Lion Edler

Lion Edler, Jahrgang 1987, studiert in Berlin und arbeitet nebenher als freier Journalist.

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Islamkritik und Furcht vor Multikulti: Hysterie ohne Faktenbasis

von Lion Edler

Über einen Irrweg von manchen Konservativen und Liberalen

Islamische Welt in Aufruhr. Oder: Zorn der Muslime. So lauteten die Schlagzeilen, als die Medien wegen der Ausschreitungen von weltweit ein paar hundert Idioten wieder einmal Kopf standen. Die „Islamkritik“ griff die Hysterie gern auf und konstruierte daraus ihren Vorwurf, dass „die Muslime“ zum „Sich-beleidigt-fühlen neigen“.

Sogenannte Islamkritiker verbreiten immer wieder Behauptungen, die bei näherer Betrachtung überhaupt nicht stimmen. Da betont etwa der bekennende Islamkritiker Frank A. Meyer im Schweizer „Blick“: „Nirgends in der islamisch beherrschten Welt konnten sich die freiheitlichen Grundwerte durchsetzen.“

Dabei siegte in Indonesien, dem bevölkerungsreichsten Land mit muslimischer Mehrheit, „die Freiheit“ im von Meyer verfochtenen westlichen Sinne. Dort wurden in den vergangenen Jahren „regelmäßig Wahlen auf lokaler und nationaler Ebene abgehalten“, ein „funktionierender freier Markt entwickelt“ und „die Kultur der Toleranz gegenüber den christlichen, hinduistischen, buddhistischen und chinesischen Minderheiten des Landes gestärkt“, berichtet die „Welt“. Das Parlament besteht zu 18 Prozent aus Frauen, was etwa dem Anteil im US-Kongress entspricht. Und eine Frau übernahm das Präsidentenamt. Der Chef der Abteilung für islamische Angelegenheiten im Religionsministerium bezeichnet sich gar als islamischen Feministen. Ob es da eher schon zu westlich zugeht?

Dennoch gibt es auch in Indonesien immer wieder Ausschreitungen von radikalen Islamisten. Sie ändern aber nichts an den politischen Strukturen, und die Gewalt wird von der politischen Führung verurteilt. Weiter wird gerne behauptet, Terroranschläge gebe es nur bei Muslimen. Europol verzeichnet im Jahr 2010 in der EU genau 249 Terroranschläge, nur drei davon werden Islamisten zugerechnet. Dass auch 45 linksextreme Anschläge gezählt wurden, zeigt, dass es sich nicht um eine links gefärbte Zählung handelt. Doch die Medien scheinen diese Zahlen nicht zu kennen, was nach den Anschlägen in Oslo und Utoya zum vorschnellen Verdacht eines islamistischen Anschlags führte.

Da wird ferner behauptet, das Kopftuch stehe generell für Unterdrückung – Belege für die Behauptung hält man nicht für nötig. Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung ergab nun aber, dass 97 Prozent der Trägerinnen das Kopftuch für eine religiöse Pflicht halten. Die Mutter und die Freundin haben nach der Studie zudem häufiger einen Einfluss auf die Entscheidung, ein Kopftuch zu tragen, als etwa der Ehemann. 94 Prozent der Kopftuch-Trägerinnen finden es wichtig, dass Frauen in der Partnerschaft ihre beruflichen Wünsche verwirklichen können. 89 Prozent von ihnen wollen eine demokratische Staatsform. Und die restlichen Muslime? Das amerikanische Gallup-Institut stellte fest, dass 93 Prozent der Iraner und 94 Prozent der Ägypter Demokratie bevorzugen.

Ist der Islam schuld an Jugendgewalt? Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) sieht einen Zusammenhang zwischen „erhöhter“ islamischer Religiosität und „Männlichkeitsnormen, die Gewalt legitimieren“. Eine Expertise ihres Ministeriums verwies auf eine Untersuchung, wonach 24 Prozent der befragten muslimischen Jugendlichen „gewaltaffin“ sind  (nichtmuslimische jugendliche Einwanderer: 16 Prozent; deutsche Jugendliche: 15 Prozent). Doch als gewaltaffin gilt bereits, wer unter anderem folgender Aussage zustimmt: „Wenn jemand mich angreift, dann schlage ich auch zu“. Die Medien aber übernahmen weitgehend unkritisch die Ergebnisse und thematisierten nicht, wie diese Nonsens-Zahlen zustande kamen.

