07. Januar 2013

Das Adlon – eine Familiensaga War der Kaiser lesbisch?

Köstlich, wie das ZDF die Geschichte aufarbeitet

Gestern startete die große ZDF-Familiensaga „Das Adlon“. Der erste Part des Dreiteilers (zweiter Teil heute Abend, der dritte folgt Mittwoch) spielt im Kaiserreich, beginnend kurz nach der Jahrhundertwende. Edle Kostüme und Mieder, Anstands- und Sittenwacht, Frack und Zylinder, koloniale Herrschaft und Faszination sind also angesagt – und im Mittelpunkt ein opulentes Luxushotel, das Berlin endgültig zur Weltstadt machen soll, gebaut von einem unternehmerischen Visionär.

Reichlich inkorrekter Stoff? Nicht so für die geschulten öffentlich-rechtlichen Drehbuchautoren Rodica Döhnert und Uli Edel. Die drehten das Buch kurz rum und zeigen uns die Welt, widde widde wie sie uns gefällt: Uneheliche Einzelkinder, selbstherrliche Patriarchen und angedachte Zwangsheiraten (was sich politisch-korrekte Staatsfunker eben so unter dem wirklichen Leben im Kaiserreich vorstellen), die gleichgeschlechtliche „Suche nach Freiheit“ zweier auffallend hübscher Damen (eine Art leicht geschönter früher Christopher-Street-Day unter den Linden im Jahr 100 vor Wowereit), bewaffnete spartakistische Kampftruppen, die vom Klassenfeind im Luxushotel umsorgt werden (in der Realität hätten erstere die letzteren, soweit nicht vom Hotelschutz erfolgreich am Zutritt gehindert, wohl eher dem Ziel der kommunistischen Gleichheit per Genickschuss zugeführt), böse Kapitalisten (wenn auch nicht der Hotelgründer, so doch wenigstens dessen Konkurrenz), rassistische, massenmordende und vertrottelte deutsche Soldaten (natürlich), einen noch vertrottelteren, rumhurenden Deutschen Kaiser (erinnerte an Walter Moers’ Zeichnungen von Adolf Hitler, auf dessen Auftritt im zweiten oder dritten Teil der ZDF-Zuschauer nun besonders gespannt sein darf) und als Krönung sprachliche Verrenkungen, die alleine die GEZ-Steuer wert sind.

Denn das war offenbar besonders knifflig für unsere Drehbuchspezialisten: Auch die Guten nannten damals die Schwarzen Neger und die Hereros Hottentotten. Wie es also dem Zuschauer erklären? Untertitel? Simultanübersetzung? Döhnert und Edel lösten das Problem so elegant, dass es hier nicht verraten und der Film auch deshalb dringend denjenigen empfohlen werden soll, die die als Historiendrama verkleidete Persiflage auf heute übliche Befindlichkeiten verpasst haben.

Schnell anschauen (die ZDF-Mediathek zum Beispiel macht’s kaiserliche Lustigsein auch online möglich) und heute Abend (20.15 Uhr) den zweiten Teil nicht verpassen.


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