05. Juni 2013

Roland Baader-Auszeichnung 2013 Erster Teil der Rede des Preisträgers

Freier Markt und die Spielarten des Sozialismus

ef-Autor Peter Boehringer erhielt am 31. Mai 2013, dem ersten Abend der „Mark Banco-Anlegertagung“ in Hamburg die „Roland Baader-Auszeichnung 2013“. Heute und in den kommenden Tagen wird eigentümlich frei seine Dankesrede in vier Teilen exklusiv veröffentlichen. Peter Boehringer thematisierte ausführlich das Werk Roland Baaders und unterzog es mit viel Sachverstand einer kritischen Analyse. Hier nun der erste Teil des überaus lesenswerten Vortrages:

Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren; liebe Freunde der Freiheit. 

Liebe Familie Baader, lieber Steffen Krug, lieber Prof. Polleit: Was sagen auf so eine Ehrung und Laudatio? Zunächst vielleicht was ich nicht sage: Ich mache heute keinesfalls den Marcel Reich-Ranicki: „Ich nehme diesen Preis nicht an“; denn es gäbe kaum einen Preis, den ich lieber annehmen würde! Und zwar mit Dank und dem Gefühl einer großen Motivation – aber auch einer Verpflichtung, die aus einem Preis mit dem Namen „Roland Baader“ erwächst.

Reden wir über Roland Baaders Werk: Selbstredend kann ich in der mir zugestandenen Zeit dieses qualitativ und quantitativ große Werk nur schlaglichtartig würdigen und einordnen. Sein Werk ist viel zu groß und breit für einen kurzen Vortrag. Roland Baader meldete sich beileibe nicht nur zu ökonomischen Fragen zu Wort. Er war ein umfassend gebildeter Privatgelehrter. Hayek wies in Vorlesungen oft auf die Bedeutung von Privatgelehrten als „unabhängige Köpfe gegen den Zeitgeist“ hin. Roland Baader war dies geradezu prototypisch: er schrieb interdisziplinär und erklärte Zusammenhänge in einfachen aber eindringlichen Worten und oft gegen den Zeitgeist: Themen waren Finanzkrisen, Währungskrisen, Moralkrisen, Zensur, Unfreiheit, gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Und vor allem die große Ursachenklammer dieser Krisen: das ungedeckte Falschgeldsystem. Baader war mal Nationalökonom, mal Betriebswirt, mal Geisteswissenschaftler, mal Praktiker, mal Psychologe, mal Psychotherapeut, Unternehmer, Philosoph, Volkswirt, Logiker, Historiker, Sektenforscher, politischer Analyst, Rechtsgelehrter, unschlagbarer Zitatelieferant, Kreativkünstler des Wortes, Idealist, manchmal rhetorischer Polemiker, manchmal gar Physiker und Mathematiker. All dies zwar meist mit ökonomischem Bezug – aber im Mittelpunkt der Ökonomie der Österreichischen Schule steht eben der vielschichtige Mensch: „Wer den Markt verhöhnt, der verachtet auch den Menschen“ … Und damit hängt am freien Markt auch die Freiheit der Menschen. Mises sagte schon 1944, dass die wichtigsten Freiheitsfragen ökonomische sind.

Ich werde heute viel zitieren, nicht aus Mangel an eigenen Gedanken. Aber die kann ich alle paar Tage im eigenen Blog austoben. Sondern um ein wenig den Geist und die klare Sprache und die Welt- und Weitsicht von Roland Baader und auch von anderen großen Ökonomen hier im Saal der Börse Hamburg lebendig werden zu lassen. Zeitbeobachter wie wir stehen alle auf den Schultern von intellektuellen Riesen – wie es der spanische Theologe Didacus Stella vor 500 Jahren formulierte. Baader war ein solcher Riese – aber auch er stand eben auch selbst auf dem Rücken älterer Riesen. Intellektuelle sind immer auch Plagiateure ihrer Vorgänger, ihrer Meister, ihrer Kollegen – in Hayeks Worten „second hand dealers in ideas“.

Alte Prognosen und Analysen sind darum auch Jahre später lesenswert. Der Untertitel von Roland Baaders „Geld Gold Gottspieler“ (GGG) etwa lautete 2004 „Am Vorabend der nächsten Weltwirtschaftskrise“. Dennoch sind Baaders frühere Werke gerade wegen ihrer frühen Entstehungszeit lange noch vor dem endgültigen Amoklaufen unseres Geldsystems seit etwa 2000 besonders bemerkenswert!