Doch abgesehen von der Islamdebatte bauschen auch die ständigen Diskussionen über „Integrationsverweigerung“ in grotesker Weise ein Problem auf und entkoppeln sich völlig von den Zahlen und Fakten. Eine Befragung von türkischstämmigen Bürgern in Nordrhein-Westfalen ergab, dass der Anteil der sich freiwillig nicht integrierenden Personen, die also von sich aus keine Kontakte mit alteingesessenen Deutschen wollen, bei rund zwei Prozent liegt. Dies widerlegt radikal die Vorstellung, dass eine „islamische Landnahme“ stattfände. Auch die immer wieder alarmistisch diskutierte Jugendgewalt nimmt tatsächlich seit Jahren nachweislich ab – die demographische Entwicklung macht es möglich. Eine Langzeitstudie in acht Städten ergab, dass von 1998 bis 2009 die Zahl der Jugendlichen, die im Jahr vor der Befragung mindestens einmal gewalttätig wurden, in keiner Stadt anstieg und meistens gar erheblich sank. Auch die Zahl von „Rauf-Unfällen“, bei denen verletzte Schüler verarztet werden mussten, sank zwischen 1997 und 2007 um 31,3 Prozent.

Der rechtskonservative Islamkritiker Manfred Kleine-Hartlage meint nun, die Frage sei nicht, ob der Islam oder das Christentum „besser“ sei, vielmehr gebe es einen „entscheidenden Unterschied“: „Das Christentum ist unsere Religion, der Islam ist es nicht!“ Daraus spricht ein alter Glaubenssatz von Carl Schmitt, wonach es in der Politik immer um einen fundamentalen Gegensatz zwischen „Wir“ und „Die Anderen“ gehe. Das aber steht im völligen Widerspruch zu den hier bereits genannten Zahlen und Fakten. Sie zeigen deutlich, wie sehr kulturelle und religiöse Sozialisationseinflüsse durch Konservative überschätzt, die politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen aber unterschätzt werden. Man muss sich nur den verfetteten deutschen Sozialstaat anschauen, um zu sehen, wie sehr und wie schnell solche Rahmenbedingungen zu einer Umwertung der Werte führen und welches gefährliche Anspruchsdenken sich da ausbreitet – einerlei, ob bei Muslimen oder Nichtmuslimen.

Es wird zuweilen eingewandt, man müsse zwischen radikalen und gemäßigten „Islamkritikern“ unterscheiden. Doch auch die vermeintlich „seriöseren“ Islamkritiker in den Massenmedien überzeugen mich nicht mehr als die rustikalen Varianten an den Rändern. Vor allem deshalb, weil beide fast immer extrem vergangenheitsfixiert sind und ständig meinen, dass der Islam in diesem oder jenem Land für immer so bleiben müsse, wie er es für längere Zeit war. Da werden dann gern mal Koranzitate ausgepackt, so als ob es nicht auch in der Bibel genügend Passagen gäbe, die in der Praxis umgesetzt heute problematisch wären. Immer wieder wird sich an islamischen Expansionskriegen abgearbeitet – oftmals ausgerechnet von Leuten, die fordern, dass die Deutschen nicht auf ewig die Nazi-Zeit unter die Nase gerieben bekommen sollen. Gerade die wechselvolle europäische Geschichte zeigt, wie schnell Werte und Dogmen, die jahrhundertelang unumstößlich schienen, plötzlich kippen können. Auch theologisch, und dies nicht nur im Guten: So werden etwa die einst hoch geschätzten Zehn Gebote von der hiesigen evangelischen Kirche zunehmend entsorgt. Die Vorstellung, dass Muslime durch jahrhundertelange Entwicklungen in besonderer Weise kulturell programmiert seien, weshalb eine direkte Linie von Mohammed zum 11. September führe, ist ähnlich „überzeugend“ wie die beliebte linke Behauptung, dass Bismarck automatisch zu Hitler geführt habe.

