Henning Lindhoff

Der ehemalige Sozialarbeiter, Jahrgang 1982, ist stellvertretender ef-Chefredakteur.

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Naziradar: Melden Sie rechtes Gedankengut!

von Henning Lindhoff

Denunzianten im Stealth-Modus

15. November 2012

Nicht nur in der Wikipedia geht es drunter und drüber. Nicht nur dort werden Gedanken, die dem politisch korrekten Einheitsbrei widersprechen, unter dem Deckmantel der Anonymität in die rechte Ecke gelogen. Zumindest in Hessen gibt es nun auch die Möglichkeit, unliebsamen Zeitgenossen im analogen Leben mächtig Ärger zu bereiten. In Frankfurt und Umgebung rufen derzeit die lokalen Antifa-Gruppen zum Mitmachen beim sogenannten Naziradar auf. Echte, aber auch nur vermeintliche Rechtsradikale dürfen hier jederzeit telefonisch oder per E-Mail gemeldet werden: „Genaue Infos wie Namen, Adressen, Kleidung, Körperbau und andere markante Details, zum Beispiel Tätowierungen, Piercings, etc. sind sehr hilfreich. Versucht also, Personen, Zeitpunkt und Ort möglichst genau zu beschreiben. Je genauer die Informationen sind, desto mehr helfen sie euch und uns weiter.“ Solche Infos würden dann von den Machern des Naziradars an die Antifa-Gruppen weitergeleitet, die dann schon wüssten, wie man „dem Treiben der Nazis etwas entgegensetzen“ könnte. Den Meldern wird vom Naziradar Anonymität versprochen. Und auch die Initiatoren des Naziradars wollen anonym bleiben, haben ihrem Internetauftritt nicht einmal ein Impressum gegönnt. Zur eigenen Identität verlassen sie sich lieber auf die Spürnasen der Nazijäger: „Am besten, ihr fragt in alternativen Jugendzentren und bei antifaschistischen Gruppen nach, ob dort etwas über den Naziradar bekannt ist. Stellt selbst Nachforschungen über uns an, versucht mit aktiven AntifaschistInnen darüber zu reden und macht euch euer eigenes Bild.“ Als Faschistenentlarver Nummer eins ergriff eigentümlich frei hier natürlich ein ganz besonderer Ehrgeiz.

Die Betreiber des Naziradars lassen ihre Identität durch die Dienste der Firma PrivacyProtect schützen. Auf der Suche nach ihren Namen erscheint nur das digitale Angebot, Ihnen über diese Firma eine E-Mail zu schreiben. Ihre Namen bleiben geheim. Den notwendigen Webspace haben sich die Betreiber über die Firma MediaOn des türkischen Unternehmers Tekin Karaboga angemietet. Die Server, auf denen das Naziradar abgelegt wurde, stehen in einem recht unscheinbaren Wohnviertel im türkischen Ankara. Der Betreiber der Server ist Sedef Razi. Er gab auch der berüchtigten Internetseite Esowatch ein Zuhause, auf der, mittlerweile unter dem Namen Psiram, allerlei Menschen mit nicht ganz massenkonformer politischer Meinung in ein mehr als unglückliches Licht gerückt werden. Auch Esowatch/Psiram ist stolz auf die Anonymität seiner Betreiber. Laut Gerüchten soll der Verfassungsschutz hier eine aktive Rolle einnehmen. Ob er auch in Sachen Naziradar aktiv ist, erscheint fraglich. Als Betreiber des Radars kommt hier doch eher das AU Frankfurt in Betracht. Das autonome Zentrum Rödelheims nimmt zum Betrieb seiner Internetseite ebenfalls die Dienste von Tekin Karaboga in Anspruch. Haben Sie durch seine Firma einfach flugs eine zweite Internetseite registrieren lassen, um anonym zur Jagd auf Andersdenkende aufrufen zu können?

Anonymität im Netz kann nicht funktionieren. Wikipedia ist das Beispiel dafür, wie eine ursprüngliche gute Idee durch Anonymität ihrem Gegenteil gefährlich nahe gebracht wird. Das Naziradar setzt dem Ganzen die Krone auf und nutzt die Schwächen des digitalen Netzes für Vorgehensweisen, die in einer dunklen Vergangenheit begraben schienen.

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