Ich werde z.B. aus „Kreide für den Wolf“ (KfdW) von 1991 zitieren, weil es wohl das wirtschafts-philosophisch umfassendste und zugleich weitsichtigste Werk von Baader ist. In KfdW hat er viele seiner nachfolgenden Werke vorstrukturiert und Grund-Legendes niedergeschrieben – weit über Wirtschaftsthemen hinaus. Niemand außer ihm hatte ausgerechnet 1990/91 diesen Klarblick auf das Kommende – also auf den heutigen pervertiert-vollpolitisierten Beglückungsstaat, für den Baader den Begriff „Sozialsozialismus“ erfand. Auf Basis logisch-deduktiver aber auch historischer Analysen sagte er schon damals das zwingende Eintreten der Finanzsystemkrise voraus, in der wir nun seit einigen Jahren leben.

Baaders Werke wurden sehr lange weitgehend ignoriert. Sie passten nicht in die Hoch-Zeit der von künstlichem Billiggeld befeuerten NewEconomy-Scheinkonjunktur der 1990er. Und auch nicht in das Jahrzehnt der permanenten Konjunktur- und Währungsrettungen seit 2000 – natürlich ebenfalls mit Falschgeld aus der Druckerpresse. Noch 2006 gab es mehrere lange, polemische und absurde „Irrelevanz“-Debatten um Roland Baaders Wikipedia-Eintrag! Damals hatte er schon über zehn Bücher geschrieben! Eines davon war 1993 „Die Euro-Katastrophe“, in dem er recht präzise die Konstruktionsfehler und damit auch bereits das heute offen absehbare Scheitern des Euros erklärt hatte. Soviel zur Objektivität von Wikipedia in politischen Fragen – auch wenn Baaders Wiki-Eintrag am Ende natürlich nicht zu verhindern war. Roland Baader hatte jedenfalls 1993 schon ganz zu Beginn der EUR-Diskussion eine stringente Analyse geliefert, warum der EUR nicht kommen dürfe oder keinen Bestand haben werde. Delors, Mitterrand, Kohl, Waigel setzten ihn dennoch durch. Auch 2002 kurz nach dem EUR-Start zeigte Baader in „Totgedacht“ nochmals diese Weitsicht mit einer exakten Prognose der heutigen EUR-Realität! Zitat: „Politik gegen elementare Gesetze der Ökonomie. … Wahnwitz von Währungsbindungen. … Nichts konnte die politische Kaste hierzulande von dem aberwitzigen Vorhaben einer europäischen Währungsunion abhalten, deren Konsequenzen eines nicht allzu fernen Tages alles in den Schatten stellen werden, was die politischen Eliten bislang an finanziellen Desastern und gesellschaftlichen und menschlichen Tragödien angerichtet haben.“ Roland Baader Prognosen zum Schicksal von EURO-Europa waren faktisch eine Umdeutung von Heraklits „Pantha rei“ – übersetzt eigentlich „Alles ist im Fluss“ – bei Baader aber besser übersetzt mit: „Alles geht den Bach runter“

Roland Baaders Haupt-Themen

Sein Metathema war natürlich die Freiheit. Im klassisch-liberalen Sprachgebrauch ist Freiheit ausschließend definiert als „Freiheit vor willkürlichem Herumkommandiert-Werden durch Herrscher“ (Prof. Habermann) und eben nicht als „Versorgtsein“ im Wohlfahrtsstaat mit Dingen, die ein Zentralplaner vorgibt. Damit ist die Freiheit ebenso abstrakt definiert wie andere liberale Forderungen wie die Vertragsfreiheit, die Gleichheit vor dem Gesetz oder der freie Markt. Abstrakte, unemotionale Ziele also, für die kein Gotteskrieger derart fanatisiert werden könnte, dass er sich auf der Straße in die Luft sprengen würde. Abstrakte Ziele haben außer dem gesunden Menschenverstand keine naturgegebene Lobby. Es braucht daher Menschen wie Roland Baader, um der Freiheit und damit der Natürlichkeit und dem Frieden eine Lobby zu geben. Sechs Hauptthemen der Baader´schen Freiheitsanalyse wollen wir nun mit vielen Zitaten beleuchten: Kapitalismus, Sozialismus, Staatsphilosophie; sowie die Bedeutung von Geldsystemen, von menschlichen Utopie-Bedürfnissen und von Sprach- und Definitions-Sauberkeit.

