Mario Fleischmann

Mario Fleischmann, Jahrgang 1990, studiert Ressortjournalismus in Ansbach, erstellte die Internetseite Mises-media.de und arbeitet derzeit als Praktikant für eigentümlich frei.

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Energiewende: Kalkulation in der Energieplanwirtschaft

von Mario Fleischmann

Warum wir nicht wissen können, was zu tun ist

16. November 2012

Der gestrige Blackout in München dauerte nur eine Stunde, doch führte bereits diese kurzzeitige Unterbrechung der Stromversorgung zum fast völligen Zusammenbruch des öffentlichen Lebens. Tausende von Menschen saßen in Staus, U-Bahnen, Trams und Fahrstühlen fest. Am Abend fiel auch in Frankfurt die Straßenbeleuchtung für eine halbe Stunde aus. Durch die Stillegung von acht Atomkraftwerken im Zuge der Energiewende sind die Kraftwerkskapazitäten vor allem in Süddeutschland knapp geworden. Unklar ist derzeit noch, ob die Energiewende mit den Vorfällen in Verbindung gebracht werden kann. Vergangenen Winter kam es bereits wegen Gasengpässen in mindestens drei Fällen zu einer akuten Gefährdung der Versorgungssicherheit. Nur Stromimporte aus Österreich konnten Ausfälle verhindern. Die Bundesnetzagentur geht auch für den kommenden Winter von einer angespannten Versorgungslage aus. Diesmal kommt erschwerend hinzu, dass eine Reihe von konventionellen Kraftwerken stillgelegt werden soll, weil sich ihr Betrieb gegen den Einspeisevorrang von Ökostrom nicht mehr rechnet.

Das größte Problem mit den erneuerbaren Energien ist, dass sie untauglich sind, die sogenannte „Grundlast“ zu erzeugen. Nur die konventionellen Kraftwerke sind in der Lage, für einen stabilen Netzbetrieb zu sorgen. Ein Kohle- und Kernkraftwerk gibt die Leistung ganzjährig ab, eine Windstromanlage liefert nur Strom, wenn auch Wind weht, eine Photovoltaikanlage nur, wenn die Sonne scheint. Aber ein Industriestaat braucht nicht nur ab und zu Strom, sondern ständig, ohne Unterbrechung.

Mit den Ökostromanlagen ist die Stromerzeugung breit über das Land dezentralisiert. Um eine funktionierende Verteilung zu schaffen, muss das Mittelspannungsnetz um rund 4.500 Kilometer Überlandleitungen erweitert werden. Dafür veranschlagt die Bundesnetzagentur 30 bis 48 Milliarden Euro. Der Ausbau geht allerdings sehr schleppend voran. Das belastet das bestehende Netz und gefährdet die Versorgung.

Interessant ist, dass die Atomenergie in den letzten Jahrzehnten extrem subventioniert wurde. Die gesamte Subventionssumme beläuft sich laut einer Studie des „Forum Sozial-Ökologische Marktwirtschaft“ auf 213,2 Milliarden Euro. Atomstrom erreicht mit durchschnittlich 4,0 Cent pro Kilowattstunde den höchsten Förderwert. Steinkohlestrom und Strom aus erneuerbaren Energien profitierten mit 3,3 Cent pro Kilowattstunde und 3,4 Cent pro Kilowattstunde von ähnlich hohen Förderungen. Atomenergie erreichte Anfang der 1970er Jahre sogar Werte von über 60 Cent pro Kilowattstunde für den „Technologieanschub“. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Kernenergie niemals eingeführt worden wäre, wenn die Betreiber in der Aufbauphase einen relevanten Teil der Kosten hätten selbst tragen müssen. Die hohen Förderungen haben die heutige Marktposition der Atomenergie überhaupt erst ermöglicht. Zudem haben die in der Vergangenheit eingeschlagenen Entwicklungswege neue Innovationen erschwert oder sogar verhindert. Die Entwicklung der vergangenen 50 Jahre hätte mehr Chancen für erneuerbare Energien bereitgehalten, wären nicht die Stromnetze auf zentrale Kraftwerke ausgerichtet oder die Forschung nicht einseitig in Richtung Atomenergie gelenkt worden. Im Gegensatz zu den erneuerbaren Energien ziehen Kohle und insbesondere Atomenergie hohe und bisher kaum bezifferbare Folgekosten nach sich. Die Endlagerung des Atommülls und die Grubenwasserhaltung in ehemaligen Steinkohlebergbaugebieten verursachen sogenannte „Ewigkeitskosten“, die allerdings der Staat übernimmt. Nach der Studie betragen die externen Kosten, also die Kosten, welche die Betreiber auf den Staat oder die Gesellschaft abwälzen, bei der Stromproduktion aus Steinkohle 8,9, aus Braunkohle 10,7, aus Erdgas 4,9, aus Wind 0,3, aus Wasser 0,2 und aus Photovoltaik 1,2 Cent pro Kilowattstunde. Zu den externen Kosten der Atomenergie liegen Schätzungen in der Bandbreite von 0,1 bis 320 Cent pro Kilowattstunde vor. Die Erneuerbaren kommen bei den versteckten Kosten also sehr gut weg. Das müsste natürlich berücksichtigt werden.

Abschließend lässt sich feststellen: Wir können gar nicht wissen, was zu tun ist. Der abrupte Ausstieg aus der Kernenergie ist alleine deshalb abzulehnen, weil er die Stromversorgung gefährdet. Aber durch einen Wust an Steuervergünstigungen, Subventionen und der Übernahme von externen Kosten durch den Staat ist es unmöglich zu sagen, was die beste Form der Energieerzeugung ist. Nur wenn jeder Energieproduzent alle Kosten selbst tragen muss, werden die wirklichen Kosten sichtbar. AKW-Betreiber müssten dann ihre Versicherungskosten und Endlagerungskosten selbst tragen. Steinkohlegruben müssten für die Grubenwasserhaltung aufkommen. Das verteuert diese Energien. Vermutlich wäre am Ende die Braunkohle am billigsten. Wenn man die Kosten für den CO2-Ausstoß mit einberechnen möchte, sollte es einen Handel mit Zertifikaten geben, die zum Ausstoß berechtigen. Sinn oder Unsinn einer Emissionsbeschränkung soll hier nicht beurteilt werden. Aber wenn man es möchte, wäre das der effizienteste Weg. Die Braunkohle müsste dann mehr Zertifikate kaufen, die Erneuerbaren und Kernenergie weniger bis gar keine. Es ist durchaus möglich, dass die Erneuerbaren dann bereits heute bis zu einem gewissen Grad die günstigsten sind. Die Gewinnmarge gegenüber den anderen Energieformen müsste allerdings noch groß genug sein, um das Stromnetz entsprechend umzubauen. Wenn sie groß genug ist, steht genügend Kapital zur Verfügung, um das schnell, effizient und risikoarm zu bewerkstelligen. Wenn nicht, ist es ökonomisch unsinnig. Erst, wenn die Preise unverzerrt die Wirklichkeit widerspiegeln, können Entscheidungen getroffen werden, die nicht nur auf einem Ratespiel aufbauen. Die Energieplanwirtschaft hingegen gefährdet nicht nur die Versorgungslage, sondern auch technischen Fortschritt und durch die hohen Strompreise den Wirtschaftsstandort Deutschland.

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