Axel B.C. Krauss

Axel B.C. Krauss, Jahrgang 1968, ist freier Journalist und lebt in Berlin.

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Europa: Die EU und die barbarischen Horden auf Pluto

von Axel B.C. Krauss

Sind Sie auch seelisch divergent, mein Freund?

Entgegen einem weit verbreiteten Glauben ist Idealismus nicht per se schlecht – auch nicht in der Politik. Gäbe es überhaupt keinen Idealismus, gar kein Streben über den jeweiligen Status quo hinaus, stünde der Mensch nicht unter solchen „Vertikalspannungen“ (Peter Sloterdijk) – dann säßen wir heute, und das ist keinesfalls übertrieben, immer noch in Höhlen und hätten eine Heidenangst vor der pfeilförmig zuckenden Wut, die unter den dunklen Augenbrauen der Götter am Himmel hervorschießt. Wir hätten dann wahrscheinlich nie gelernt, diese grimmig zusammengezogenen Brauen einfach als bestimmte „Wetterlage“ und die zornigen Blicke als „Elektrometeore“ zu klassifizieren, als elektrostatisches Phänomen.

Man kann stundenlang spannende anthropologische, evolutionsbiologische und kulturphilosophische Diskussionen über die Ursachen dieser Vertikalspannungen führen, die Zugkräfte der Neugier, die Zentrifugalkräfte des  Bewusstseins und Denkens, die vom Urknall des ersten bewussten „Ach?“ zu demjenigen Geisteskosmos geführt haben, den wir „modernes Weltbild“ nennen. Manche behaupten, die existentielle Grundsituation des Menschen als sogenanntem „Mängelwesen“ habe einen entscheidenden Einfluss auf diese Entwicklung gehabt, die Tatsache, dass er der Natur alles, was Spaß macht, mehr Leckereien, mehr Wissen,  mehr Annehmlichkeiten, mehr Komfort durch unermüdliches Beobachten und Forschen, durch Ackern und Plackern, durch straffes Schaffen abtrotzen musste. Hierbei habe, behaupten diese populistischen Anti-Egalitaristen, der Wettbewerb zwischen verschiedenen Ideen, zwischen unterschiedlichen Konzepten darüber, wie sich die Lebenssituation verbessern ließe, eine entscheidende Rolle gespielt. Gerade auch auf dem Kontinent namens „Europa“.  

Das Problem ist also nicht der Idealismus selbst. Problematisch wird es meistens erst dann, wenn statt mehrerer Ideale, mehrerer unterschiedlicher Ideen, durch deren Reibungswärme das Leben auf diesem Planeten für viele Menschen sehr viel flauschiger und kuscheliger wurde, eine einzelne Idee sich über alle anderen erhebt und dann behauptet, ultima ratio, endgültige Antwort, Schlußpunkt dieser vertikalen Bewegung zu sein. In anderen Worten: Die beste Idee „aller Zeiten“ oder das „Ende der Geschichte“. Oder auch: Unipolarität ist alternativlos. Übertragen auf unsere derzeitige Situation: Wenn die Regierenden beginnen, mit Wörtern wie „alternativlos“ um sich zu werfen, sollten die Regierten sich eigentlich Sorgen machen. Denn diese „Alternativlosigkeit“ ist Ausdruck der Unfähigkeit zum nüchternen Realitätscheck, zur Prüfung des von einem Ideal zunächst mal nur proklamierten Fortschritts an der durch seine leidenschaftliche Verfolgung erzeugten Wirklichkeit.

Was nun diesen Realitätscheck betrifft, fällt die Bilanz für die politische Superstruktur EU sowie den Euro bisher leider nicht sehr positiv aus. Während in Madrid erst kürzlich wieder zahlreiche populistische Alternativlosigkeits-Skeptiker und andere Terroristen gegen den Kurs der Euro-Zerretter demonstrierten und dafür von der staatlichen Rechtsgewährleistung nassforsch übers Knie gelegt wurden, diskutierte man in Brüssel lieber eine weitere bürokratische Maßlosigkeit totalitärer Provenienz – eine gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote von 40 Prozent in Unternehmen. Geht‘s noch? Und das war nur ein Beispiel der jüngsten Zeit. Die Liste der – vorsichtig formuliert – „Indizien“, die auf einen krassen Realitätsverlust der Brüsselanten hinweisen, wird immer länger und nimmt auch immer bedrohlichere Züge an – bis hin zu ganz ernstgemeinten Versuchen, das Internet als „terroristische“ Gefahrenquelle ins Visier zu nehmen – obendrein auch noch mit freundlicher Unterstützung der UN.

Ganz unverhohlen und, so scheint es, gänzlich unbekümmert um die Reaktionen der europäischen Völker geht man nach der Devise „Und bist du nicht willig, so brauch‘  ich Gewalt“ vor. Sollte das Image Schaden nehmen, keine Sorge: Wie praktisch, dass der Generalsekretär des Europarates zugleich dem Nobelkomitee vorsitzt. Auch Beziehungen zur Chefredaktion eines bekannten Lifestyle-Magazins können hilfreich sein – schon wird der Präsident des Europaparlaments „Mann des Jahres“. Ein bisschen erinnert dieses Gemauschel und Gekungel, diese Form der Propaganda ja schon an die ehemalige (?) Sowjetunion.

In ihrer sturen Beschönigung der realwirtschaftlichen Folgen sowie ihrer Selbstbeweihräucherung nehmen die Wortführer und Verfechter der gesündesten Währung aller Zeiten immer tragischere, ja schizophrenere Züge an. Während hinter ihnen Griechenland fällt, Spanien zu flackern beginnt, Irland und Portugal die Luft ausgeht und Italien sowie Frankreich die Knie zu schlottern beginnen, sprechen sie immer noch von der Stabilität des Euro und den großen Vorteilen, die er Europa gebracht habe – entgegen allen anderslautenden Beweisen. Die aktuellen Entwicklungsdaten Deutschlands geben Anlass zur Sorge, dass die Folgen schon recht bald auch hierzulande sehr viel deutlicher spürbar werden. Macht nichts, die Bundeswehr übt ja schon für Ernstfälle in Ballungsgebieten.

In Terry Gilliams herausragendem Science-Fiction-Film „12 Monkeys“ gibt es einen kleinen Monolog, der solchen Realitätsverlust, die Schizophrenie, die immer größere Distanz zwischen politischem Anspruch und Wirklichkeit, einen nur noch sich selbst genügenden, gegenüber den Tatsachen indifferent gewordenen Idealismus vorzüglich zusammenfasst: „Ich lebe in einem Zustand seelischer Divergenz. Ich befinde mich auf dem fernen Planeten Ogo als Mitglied einer intellektuellen Elite, und wir bereiten die Unterwerfung der barbarischen Horden auf Pluto vor. Aber obwohl ich nicht anders kann, als jene Welt in jeder Hinsicht als absolut wirklich zu betrachten, ist dem zum Trotz Ogo natürlich nichts als ein Konstrukt meines Geistes. Ich bin seelisch divergent, indem ich gewissen namenlosen Wirklichkeiten zu entfliehen versuche, die mein Leben hier plagen. Wenn ich aufhöre, dorthin zu fliehen, werde ich gesund sein.“

16. November 2012

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