Henning Lindhoff

Der ehemalige Sozialarbeiter, Jahrgang 1982, ist stellvertretender ef-Chefredakteur.

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HCO12: Der erste Tag

von Henning Lindhoff

Von der reinen Lehre und modernen Fragen

Der erste Tag des Hayek Colloquiums 2012 wurde eingeläutet durch einen zünftigen Tiroler Musikempfang. Der letzte Donnerhall der mehrfach gezündeten Kanone war noch nicht verklungen, als Dr. Gerhard Schwarz, Direktor der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse, die Referenten des heutigen Nachmittags ankündigte – Václav Klaus, aktueller Präsident der Republik Tschechien, sowie Norbert Bolz, Medienphilosoph und Tractatus-Preisträger.

Den Anfang machte Václav Klaus, der mit Schwung und prägnanter Sprache von seiner Zeit im realexistierenden Sozialismus der Tschechoslowakei sowie seinen politischen Aktivitäten während der Samtrevolution, der Trennung Tschechiens von der Slowakei und der marktwirtschaftlichen Transformation der tschechischen Gesellschaft berichten konnte. Friedrich A. von Hayeks Buch „Der Weg zur Knechtschaft“ sei ihm dabei seit seinen Studententagen stets hilfreicher Begleiter gewesen. Hayeks Lehren habe er als Vorbild für die Transformation und Öffnung seines Landes angesehen. Nachdem ihm bei seinen Besuchen in Österreich immer wieder gesagt wurde, Hayek, Mises und Co. seien aus ökonomietheoretischer Sicht gestorben, war er gewillt, „Hayek in Prag wiederzubeleben“. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wurde ihm klar, dass die Veränderung der Gesellschaft nicht von oben diktiert werden könne. Hier habe sich gezeigt, dass Hayek in der Praxis Recht behalten hatte. Die Träume der Staatskonstruktivisten stellten sich als nicht umsetzbar heraus. Die Menschen auf der Straße schufen sich ihre Ordnung spontan – eine hayekianische Transformation. Auch die aktuelle Eurokrise habe Hayek sicher vorausgesagt. Grund für Immobilien-, Kredit- und Staatsschuldenkrise sei schließlich nichts anderes als die Politik des leichten Geldes aller Zentralbanken weltweit. Die Krise mit weiterem leichten Geld zu bekämpfen sei Pseudo-Medizin und bewirke nur eine Vertiefung der Krise, so Klaus. Nach vielen Jahren in der Politik sei er zu dem Schluss gekommen, dass Freiheit, Markt und spontane Evolution die wichtigen Garanten für eine glückliche und prosperierende Gesellschaft seien.

Norbert Bolz, Medienphilosoph an der Technischen Universität Berlin, folgte mit seinem Vortrag zum Thema „Das neue Soziale“. Er bekannte sich freimütig dazu, früher ein Neomarxist und Anhänger der Frankfurter Schule gewesen zu sein – nicht aus Überzeugung, sondern weil es Mode gewesen sei. Eine lange Zeit und viel Textarbeit habe er benötigt, um diesen irreführenden Weg zu verlassen. Überzeugt habe ihn vor allem Hayeks Arbeit. Bolz unternahm heute den Versuch, den Liberalen Werkzeuge an die Hand zu geben, um den Totschlagargumenten der Profitgier und der sozialen Kälte effektiv entgegentreten zu können. Drei aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zeigten schließlich, dass die Menschen der Moderne auch ohne staatliche Hilfe sozial handelten. Erstens zeigten soziale Netzwerke, Facebook, Twitter und Co., dass es zwar ein Zurück zur Dorfgemeinschaft nicht mehr gebe, die Menschen aber auch nicht der puren Individualisierung frönten. Die Kultur des Schenkens und Teilens sei weit verbreitet im Netz. Und Projekte wie Wikipedia seien praktische Umsetzung des Hayek`schen Entdeckungsverfahrens und seiner Theorie zur Entstehung einer spontanen Ordnung. Zweitens sei zu beobachten, dass vor allem junge Menschen danach strebten, etwas Bleibendes zu erschaffen, was der Psychologe Abraham Maslow in seinem schriftlichen Nachlass die Ebene der Selbsttranszendenz nannte. Selbstverwirklichung sei außer Mode, heutzutage zum puren Wellness mutiert. Stattdessen würden vor allem erfolgreiche Menschen nicht mehr allein vom Geld getrieben. Nein, sie wollten der Nachwelt etwas hinterlassen. „Make a difference“ sei daher der treffende Wahlspruch lebensbejahender US-Amerikaner. Und auf diesem Wege könne Idealismus endlich Realismus werden, so Norbert Bolz am heutigen Nachmittag. Drittens erlägen Unternehmen heutzutage einem erhöhten Druck, transparent zu arbeiten und soziales Engagement zu zeigen. Die Konsumenten wollten dies, da Transparenz und effiziente soziale Lösungen von den Regierungen nicht mehr erbracht würden. Diese Ansprüche sollten nun die Unternehmen erfüllen. Soziales Profil sei heutzutage Bedingung, um Profit zu erwirtschaften. An diesem Punkt sah Norbert Bolz die Chance, Regierungen mitsamt ihrem Pseudo-Auftrag der sozialen Gerechtigkeit obsolet werden zu lassen.

