25. Oktober 2012

Neue UN-Studie Man gönnt uns unser Hübschsein ...

... aber sie sind die Schlauen! Glauben sie

Kaum hatte die EU den Friedensnobelpreis zu einem Symbol technokratischen Narzissmusses degradiert, um sich autoerotisch zu bestöhnen und der etwas kritischere Teil hiesiger Kommentatoren deshalb gefragt, für wie blöd man sie eigentlich noch halten wolle angesichts der Tatsache, dass der Vorsitzende des Nobelkomitees, Thorbjørn Jagland, zugleich die Position des Generalsekretärs des Europarates bekleidet, schon ging's munter weiter: Martin Schulz, Präsident des EU-Parlaments, wurde kurze Zeit später – rein zufällig, Campari – vom Magazin „GQ“ zum „Mann des Jahres“ gewählt.

Ich wundere mich etwas über die bescheidene Zurückhaltung. Warum nicht gleich Nägel mit Köpfen machen und zum Beispiel „Vanity Fair“ Herman Van Rompuy zum „Sexiest Man Alive“ wählen, Christine Lagarde in einem Remake von „Pretty Woman“ sich mit George Clooney durch die Laken wälzen oder Mario Draghi in einem 200-Millionen-Dollar-Actionkracher gegen grimmige Separatisten, Nationalisten und – wenn schon, denn schon – Rechtsextremisten das Sturmgewehr schwingen lassen.

Aber davon soll hier nicht die Rede sein. Unnötig zu erwähnen, dass diese lustigen PR-Gags natürlich auch dem Zweck dienen, dem leckgeschlagenen Dampfer etwas Hochglanzlack aufzusprühen. Nicht nur wegen der paar unbedeutenden, garantiert auch weiterhin größtmögliche Währungsstabilität gewährleistenden Peanuts, die einigen Mitgliedsländern aus der Hosentasche fielen, sondern sicher auch wegen bekanntlich allseits lautstark bejubelter und mit größter Freude erwarteter cyberklimawandelbewusster Projekte wie zum Beispiel „CleanIT“ oder „Indect“ – der Ausweitung der Luftraumüberwachung städtischer Dissidenten- und Terroristenghettos mittels Drohnen. Man möchte die Menschen doch nur im Sommer beim Steigenlassen von Drachen in Freizeitparks beobachten.

Nun hat die UN eine dazu passende Studie veröffentlicht: „The use of the internet for terrorist purposes“ (Der Gebrauch des Internets zu terroristischen Zwecken). Das erinnerte mich an eine kleine Rangelei zwischen Alice Schwarzer und Familienministerin Kristina Schröder. Schröder empfand Schwarzers Thesen über den Koitus als Symbol weiblich-beingrätschender Unterwerfung unter die arglistigen, rücksichtslos brutalen, grausamen Weltherrschaftsambitionen pfuimännlicher Sexualgewalt als etwas altbacken und mit Blick auf die nun mal existentielle Notwendigkeit des Beischlafs als Gewährleistungsfunktion des Fortbestandes der Spezies Mensch auch als ein bisschen absurd. Schwarzer maunzte unter anderem zurück, sie gönne Schröder „ihr Hübschsein“. Aber das sei nichts Persönliches. Dechiffriert: Die Kristina ist die Hübsche, aber ich bin die Schlaue, nänä-nä-nänääänä.

Zusammenhang? Ganz ähnlich muss man sich die Botschaft dieser aktuellen Studie der UN vorstellen. Man gönnt uns unser informationstechnisches Hübschsein. Ausdrücklich weist man darauf hin, das Internet sei jaja ganz wertvoll, nützlich und seine Bedeutung keinesfalls zu schmälern. Aber leider, leider treiben Terroristen dort ihr Unwesen, weshalb wir – es ist wirklich nichts Persönliches – auf diese ganz unverhohlene Art den geplanten Beschneidungsgesetzen der EU (und nicht nur ihren) mal ein wenig unter die Arme greifen wollen. Ihr habt zwar das Internet, aber wir sind die Schlauen, bätschi.

Als ließen sich wild entschlossene Terroristen von ein paar Netzsperren beeindrucken. Außerdem gab‘s Terror auch schon vor der Internet-Ära, ja und nun? Dass diese Studie von der UN kommt, also einer Organisation, deren interne Machtverhältnisse wohlbekannt sind – ach, egal. Auch die Zeitumstände sind sicher unwichtig – ist den herrschenden politischen Kasten doch nur sehr genau bewusst, dass ihnen so langsam der Boden unter den Füßen wegbricht und viel zuviele  Menschen sich lieber im hochgefährlichen islamistischen Al Qaidanet informieren als bei Al Kai da.

Nun könnte man argumentieren, nee nee mein Lieber, du machst es dir zu einfach. Was ist denn mit den ganzen Terroranschlägen der letzten Zeit? Wie war das noch in Bengasi, und mit der Bombe im Libanon, und Syrien, Syrien! Nunja, leider handelte es sich dabei aber größtenteils nicht um nativen, sondern staatlich gepressten Terror aus der Fabrik „Gut & Partner“. Merkste was?

Link

The use of the internet for terrorist purposes


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