Kapitalismus im klassischen Sinne – also freie Marktwirtschaft

Baader teilte zunächst natürlich Ludwig von Mises´ Kurzdefinition: „Der Markt ist kein Ort, sondern ein Prozess [der optimierten Arbeitsteilung]“

Wer den Marktprozess durch Politisierung und Manipulation pervertiert, gefährdet die Arbeitsteilung und bringt damit Wohlstand und sogar unsere Existenz in Gefahr. Es ist also ein existenziell wichtiger Findungs-Prozess, der überall in der Menschheitsgeschichte spontan entstanden ist (ja entstehen musste), sobald der Mensch begann, arbeitsteilig und damit effizient zu wirtschaften.

Baader: „Wir haben die Marktwirtschaft nicht entworfen – dafür waren wir nicht intelligent genug. Wir sind in diese Wirtschaftsordnung hineingestolpert; und sie hat uns zu unvorhersehbaren Höhen getragen und Ansprüche aufkommen lassen, die uns vielleicht noch dazu verführen werden, sie zu zerstören.“

Die Marktwirtschaft ist im Gegensatz zu ihrem Antipoden, dem Sozialismus, keine „Idee“, sondern der natürliche Zustand eines arbeitsteiligen Gemeinwesens. Sie war immer da, immer natürlich, immer menschengewollt. Sie funktioniert sogar dann, wenn nicht alle Teilnehmer die Marktprozesse verstehen und sie auch nicht von Intellektuellen erklärt werden! Wenn wir keinen freien Markt zum Tausch hätten, dann müssten wir alle Subsistenzwirtschaft treiben und würden alle mangels Spezialisierungsvorteilen noch in Höhlen wohnen. Wer in illusionärer und wahnhafter Machbarkeits-Hybris in diesen Markt eingreift, greift steuernd in die freie Willensbildung von Millionen von Menschen ein, was die Machtpotentaten des Falschgelds heute jeden Tag tun! Das ist totalitär und nur in absoluten Ausnahmefällen begründbar. Der freie, transparente Markt ist der Mensch. Wer den freien Markt ablehnt, lehnt letztlich die Freiheit selbst ab.

Roland Baader kürzestmöglich in den „Freiheitsfunken“ (FF): „Die Essenz der Freiheit ist die Freiwilligkeit“ 

Ähnlich prägnant wie Baader formulierten natürlich auch einige andere, etwa…

Lew Rockwell: „Märkte, Handel und Freiwilligkeit sind die Grundlage jeder Zivilisation.“

Matthias Horx: „Die Furcht vor dem Markt ist die Furcht vor dem Leben.“ 

Doch Baader ging weiter als fast alle seine schreibenden Zeitgenossen außerhalb der noch bis vor wenigen Jahren wirklich marginalisierten universitären Forschung der Austrian Economy. Ihn bewegte die Sorge um den Fortbestand der Märkte – sowie die Konsequenzen daraus außerhalb des Wirtschaftslebens. Zitat: „Es ist unmöglich, sich von den Elementen des Marktes zu entfernen, ohne damit zugleich die Rechte der Person und ihres Eigentums zu verletzen.“

Baader lehnte darum auch den Begriff „wirtschaftsliberal“ ab, denn der Markt muss überall wirken – und wenn man liberal ist, muss man zwangsläufig für Wettbewerb und Freiheit in allen Lebenslagen eintreten. Freiheit ist nicht nur Wi´freiheit: Der Liberalismus ist die Philosophie des freien Individuums und dessen rechtlicher Freiheit. Darum sind Zurückhaltung von Staat und Politik überall wichtig. Wenn ich heute von der „Vollpolitisierten Ökonomie“ spreche, dann ist damit gemeint die zunehmende Einmischung des Staats in fast alle Lebensbereiche. José Ortega y Gasset dazu: „Das ist die größte Gefahr, die heute die Zivilisation bedroht: die Verstaatlichung des Lebens; die Einmischung des Staates in alles.“

Mises führte gar den Niedergang des Römischen Reichs auf die zunehmende Politisierung der Wirtschaft und des Geldes zurück: Münzverschlechterung schon nach Augustus bis hin zu Diokletian, was mit Inflation und dann mit verfügten Preiskontrollen einherging, was schließlich zum Ende des funktionierenden Marktes und der Arbeitsteilung führte. Rom war durch konsequente Spezialisierung und Arbeitsteilung „marktwirtschaftlich“ groß und wohlhabend geworden. Erst im 17. Jhdt wurde der Grad der Arbeitsteilung, den Rom erreicht hatte, wieder erreicht! Die dominierende bäuerliche Subsistenzwirtschaft des Mittelalters war lange Jahrhunderte eines der schlimmsten Wohlstandshemmnisse – wenn auch natürlich nicht das einzige.

