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Fußball: Pöhler und Bonzen

von Benno Ohm

Das Image und die Wirklichkeit

17. Dezember 2012

Es ist die wohl beste Imagekampagne im Fußballmarketing. Und dabei so einfach. Ein Wort nur, sechs Buchstaben, gedruckt auf Mützen und Kappen: „Pöhler.“ Ruhrgebietsslang für das Fußballspielen im Allgemeinen und die Fußballschuhe im Speziellen. „Ich geh mal pöhlen“ assoziiert das handfeste Treffen mit anderen Jungs auf dem Bolzplatz. „Ich zieh mir die Pöhler an“, lässt an das Basisgeschäft des Fußballs denken, an ruppige Zweikämpfe zwischen Dortmund-Derne und Herne-Baukau. Pöhlen – das ist Fußball in seiner geerdeten Grundform. Als Merchandise-Artikel gibt der Begriff allen Anhängern von Borussia Dortmund das gute Gefühl, im Vergleich zu den „Herren Millionären“ aus München oder den von Bayer, SAP und Volkswagen finanzierten Clubs immer noch Teil einer rebellischen Rasselbande zu sein. Egal, wie häufig diese nun schon die Meisterschaft gewonnen hat und dass ihr offensives Mittelfeldduo Reus und Götze gemeinsam einen Marktwert hat, mit dem sich in Dortmund-Derne und Herne-Baukau wahrscheinlich alle Immobilien restlos aufkaufen ließen.

Der aktuelle BVB teilt das irrsinnig günstige Schicksal etablierter Rockstars, die sich immerfort für „die gute Sache“ einsetzen und „wissen, woher sie kommen“ – er gilt grundsätzlich als gerecht. Egal, was geschieht. Daran änderte auch die offene Kritik einiger Schiedsrichter am Umgang Jürgen Klopps mit den vierten Offiziellen nichts, die Ende November laut wurde. In einer eindrücklichen Filmaufnahme presst „Kloppo“ (auch Spitznamen vermitteln Kumpeligkeit) den Schirm seiner „Pöhler“-Mütze gegen die Stirn des Außenschiedsrichters und brüllt den Mann mit gefletschten Zähnen an, als wolle er ihn auf der Stelle reißen. Den Vorwurf, ein solches Verhalten fördere die Gewaltexzesse in den unteren Ligen, die kürzlich mit tödlichen Tritten von jungen Spielern gegen einen Linienrichter in den Niederlanden einen niederträchtigen „Höhepunkt“ fanden, müsste man auf vielen Seiten diskutieren. Im Falle „Kloppo“ ist interessant, wie schnell augenblicklich Adjutanten wie Johannes B. Kerner im Doppelpass zur Stelle waren, die betonten, dass Jürgen Klopp „keiner Fliege was zu leide tun könne“. Motto: Der bellt nur, der beißt nicht. Bellt der „Kloppo“, ist es harmlose, „übergroße Leidenschaft“. Bellt Bayern-Manager Uli Hoeneß, ist es im Volke meistens ein Beleg für die Arroganz, Überheblichkeit und ungerechtfertigte Aggressivität.

Schaut man sich die beiden Clubs, deren direktes Duell am 1. Dezember als neuer Classico in rund 200 Länder übertragen wurde, im Vergleich an, heben sich die Charakterpunkte solide gegeneinander auf. Klopps gefletschten Zähnen an der Außenlinie steht in München mit Jupp Heynckes ein Gentleman gegenüber, der niemals seine Brüllspucke im Gesicht eines Offiziellen verteilen würde. Der Kader beider Teams ist mit umgänglichen Spielern geradezu gesegnet. Oder kann sich jemand vorstellen, mit einer Frohnatur wie Bayerns Dante oder der wandelnden Gelassenheit auf zwei Beinen, Dortmunds Kapitän Kehl, Ärger zu bekommen?

Die gedachte Linie zwischen „gut“ und „böse“, zwischen „Pöhler“ und „Bonzen“, zieht sich durch die ganze Liga. Dabei liegen die Dinge nicht so einfach. Der Dortmunder Kampf gegen Neonazis im Stadion ist im CSU-geführten Bayern beispielsweise gar nicht nötig, weil es keine gibt. Das hören rote Landesregierungen gar nicht gerne. Nötig ist eine andere Unterteilung von gut und böse. Gut = Leidenschaft, auch mal mit gefletschten Zähnen. Schlecht = kaltblütiger Mord. In diesem Sinne sollte man zusammenrücken.

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 22. Dezember erscheinenden Jan./Feb.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 129

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