisse in den Mund fliegen, der Himmel auf den Kopf fallen oder aber – um Himmels Willen – man stolpert über den Gartenschlauch.

Mit anderen Worten: Die höchsten Arbeitslosenzahlen unter Jugendlichen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, endlose Transferzahlungen und Rettungsgeldverbrennungen, deren Rauchzeichen man sogar aus dem Weltraum mit bloßem Auge erkennt (genauer: Rettungsgeldschenkungen, denn eigentlich wird ja nichts verbrannt, sondern nur verschoben), das fröhlich-feierliche Begießen des ewig währenden olympischen Teurofeuers mit Billigbenzin Marke „Draghi Wertfrei“ sind doch nur ein Grillfest im Waldbrand. Wer die Party verlässt, weil er sich in großer Hitze unwohl fühlt, beschwört eine Katastrophe herauf! Und hat nicht erst neulich Papst Helmut I. in einer Eloge die Geldpolitik des selbstverständlich aus nichts als reiner Verzweiflung und purer Hilflosigkeit agierenden Professors der Wirtschaftswissenschaften und Goldman-Sachs-Komplizen „Mario aus dem Geschlecht der Drachen“  besungen? Na, wenn der Papst das sagt. Als Stellvertreter Bismarcks auf Erden, die Michelsche Sehnsucht nach der großen Vaterfigur spiegelnd, wird Helmut I. schon wissen, wovon er spricht. Ist doch ein Wirtschaftsweiser. Man muss nur fest daran glauben, dass man den mit Panschweinschaum gesättigten Pappmaché-Turm zu Schuldenbabel tatsächlich endlos weiterbauen kann, irgendwie halt, bis man auf ihm ganz ohne raumfahrttechnische Hilfe zur Venus spazieren kann. Was man nicht alles glauben soll.

Zum Beispiel auch, dass zwei FBI-Beamte, die an den Ermittlungen zu den Bombenanschlägen in Boston beteiligt waren, bei einem Übungsflug kurzerhand aus dem Helikopter fielen, plumps. Ähnlich erging es schon den Mitgliedern des Sondereinsatzkommandos (Seal Team VI), die angeblich Osama bin Laden töteten, um kurz darauf bei einem Raketenangriff auf ihren Hubschrapp in Afghanistan leider ums Leben zu kommen, na so ein Pech, dass es ausgerechnet sie traf, die an dieser nicht ganz unumstrittenen und heiß diskutierten Aktion beteiligt waren. Was die wohl alles wussten? Vielleicht ein bisschen zu viel? Fest steht nur, dass mysteriöse Todesfälle unter Mitarbeitern des Militärs oder der Nachrichten- und Geheimdienste sich in den letzten Jahren häuften. Besonders dann, wenn sie in Operationen involviert waren, die auf denkende Menschen, also Verschwörungstheoretiker, anrüchig wirken. Andererseits lebten Whistleblower beziehungsweise Mitwisser aller Art schon immer gefährlich; wer den Staatsmantel lüpft und Geheimnisse ausplaudert, die eigentlich nie frischer Luft ausgesetzt werden sollten, der kann sich schon mal beim Wäscheaufhängen mit dem Hals schrecklich unglücklich in der Leine verfangen, an einer Wäscheklammer tödlich verschlucken oder beim Versuch, einen tölpelhaften Sturz im Badezimmer abzufangen, mit der rechten Hand dummerweise in der Steckdose hängen bleiben, während die Linke mit eingeschaltetem Fön in die gefüllte Badewanne gleitet. Sachen gibt‘s. Zwei der beliebtesten Todesursachen, wenn es um das Beseitigen von Populisten geht, sind übrigens Herzinfarkte und Autounfälle. So wie bei manchen Augenzeugen des 11. September, die ganz andere Dinge aus dem WTC zu berichten wussten, als man in der offiziellen „Yps“-Theorie nachlesen kann. Andere verloren unmittelbar nach ihren Aussagen „nur“ ihren Job. Wieder andere, wie der Hausmeister William Rodriguez, der von großen Explosionen im Kellerbereich sowie Menschen mit schweren Verbrennungen VOR dem ersten Flugzeugeinschlag berichtete, ließ man zwar am Leben, scherte sich aber amtlicherseits einen Dreck um ihre Zeugenaussagen. Weder die Regierung Bush noch die Regierung Obama fühlte sich – übrigens trotz massiver Proteste der Angehörigen der Opfer – dazu bemüßigt, solchen feinen Details nachzugehen. Sie stehen bis heute ungeprüft im Raum.