Zitate Mises zur überragenden Bedeutung freier Märkte für unsere gesamte Gesellschaft: „Der Kapitalismus machte [per Produktivitätssteigerung durch kapitalintensive Industrialisierung] die beispiellose Zunahme der Weltbevölkerung überhaupt erst möglich.“ … „Liberale, die glauben, daß Redefreiheit, Gedankenfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Schutz vor Willkür … auch ohne wirtschaftliche Freiheit bewahrt werden könnten, erkennen nicht, daß alle diese Freiheiten in einem System ohne Markt, in dem die Regierung alles bestimmt, nur Illusionen sind. … Der Verfall der Freiheit, des Verfassungsstaates und der Demokratie ist die Folge des tiefgreifenden Wandels im wirtschaftlichen Denken. Die politischen Ereignisse sind die unausweichliche Folge des Wandels in der Wirtschaftspolitik.“

Baaders zweites Hauptthema: der Sozialismus in allen Varianten

Das Buch „Kreide für den Wolf – Die tödliche Illusion vom besiegten Sozialismus“ schien 1991 in den letzten Monaten der sterbenden SU ein komplett anachronistisches und überflüssiges Werk zu sein. Doch Roland Baader sah damals schon klar den Irrtum praktisch aller politischer Beobachter und adressierte ihn offensiv und tiefgründig und mit enormer Weitsicht schon im Vorwort:

„Der Sozialismus am Ende? Nein, Freunde: Niemand ist weiter von der Realität entfernt als jene, die glauben, durch den Bankrott der östlichen Herrschaftssysteme liege der Sozialismus in Agonie. Ganz im Gegenteil … jetzt kommt erst seine Stunde. … Obwohl der Sozialismus weltweit besiegt erscheint, wird er in einem anderen Gewand, mit einer mephistophelischen Maske zurückkehren und erneut die Grundfesten unserer Existenz und unseres politischen Gemeinwesens erschüttern und vielleicht sogar zum Einsturz bringen. Die Gefahr trägt das Kleid ihres [kapitalistischen] Gegners und wird deshalb bis zum bitteren Ende nicht erkannt werden. Noch schlimmer: Selbst dann, wenn wir vor den Trümmern stehen werden, werden wir die Ursachen und Zusammenhänge der Katastrophe nicht begreifen“

Welche Weitsicht! Schon 1991 sagt Baader damit prophetisch voraus, was die Systemjournalisten noch heute nicht sehen wollen – was aber hochaktuell ist und worauf heute alles hindeutet, wenn wir erst die ultimative Systemkrise erreichen: „Sozialisten werden auch künftig die verheerenden Ergebnisse ihrer Interventionsklempnerei dem anlasten, den sie einst niedergeknüppelt und zerstört haben: dem Kapitalismus; und sie werden auf den Trümmern unseres Staatswesens dereinst rufen: ‚Mehr Sozialismus!‘  … Die sozialistischen Demagogen der Endzeit werden das Chaos nutzen, dem Kapitalismus [den sie schon vor langer Zeit gemeuchelt haben] die alleinige Schuld am Zusammenbruch zuzuweisen.“

Baader steht damit in der Tradition von Wilhelm Röpke, der einige Jahrzehnte zuvor formuliert hatte: „Die Kritiker des Kapitalismus fordern, um die durch die bisherigen Eingriffe weitgehend funktionsunfähig gewordene kapitalistische Wirtschaft wieder flottzumachen, eine Steigerung der Eingriffe, eine Erweiterung der Planwirtschaft – und damit eine weitere Degenerierung unserer Wirtschaft.“

Baader zeigt die unzähligen sozialistischen Varianten der vergangenen drei Jahrhunderte auf:

