01. Oktober 2012

Rostocker Polizeiruf Subversion im Rockermilieu

Wieder mal was verhuscht

Erst der Dortmunder Tatort letzten Sonntag und gestern nun der Rostocker Polizeiruf – die ARD jagt das Klischee. Jetzt Rocker statt Schwule. Wichtig nur: Die Kommissare sind so kaputt wie ihre Stadt. Der Hauptkommissar muss unbedingt aussehen, als ob er müffelt. Das Drehbuch sollte politisch so korrekt sitzen wie die Krawatte von Michel Friedman. Und der eine oder andere Schauspieler darf auch mal dilettieren. (Wer wollte sich nicht mit Thomas Sarbacher alias Rolf Wendland im Indianerkostüm fremdschämen?)

Klar, die Schwulen waren die Guten, und die Rocker sind die Bösen. Also musste der Gleichstellungsbeauftragte am Drehbuch diesmal eine umgekehrte Finte ersinnen. Was, fragte er sich, spricht denn vermeintlich für „den Rocker“? Was also müssen wir „dekonstruieren“? Ach ja, bei Rockers zuhause gelten ganz besondere Codes von Moral, Anstand, Treue, Ehrgefühl, Heimat, Aufrichtigkeit, Männlichkeit. Aber sie gelten!

Also wurden ARD-Rocker modelliert, die unschuldige Hebammen ermorden, die ihre Clubfarben wechseln (kommt in der Realität so häufig vor wie ein Dortmund-Schalke-Wimpeltausch), die sich gegenseitig verraten und Gelder hinterziehen, deren Frauen untreu und die selbst auch mal schwach sind. Die ganze Palette also, die sich ein naseweiser Bürokrat auf dem Krimi-Regiesessel so ausmalen kann.

Denn Rocker, da stimmen auch die Kollegen von der Aktuellen Kamera bedächtig zu, sind böse, böse, böse und gehören von Staats wegen mit Razzia überzogen oder besser gleich verboten. Irre nur, wie dann dem Kommissar eine geradezu anarchische kleine Hinterlist ins Wortskript rutschen konnte: „Razzia? Verbieten?“ Fragt der Stinker doppelunwirsch und antwortet wichtigst und selbst: „Wir schaffen es ja nicht mal, die NPD zu verbieten!“

Und wir halten inne. Erinnern, dass in keiner anderen Partei so viel von unserem Staat steckt wie in jener, die der Kommissar hier plötzlich und unvermittelt im Namen des Volkes zu verbieten sucht! Da ist er also, der subversive Moment des Abends…

Internet

Dortmunder Tatort: Dosenravioli auf Stöckelschuh'

BRD heute: Willkommen beim Großrazziamachen


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