31. Mai 2013

Ökonomin Carmen Reinhart Die Krise ist noch nicht vorbei!

Sensationelle Erkenntnis der Hauptstromökonomie

Im Zuge der nicht enden wollenden Schuldenkrise pflegen uns die Protagonisten der gegenwärtig herrschenden Schulen der Makroökonomie seit Jahr und Tag einzureden, dass keinerlei Grund zur Sorge besteht. Spitzenpolitiker und Notenbanker hätten – dank ihrer genialen Begabung zur „Feinsteuerung“ der Wirtschaft – alles fest im Griff. Schließlich habe man aus den Erfahrungen der „Great Depression“ der 1930er Jahre gelernt und wisse daher, was zu tun sei. Mit ebenso großem Selbstbewusstsein erklären uns dieselben Experten übrigens im Monatsrhythmus, weshalb ihre jeweils letzte Prognose so grandios danebenging. Dessen eingedenk überrascht es umso mehr, wenn beißende Kritik an der aktuellen Geld- und Fiskalpolitik ausnahmsweise einmal nicht aus dem Mund des Vertreters einer heterodoxen Schule kommt.

In einem Interview mit dem deutschen Nachrichtenmagazin „Spiegel“ nimmt die durch zahlreiche Publikationen prominent gewordene Harvard-Ökonomin Carmen Reinhart kein Blatt vor den Mund. Mit einer ungewöhnlich deftigen Aussage bringt sie die augenblickliche Lage auf den Punkt: „Ohne Zweifel, unsere Pensionen sind im Arsch!“

Zusammen mit Kenneth Rogoff erregte Reinhart im Jahr 2010 große Aufmerksamkeit, als sie einen negativen Zusammenhang zwischen einer am BIP gemessenen Staatsschuld von 90 Prozent und mehr und dem Wirtschaftswachstum feststellte. In einer Zeit des rund um den Globus gefeierten, mit einer nie zuvor gesehenen Staatsverschuldung einhergehenden Keynesianismus kommt eine derartige Diagnose für die herrschenden Eliten natürlich alles andere als gelegen. Lange hat es folglich nicht gedauert, bis unbeirrbare Verteidiger des hemmungslosen Deficit Spending büschelweise Haare in der von Reinhart und Rogoff aufgetischten Suppe fanden: Rechenfehler! Stimmt alles nicht! Alles steht zum Besten! Jedermann ist doch klar, dass durch Schuldenmacherei verursachte Probleme am wirksamsten durch noch mehr Schulden zu bekämpfen sind. Die Feuerwehr benutzt zum Löschen ja schließlich auch Benzin!

Ein wenig lästig dabei ist nur, dass die Manipulation des Zinses durch die auf Kommando der Regierungen tätigen Notenbanken und eine ungebremste Geldmengenvermehrung durch Druckerpresse und Kreditausweitung langfristig verheerende Konsequenzen zeigen werden. Diese kommen im obigen Zitat Reinharts zu den Pensionen zum Ausdruck: Die (zunächst schleichende) Zerstörung der Währungen und die damit verbundene Entwertung sämtlicher Geldvermögen – namentlich solcher, die in festverzinslichen Anleihen stecken –, wie etwa Pensionsvorsorgen. Fiat Money hat seine Wertaufbewahrungsfunktion verloren. Auf Nominalwerte lautende Investments garantieren die langfristige (Teil-)Enteignung der Anleger – zugunsten von Staat und Finanzwirtschaft.

Dass die zentral geplante und gesteuerte Inflationierung eine „asoziale Umverteilung“ von der Peripherie ins Zentrum, oder besser: von unten nach oben, bedeutet (Cantillon-Effekt), ist ein Umstand, den die Nomenklatura billigend in Kauf nimmt. Lassen sich dadurch doch am Ende sogar trefflich als „Krisengewinnler“ und „Spekulanten“ zu denunzierende Sündenböcke aufbauen, deren Kontrolle und Bekämpfung jede weitere Aufblähung der Staatsmacht rechtfertigen…

Schon Karl Marx wusste, dass die größte Gefahr für eine bürgerliche Ordnung nicht vom mittellosen Lumpenproletariat ausgeht. Denn wer täglich im schieren Überlebenskampf steht, revoltiert nicht. Weit verderblicher dagegen sind ein verarmender Mittelstand und eine wachsende Zahl sämtlicher Zukunftsperspektiven beraubter, junger Intellektueller. Die durch Negativzinsen und/oder Inflation bedingte Erosion des Kapitalstocks wird mittel- bis langfristig beides mit sich bringen: eine um ihre Ersparnisse – und damit die vermeintlich materiell abgesicherte Zukunft – gebrachte Mittelschicht und Massen von zwar gut ausgebildeten, aber arbeitslosen Jungen. Beides bedeutet gesellschaftlichen Sprengstoff. Die triviale Einsicht, dass derjenige morgen nichts mehr zu fressen hat, der heute alle Vorräte konsumiert, ist leider verloren gegangen...