Doch nicht nur die harten Zahlen und Fakten, sondern auch meine Alltagserfahrungen widersprechen den Behauptungen von Islamkritikern und Integrations-Alarmisten. Etwa jener Mär, dass man in Berlin-Neukölln überhaupt nicht mehr angstfrei spazieren könne. Ich studiere in Berlin, so dass ich mich häufiger in dem Stadtteil aufhalte. Ich erinnere mich nicht, jemals von einer als Migrant erkennbaren Person angegriffen oder angepöbelt worden zu sein. Was deshalb bemerkenswert ist, da ich mit meinem Alter und meinem Geschlecht zur Risikogruppe gehöre. Sehr wohl wurde ich mehrfach Augenzeuge von Rangeleien und Gewalttätigkeiten, aber die Beteiligten schienen keine „Migranten“ zu sein. In einem Fall wurden allerdings ein paar Schwule von einem Proleten mit offenbar türkischem Akzent angepöbelt. Ich selbst wurde auch schonmal in der S-Bahn von einem betrunkenen, besonders national gesinnten Teutonen bedroht. Noch nie habe ich irgendwelche Beschimpfungen in Richtung „Christenschweine“ oder „Kartoffeln“ gehört, von denen im Zuge der medialen Hysterie ständig gesprochen wird, weder bei Aufenthalten in Buschkowskys Neukölln noch sonstwo.

Die progressive Mainstream-Islamkritik wirft dieser Religion indessen im Kern vor allem eines vor: dass die traditionellen Muslime nicht genauso dekadent und gottlos sind wie der Rest von Deutschland. Dass sie nicht auch noch jährlich Tausende von Kindern vor der Geburt entsorgen. Symbolisch steht dafür der Kontrast zwischen dem islamischen Kinderreichtum und dem demographischen Selbstmord der nichtmuslimischen Deutschen. Einmal stand ich mit zwei eher unpolitischen, in jeder Beziehung geradezu normalen Jugendlichen an einem Bahnhof. Wir sahen eine Frau mit Kopftuch und drei Kindern. Daraufhin meinte einer der Jugendlichen: „Irgendwie sieht man nie Familien, die sympathisch sind und viele Kinder haben.“ Die Antwort der daneben stehenden jungen Dame: „Ja, weil sympathische Familien auch nachdenken, und sich dann eher nicht fünf Kinder anschaffen. Aber wenn man in das Wohlstandsland Deutschland verfrachtet wird, dann kann man es natürlich ausnutzen.“ Merke: Wer ein Kopftuch trägt und mehr als zwei Kinder hat, muss in Deutschland damit rechnen, als asozialer Parasit zu gelten. Es kann einem angst und bange werden, wie viel kulturelle Überheblichkeit und Vorurteile durch die Islamhysterie bereits verbreitet wurden.

Es spricht also vieles dafür, dass die Islamkritik und die Furcht vor Überfremdung, ähnlich wie die Amerika- und Israel-Kritik, eine Projektionsfläche für die eigene Dekadenz und religiöse, kulturelle und nationale Schwäche ist. Das sehr lesenswerte Buch „Die Panikmacher“ von Patrick Bahners trägt nicht umsonst den Untertitel „Die deutsche Angst vor dem Islam“.  Zweifellos birgt eine abgehängte türkisch-arabische Unterschicht in den Innenstädten ein durchaus bedenkliches Gewaltpotenzial. Es erwächst aus einem fetten Sozialstaat, einer verweichlichten Polizei und Justiz, Kuschelpädagogik, nicht zuletzt antimuslimischen und antitürkischen Vorurteilen. Und es könnte schlimmer werden. Aber haben wir derzeit wirklich keine größeren Probleme?

Der schwere Stand der Liberalen und Konservativen in Deutschland ist nicht nur der Herrschaft des linken Medienmainstreams zuzuschreiben. Vielmehr besteht das Problem auch darin, dass zu viele islamfeindliche, fremdenfeindliche  und sonstige Spinner den Begriff des Konservatismus oder Liberalismus besetzen und somit deren Ruf in peinlicher Weise beschmutzen. So wird zuweilen fast der Eindruck erweckt, dass Paranoia sowie das Spucken auf andere Kulturen und auf religiöse Frömmigkeit ausgerechnet zum Konservatismus gehörten. Das abstoßende und gefährliche Treiben immer radikaler werdender Islamgegner fällt in der Außendarstellung auf das freiheitliche Lager zurück.

Die Gottlosigkeit und kulturelle Entwurzelung der Deutschen führt zu einer Verrohung, die in der Sarrazin-Debatte auf beiden Seiten der Barrikade sichtbar wurde. Als Ausweg hilft aber sicher nicht die Islamkritik. Es hilft nur das Eingestehen unserer eigenen ökonomischen und politischen Fehlsteuerungen sowie unserer dekadenten westlichen Sünden. Es helfen Vernunft, Umkehr und Gebete.

Information

Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 128

23. November 2012

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