Im Raum steht auch wieder ein Plagiatsvorwurf, dieses Mal gegen Philipp Rösler, FDP. Ich spare mir hier ausführlichere Erklärungen und sage es so kurz und deutlich wie nur irgend möglich: Wer immer noch glaubt, es ginge dabei mit rechten Dingen zu, wer glaubt, die etwas seltsame Häufung solcher Vorwürfe fast ausschließlich gegenüber FDPlern und zudem recht kurz vor der Bundestagswahl habe nichts mit einer politisch motivierten Kampagne zu tun, ist ein Vollidiot. Womit natürlich noch nicht bewiesen ist, wer die Informationen über angebliche Mängel in Röslers Arbeit weitergab. Möglicherweise Mitglieder der eigenen Partei, die ihn loswerden möchten? Eher unwahrscheinlich, denn warum sollte sich die ohnehin schon von mageren Zustimmungswerten geplagte FDP kurz vor der Wahl auch noch selbst ein Bein stellen? So dämlich kann eigentlich keiner sein. Außerdem passt der neue Vorwurf gegen Rösler ganz gut in die schließlich schon seit längerer Zeit laufende Fortsetzungsreihe der Schmier- und Hetzattacken gegen die FDP. 

War es schon im Falle Annette Schavans (CDU) dummdreist genug, die Menschen glauben machen zu wollen, Ungereimtheiten in einer Promotion fielen erst nach sagenhaften 30 Jahren (drei Jahrzehnten!) durch einen wunderbaren Zufall auf (was an Lächerlichkeit nicht zu überbieten ist), und lieferten die pubertären Clearasilspritzer gegen Brüderle (zufälligerweise direkt nach seiner Wahl zum Spitzenkandidaten) wegen eines zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als ein Jahr zurückliegenden Anti-Vorfalls, eines Nichtereignisses (harmloses Kompliment an irgendeiner Hotelbar zu fortgeschrittener Stunde), das seriösem Journalismus eigentlich gar keine Meldung wert sein sollte, den endgültigen Beweis für den geistigen Niedergang und den völligen Verlust eines vernünftigen Blickes für Verhältnismäßigkeiten in Teilen des deutschen Pressebetriebs, sollten sich die Herrschaften Strategen allmählich etwas Neues einfallen lassen. Denn auch diese Masche ist längst gründlich abgegriffen; so langsam fällt‘s wirklich auf. Die Partei zu kritisieren, ist eine Sache; ständig gezielt zu suggerieren, dergleichen gäbe es nur bei den Liberalen, anscheinend nirgendwo sonst, ist an Rotznasigkeit allerdings unerreichbar. Es sollte bei diesem Thema keine halben Sachen geben: Wenn Doktorarbeiten von Politikern schon auf dem Prüfstand stehen sollen, wenn man schon hypergründlich nach jedem noch so kleinen Fehler suchen will, dann bitte auch konsequent auf ALLE Parteien anwenden.

Die Menschheit schützen müsste man eigentlich auch vor den Fiskalfundamentalisten und ‑terroristen der rot-grünen Landesregierung in Niedersachsen, die nun lautstark fordern, nicht nur irgendeinen Promi wie Uli Hoeneß, sondern gleich auch noch 60 Profisportler genauer unter die Behördenlupe zu nehmen. Warum? Aus drei Gründen:

Erstens: Profisportler haben immer wieder in internationalem Maßstab Zinssätze und Goldpreise manipuliert, Millionen von Menschen in die Armut getrieben, Milliarden an Drogengeldern gewaschen, brandgefährliche Terroristen aus Steuertöpfen finanziert und mit Waffen versorgt, Kriege vom Zaun gebrochen und andere abscheuliche Verbrechen begangen.

Zweitens: Profisportler horten auf ihren Schwarzgeldkonten in der Schweiz, in Liechtenstein oder anderen Steuerparadiesen dieser Art dreistellige Billionenbeträge, mit denen man sämtliche Verwerfungen des heutigen Finanzsystems mühelos bereinigen könnte, wetten?

Drittens: Profisportler könnten durch ehrlichere Steuerzahlungen dazu beitragen, dass noch mehr Meistergeister sich immatrikulieren können, um mit Forderungen nach einer geschlechtsneutralen Sprache die Gesellschaft in ein egalitäres Utopia zu führen.

Was man nicht alles glauben soll.


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