Ein Modell des jetzt auf uns Zukommenden ist im Europa der 20er- und 30erjahre des vorigen Jahrhunderts zu finden. Jüngste Beispiele finden sich in Irland, Griechenland, Portugal und Spanien. In naher Zukunft werden wir dasselbe vermutlich auch (beziehungsweise wieder!) in Kerneuropa erleben. Angesichts des dräuenden Unheils setzt die politische Klasse alles daran, den Zeitpunkt des unausweichlichen Kollaps so weit wie erzwingbar hinauszuschieben – um dann möglichst nicht mehr im Amt (und möglichst weit weg) zu sein. Lord Keynes, der um die mit der von ihm propagierten Schuldenwirtschaft verbundenen Probleme wusste, meinte dazu in seinem bis heute berühmtesten Zitat trostreich: „Auf lange Sicht sind wir alle tot.“

Der Österreichischen Schule nahestehende Ökonomen warnen seit Jahren vor den grausigen langfristigen Folgen einer inflationistischen Geldpolitik. So weist zum Beispiel der deutsche Volkswirt Jörg Guido Hülsmann in einem aktuellen Interview anlässlich der Präsentation seines neuen Buches „Krise der Inflationskultur“ darauf hin, dass es unmöglich ist, aus der gegenwärtigen Lage „schmerzfrei“ herauszukommen. Was auch immer getan werden muss, wird weh tun – und zwar nicht einer politisch unbedeutenden Minderheit, sondern der breiten Masse. Das unentschuldbare Vergehen von Politik, Finanzwirtschaft und Hauptstrommedien besteht darin, die Illusion zu nähren, es wäre möglich, die herrschende strukturelle Krise durch monetäre und fiskalische Maßnahmen – zum Beispiel mittels der unentwegten Erfindung neuer Steuern – in den Griff zu bekommen. Das indes ist pures Wunschdenken. Wenn die Regierungen nun also durch die Flutung der Märkte mit aus dem Nichts geschaffenem Geld den Konsum anzukurbeln versuchen, so bedeutet das, mit den Worten von Jörg Guido Hülsmann, dass sie „wieder einmal dabei sind, an einem kalten Wintertag die Möbel zu verheizen“ – eine nicht besonders nachhaltig wirksame Strategie.

Das Dilemma besteht darin, dass es keine Regierung eines demokratischen Wohlfahrtsstaates – mit Millionen von auf den gegenleistungsfreien Empfang von Sozialtransfers gewöhnten Schmarotzern – riskieren will (und kann!), mit den notwendigen Maßnahmen ihre korrupten Wähler zu vertreiben oder – schlimmer noch – möglicherweise nicht mehr zu beherrschende Unruhen auszulösen. Je später aber die erforderlichen Korrekturmaßnahmen ergriffen werden, desto schärfer werden sie ausfallen – und damit den sozialen Frieden mit umso größerer Sicherheit zerstören.

Die herrschende Ochlokratie hat es geschafft, sich in eine klassische Doppelmühle zu manövrieren: Wird die Zinsmanipulation aufgegeben, führt das – infolge der dann nicht mehr finanzierbaren Schuldendienste – zum Bankrott vieler im Vertrauen auf eine dauerhafte Nullzinspolitik zu stark verschuldeter Unternehmen sowie zu Banken- und Staatspleiten. Ein gewaltiges Maß zusätzlicher Arbeitslosigkeit und Massenelend wären die Folge. Wird dagegen forsch auf dem derzeit anliegenden Kurs weitergesegelt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein kollektiver Vertrauensverlust in die Währung, eine Flucht aus dem Papiergeld – und damit eine Hyperinflation – eintritt. Vermögensvernichtung, Firmenpleiten, Massenarbeitslosigkeit und ‑elend wären auch in diesem Fall die Folgen. Wie formulierte es Roland Baader in seinem letzen, „Geldsozialismus“ betitelten, Buch: „Was wir im Kreditrausch vorausgefressen haben, werden wir nachhungern müssen!“

Was auch immer die hohe Politik also unternimmt – es liegen „interessante Zeiten“ vor uns. Eine einigermaßen einbruchsichere Haus- oder Wohnungstür einbauen zu lassen, für einen ausreichenden Vorrat an Lebensmitteln zu sorgen, eventuell den Rückzug aufs Land vorzubereiten und andere Vorkehrungen zur Hebung der eigenen Sicherheit zu treffen, kann daher kein Fehler sein.

Denn zu einer Kursänderung der seit Jahrzehnten (leider nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht) in die falsche Richtung steuernden Politik wird es erst nach dem Kollaps kommen. Und den gilt es ohne schwere Blessuren zu überstehen…

Links

„Der Spiegel“: Interview mit Carmen Reinhart (englisch)

Deutsche Übersetzung im „Format“

Ludwig von Mises Institut Deutschland: Interview mit Jörg Guido Hülsmann


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