21. Dezember 2012

ZeitungssterbenJakob entdeckt die Ökonomie

Wenn die Realität den Konstruktivisten das Fürchten lehrt

Den vermeintlichen Walser-Sohn, selbsternannten Berliner Gärtner und Verwalter des millionenschweren Augsteinschen Spiegel-Vermächtnisses Jakob Augstein fröstelt es. Angesichts des gefährlichen Fahrwassers, in das so manche Postille der Republik schon geraten ist, hat er einen Blick auf die Zahlen seiner Wochenzeitung „Der Freitag“ geworfen und einfach mal eins und eins zusammengezählt. Sein gestern veröffentlichtes Ergebnis ist ernüchternd. Neun von 40 Stellen innerhalb der Redaktion will er nun streichen und bringt dabei das sonst so gefürchtete Wort „Sparen“ aufs Papier. Leider könne er als Unternehmer das benötigte Geld nicht selbst drucken. Wie schade! Augstein drückt in solchen Momenten gern ein paar malocherromantische Tränen aus dem Knopfloch: Leider könne „Der Freitag“ nun nicht mehr allen Kollegen eine Arbeitsstelle bieten. Er entwickelt einen Hauch von Paranoia, wähnt sich in einem Wirbel des medialen Strukturwandels, in dem er nun von sogenannten „Sachzwängen“ geknechtet werde. Trotz allen vermeintlichen Wachstums seiner Zeitung müsse er zukünftig sparen. „It‘s the economy, stupid!“, würde Bill Clinton dem Jakob nun vielleicht ins Ohr flüstern. Denn ohne Sparen keine Investitionen – jedenfalls wenn man nicht von Finanzspritzen der Zentralbanken lebt. Doch womöglich liefert uns Augstein den wichtigsten Grund für die notwendige Reduzierung des Personalstamms gleich mit, ohne es selbst zu erkennen. Seine Redaktion stelle sich tapfer gegen einen angeblich trübsinnigen Zynismus und Fatalismus, den ein wirtschaftshöriger Zeitgeist als Normalität vorgaukeln wolle. „Weil wir die Wirklichkeit anders denken und anders beschreiben.“ Wir erkennen: Ein bisschen Sinn für die Realität – auch und vor allem für die ökonomische Wirklichkeit und ihre grundlegenden Prinzipien –  könnte auch Herrn Augstein ganz hilfreich sein. Die Konstruktivisten des Zeitgeistes scheitern an ihrer eigenen Ideologie. Ihnen laufen die Leser weg. Diese spüren tagtäglich die wirtschaftlichen Notwendigkeiten, während die schreibende Zunft von bösen Spardiktaten und den Segnungen analoger und digitaler Gelddruckereien fabuliert. 46 Prozent der deutschen Journalisten gaben zuletzt bekannt, grünen und roten Marktfeinden nahezustehen, während nur 16 Prozent der Kollegen die (rein formalen) Erben von Ludwig Erhard oder Otto Graf Lambsdorff wählen würden. Und dennoch halluziniert Jakob Augstein einen angeblich wirtschaftshörigen Zeitgeist herbei. Er und seine Genossen scheitern beeindruckend kläglich an der Realität. Benebelt vom eigenen Sendungsbewusstsein überschätzen sie maßlos die vorhandene Nachfrage nach überdrehter grünlinker Politromantik. Ein Blick auf die Zahlen der IVW e.V., der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern, lässt zudem über Augsteins Wachstumseuphorie stutzen. Laut IVW gingen die Verkaufszahlen des „Freitag“ seit 2009 um 22 Prozent zurück. Der Markt für politisch angepasste Postillen scheint mehr als gesättigt. Es ist unerheblich, welch hohe Summen aus den Parteizentralen noch strömen werden. Das Zeitungssterben hat gerade erst begonnen. 


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