17. Januar 2013

Filmkritik „Django Unchained“ entpuppt sich als Horror-Western, belebt von rächender Freiheitsliebe

In Tarantinos Splatter-Italo-Western kommen diesmal die Südstaatler nicht gut weg

Der neue Film von Quentin Tarantino, „Django Unchained“, ist nicht nur ein Nachklang des Italo-Western-Genres, sondern auch der Anfänge des modernen Horrorfilms. Der Film enthält neben dem offensichtlichen Rühren in der Spaghetti-Western-Schüssel einige Zitate aus dem Splatter-Klassiker  und Terrorfilm „Texas Chainsaw Massacre“ von Tobe Hooper:  Es gilt eine Horde degenerierter weißer Südstaaten-Landeier zu überwältigen, Menschen werden an Haken in düsteren Bretterschuppen aufgehängt oder durch den Schlag mit Hämmern aus der Werkzeugkiste auf den Hinterkopf getötet, und vor dem Showdown gibt es ein gruseliges Abendessen im Herrenhaus mit Totenschädel am Esstisch.  Anders als in den Italowestern der 60er Jahre, die durchaus mit ihren Friedhofssequenzen ins Gruselgenre hinüberspielten, man denke auch an Djangos Sarg,  spritzen bei Tarantino wirklich viel Blut, Gedärme und Hautfetzen – die Umgeschossenen sterben bei weitem nicht so unkompliziert wie unter dem Maschinengewehrfeuer von Terence Hill oder Franco Nero, dem Tarantino einen Gastauftritt einräumt.

Neben dem für Tarantino-Filme typischen Motiv der Rache geht es um das in amerikanischen Filmen beliebte Motiv von Freiheit und Befreiung. Diesmal werden in einer Art Nachspielen des  amerikanischen Bürgerkriegs im Kleinen die Schwarzen aus der Sklaverei befreit und zwar in einem Gefecht, in dem Weiße wie Schwarze auf beiden Seiten des „Schützengrabens“  liegen, so wie es sich im amerikanischen Bürgerkrieg zutrug. Dabei macht der Film mit der Besetzung der Hauptrolle durch Jamie Foxx deutlich, wie sehr Schwarze im klassischen wie im europäischen Western zum Beiwerk degradiert worden waren, wenn sie denn überhaupt in Filmen dieses konservativen Genres auftreten durften. Da die weißen Sklavenaufseher von Tarantino so dümmlich dargestellt werden, stellt sich dabei die Frage, wie sie die Herrschaft der Plantagenbesitzer aufrechterhalten konnten. Im Film wird dies von Leonardo di Caprio als Sklavenhalter Calvin Candie mit der allzu großen Unterwürfigkeit der Schwarzen erklärt. Dies wie der fortgesetzte Gebrauch des N-Worts sorgte für peinliche Berührung und Auflachen im Publikum des Kinosaals.

Christoph Waltz spielt wieder einen Deutschen, aber diesmal keinen gewieften Nazi-Schurken wie in „Inglourious Basterds“, sondern einen humanistisch empfindenden Einwanderer aus dem schönen Düsseldorf am Rhein:  Dr. King Schultz kann sich zwar mit den rauhen Sitten in den USA  hinsichtlich ihres libertären Rechtssystems anfreunden, das auf vigilantische Rechtsdurchsetzung durch private Kopfgeldjäger setzt, nicht jedoch mit dem Schrecken, der mit der Sklaverei einhergeht. Tarantino folgt mit dieser zerrissenen Figur wohl nicht nur irgendeiner Laune oder zufälligen Eingebung: Es ist historische Tatsache, dass sich Deutsch-Amerikaner im besonderen Maße für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben.


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Burkhard von Grafenstein

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