„In welchen Verkleidungen hat er nicht schon die Menschen verhext, betört und getäuscht: der Frühsozialismus im Gewand der säkularisierten [französischen] Paradies-Utopie; der Marx’sche Sozialismus im Mantel der ‚wissenschaftlichen‘ Geschichts- und Gesellschaftserklärung; der Engels-Lenin´sche in der Uniform des Weltrevolutionärs; der bolschewistische Sozialismus tanzte in den Schleiern des Friedens und des Internationalismus; der faschistische Sozialismus im braunen Hemd des Nationalismus und der rassischen ‚Erneuerung‘; und der volksdemokratische im Gewand des ‚antifaschistischen Fortschritts‘. Und längst hat sich der alte, der desavouiert und totgesagte, eine neue Kostümierung übergestülpt, um seinen nekromanischen Reigen weitertanzen zu können. … Dieser neue Sozialismus ist der Wohlfahrtsstaat – der Sozialsozialismus.“ […bzw. heute 2013 die Vollpolitisierte Ökonomie].

Baader machte sich auch intensiv Gedanken, warum wohl die hässliche und gefährliche Fratze des Sozialismus auch heute noch nicht allgemein als solche erkannt wird? Und so erkennt er den tief liegenden Hauptgrund für das noch immer positive Image sozialer bzw. sozialistischer Politik:

„Was am Kapitalismus ‚kalt‘ und ‚unmenschlich‘ sein soll, das ist die Tatsache, daß sie den Menschen keine Illusionen vorgaukelt von einem irdischen Paradies der Edlen, der ‚solidarischen‘ und ‚neuen‘ Menschen, sondern daß er sie so akzeptiert wie sie sind: Egoistisch und hilfsbereit, verschlagen und offen, dumm und gescheit, faul und fleißig, nüchtern und verträumt. Was am Sozialismus ‚menschlich‘ sein soll, das ist in Wirklichkeit nur die Illusion, der Irrtum und der Wahn. … Dieser Wahn aber lebt fort.“

Baader argumentierte dabei nicht aus der bequemen Position eines Groß-Bourgeois heraus: Er wohnte noch 1956 in einem Haus im westfälischen Schwelm, dessen neun Mietparteien sich zwei Gemeinschaftstoiletten im EG teilen mussten. Er war zeitlebens bescheiden – und hatte im Gegensatz zu vielen Intellektuellen von links wie rechts keine Berührungsängste mit den „Massenmenschen“, den „Kleinen Leuten“, dem Stammtisch. Er nahm –wie auch der Kapitalismus– den Menschen so wie er ihn eben vorfand! Er brauchte nicht wie die Sozialisten den „neuen, edlen, hypermoralischen altruistischen Menschen“ für sein Idealweltbild.

Baader formulierte ganz ähnliche Gedanken wie der katholische Sozialethiker Oswald von Nell-Breuning: „Die moralischste Wirtschaftsordnung ist diejenige, die mit dem geringsten Anspruch an die Moral des Einzelnen auskommt“ – oder auch wie schon 2009 unser Referent hier auf der IfAAM-Tagung, Prof. Schachtschneider: „Moralismus ist das Gegenteil von Moralität“.

In bissigen Worten schält Baader die Essenz der sozialistischen Grundirrtümer heraus: „Das Höchstmaß an sozialer Gerechtigkeit ist erreicht, wenn wir alle als Penner durch die Städte irren.“ Oder: „Im sozialsozialistischen Jahrhundert definiert sich Politik als unablässiger Versuch, das ökonomische Fundamentalgesetz der Knappheit außer Kraft zu setzen. Die Summe dieser vergeblichen Versuche kann nur in der Maximierung der Knappheit für alle enden“.

Er wettert gegen die Finanzierung der verordneten Moral mit fremdem Steuer-Geld, dabei Cicero zitierend („Von den Pflichten“, 44 v. Chr.): „Wer dem einen schadet, um sich gegen andere freigiebig zu erweisen, macht sich desselben Unrechts schuldig, wie wenn er fremdes Eigentum für sich verwendet“.

Baader denkt natürlich auch an die unvermeidlichen und dramatischen Folgen der heute grassierenden sozialsozialistischen Falschideen. Zitat aus „Totgedacht“: „Fast 50 Jahre Dauerfeuer an falschen Ideen [eigentlich sogar 100 Falschgeldjahre] haben einen Massenwahn erzeugt: ein Volk von realitätsfernen Utopisten. Der Sozialstaat ist eine Utopie. Und deshalb befindet er sich auch seit seiner Erfindung und Einführung durch Bismarck [vor inzwischen 130 Jahren] in der Krise. In einer Dauerkrise mit sporadisch auftretenden Fieberschüben.“ … „In der kommenden ‚Größeren Depression‘ wird sich wiederum erweisen, daß die Bürger den Glauben an die Marktwirtschaft verlieren und immer mehr den sozialistischen und freiheitsfeindlichen Sirenenklängen von Neid- und Hasspredigern auf den Leim gehen. Der Mittelstand wird ausgerottet werden, Chaos, Aufstände, explodierende Kriminalität und möglicherweise sogar Bürgerkrieg werden sich einstellen und politischen Totalitarismus heraufbeschwören.“ 

Und Baader attackiert natürlich auch das inzwischen 100-jährige Finanzierungsfundament des Wahnsinns: den monetären Zwangs-Sozialismus; das aus dem Nichts geschöpfte, ungedeckte und fraktional vermehrte Monopolgeld. Zitat aus „Geldsozialismus“: „Als verhängnisvoll erweisen sich die Begleiterscheinungen des monetären Niedergangs, nämlich der zunehmende Zerfall der moralischen und gesellschaftlichen Ordnung, der oft in Chaos und Revolution mündet – und schließlich in politischem Totalitarismus. Inflation ist immer ein sicheres Zeichen für den Niedergang einer Zivilisation. Daß Ost-Rom seinen sterbenden Vorgänger Westrom um tausend Jahre überlebte, hatte seinen Grund darin, daß Ost-Rom die einzige Gesellschaft war, die tausend Jahre lang eine Goldwährung hatte.“ 

Stefan Zweig schon vor 90 Jahren zum gleichen Thema: „Inflation unterminiert nicht nur die traditionellen bürgerlichen Tugenden, sondern macht sie lächerlich und verkehrt sie sogar in ihr Gegenteil. Klugheit, Vernunft und Vorsicht werden zu Unvernunft; Sparsamkeit wird Leichtsinn; Mäßigkeit wird Dummheit, Bescheidenheit wird zu mangelndem Ehrgeiz; Geduld zu mangelnder Vorschau. Alles, was Weisheit war, wird zu Dummheit. Und die Umstände zwingen fast jeden, bei dem Veitstanz mitzumachen.“ 

In „totgedacht“ erklärt Baader noch grundlegender den Sozialismus-Irrtum – und greift dabei auf das „Zwei-Welten-Theorem“ seines Lehrers Hayek zurück, an dessen Lehrstuhl in Freiburg er in den 1960er Jahren die Grundlagen der Nationalökonomie gehört hatte: „Der Grundirrtum der meisten Intellektuellen, welche den Kapitalismus [heute besser: ‚die Marktwirtschaft‘] für eine unmoralische oder moralzersetzende Ordnung halten, liegt in der Unkenntnis der Tatsache, dass wir ‚in zwei Welten leben‘ (Hayek), die von unterschiedlichen Moralregeln geprägt sind und geprägt sein müssen. … Die Regeln der kleinen persönlichen Gemeinschaften, der Sippe, Familie, Freundesgruppen; zum anderen die abstrakten, neutralen, kalten Regeln der anonymen und arbeitsteiligen Großgesellschaft … In der Kleingruppe konnte und kann ‚gerechtes‘ Verhalten durchaus unterschiedliche Behandlungsweisen beinhalten. Diese Moral lässt sich aber keineswegs auf die Großgesellschaft aus unzähligen Mitgliedern übertragen, die einander nicht kennen und untereinander nicht durch enge Gefühlsbande verbunden sind. Hier kann es nur eine Art der gerechten Behandlung und nur eine realistische Form der Gerechtigkeit geben – und das ist die Regelgerechtigkeit – die Gleichbehandlung aller vor dem Recht. … Der moderne Mensch lebt in diesen zwei verschiedenen Welten. …[darin liegt] Verwirrungspotenzial… Destruktiv wird diese Verwirrung, wenn der besagte Unterschied der zwei Welten nicht erkannt wird und dieses Nichterkennen zur Ambition führt, das vertraute und geschätzte Moralspektrum der kleinen Welt auf die große Welt (also auf die anonyme und arbeitsteilige Gesamtgesellschaft)  übertragen zu wollen. … Genau das aber ist der Kern des Sozialismus! Die erzwungene Übertragung der Kleingruppenmoral auf die Großgesellschaft zerstört sowohl die Ordnung der Großgesellschaft (in der diese Regeln fremd und letztlich undurchführbar bleiben müssen) als auch die kleine warme Welt der engen Gemeinschaften (die damit ihres Sinns und ihrer Aufgaben enthoben werden).“


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