Der Staat jedoch funke an allen drei Punkten machtvoll dazwischen, so Bolz. Der Paternalismus sei das Konzept, mit dem die Politiker ihre Untertanen von der Wiege bis zur Bahre an die Hand zu nehmen versuchten, um ihnen vorzuschreiben, was zu tun und was zu unterlassen sei, was gesund und was ungesund sei, was gut und was böse sei. Der Paternalismus, den Obamas Berater Cass Sunstein mit dem Begriff „Nudge“ umschrieb, ergänze im 21. Jahrhundert den Sozialstaat, der sich auf diesem Wege unverzichtbar machen wolle. Dies sei dann auch der moderne „Weg zur Knechtschaft“.

Ganz offen zeigte sich Norbert Bolz heute als Freund des kompensierenden Sozialtatastes und der sozialen Marktwirtschaft, was für reichlich Diskussionsstoff während der anschließenden, von Dr. Gerhard Schwarz moderierten, Podiumsdiskussion sorgte. Hier blitzte Václav Klaus mit seiner rhetorischen Erfahrung aus 30 politischen Jahren auf und erfreute sich sichtlich daran, die Diskussion zu „dramatisieren“, wie er es nannte. Norbert Bolz beschuldigte er, sich nie vom Neomarxismus befreit zu haben. Zu den Ideen Hayeks habe dieser keinerlei Zuneigung zeigen können. Er selbst verabscheue jegliches Adjektiv in der Nähe des Begriffes „Marktwirtschaft“. „Soziale Marktwirtschaft“ und „Das neue Soziale“ seien in seinen Augen beschönigende Synonyme für den Marxismus. Jegliche Mischung von Systemen sei ihm zuwider und der viel besungene „Dritte Weg“ führe einzig und allein zur „Dritten Welt“. Die reine Lehre des klassischen Liberalismus dürfe nicht weichgespült werden, warnte Václav Klaus.

Doch Norbert Bolz gelang es, elegant und eloquent zu kontern. Er versuchte in der Diskussion nochmals seinen Appell an alle Liberalen deutlich zu machen, sich vor Diskussionen um die ominöse soziale Gerechtigkeit nicht zu drücken. Genau hier solle der aufrecht liberale Mensch seinen Standpunkt klar umreißen. Beispiele sozialen Lebens und Handelns ohne den Staat gebe es schließlich genügend. Die Liberalen sollten hier sehr viel offensiver auftreten, so Bolz. Da der Sozialstaat in unserer gottlosen Gesellschaft zur Ersatzreligion mutiert sei, müssten auch hier liberale Positionen klar beschrieben werden, um Außenstehende wieder für die Lehren Hayeks und seiner Mitstreiter zu begeistern. Dies sei der einzige Weg, um die sozialdemokratisierte öffentliche Meinung zu beeinflussen. Das Predigen der reinen Lehre helfe nicht weiter.

Aus dem Publikum wurden mehrere interessante Fragen gestellt. Gefragt nach den Ursachen der linken Euphorie für die Rettung der PIGS-Staaten äußerte Norbert Bolz eine treffliche Antwort, für die ihm zu danken ist. Ziel der Linken sei es stets gewesen, die deutschen Schandtaten unter nationalsozialistischer Herrschaft zu sühnen. Aus ihrer Sicht müsse Deutschland daher aufgelöst werden und in eine übergeordnete Organisation aufgehen. ESM, EFSF, TARGET2 und Co. seien dazu die Werkzeuge. Václav Klaus wurde im Laufe der Diskussion etwas kritischer hinterfragt. Auf die Frage eines Gastes, wie es ihm denn gelungen sei, sich als Radikalliberaler lange Jahre in höchsten Ämtern eines europäischen Staates zu behaupten, berichtete Klaus nicht von Interna der Eliten, sondern beschränkte sich lediglich darauf, sein gutes Verkaufsgeschick zu preisen. Er habe stets eine einfache Sprache gesprochen und es damit erreicht, seine Landsleute von klassisch liberalen Ideen zu überzeugen. Im politischen Geschäft sei es zudem durchaus möglich, Konstruktivismus und Spontaneität zu kombinieren. Und schließlich hätten Politiker gar keine Macht, lediglich etwas Einfluss. Hatte Hayek also doch in einem Punkt Unrecht?

Norbert Bolz machte zum Ende der Diskussion nochmals deutlich, dass er den Liberalismus als Ergebnis der Arbeit eines gesunden Menschenverstandes sehe. Und wenn die Liberalen es schafften, eine eigene Strategie zur Diskussion der sozialen Fragen zu entwickeln, sollte es in Zukunft möglich sein, noch viele weitere Anhänger für Hayeks Ideen zu gewinnen. „Let´s make a difference!“, schloss Dr. Gerhard Schwarz treffend die Podiumsdiskussion, bevor der Abend mit einem gemeinsamen Abendessen beschlossen wurde.

Am heutigen ersten Tag des HCO12 standen zwei wahrlich eloquente Schwergewichte auf dem Podium. Beide präsentierten Ansatzpunkte für inhaltliche Kritik, aber viel Charakter und anregende Impulse. Morgen werden die Vertreter der Bank Austria und der Europäischen Investitionsbank referieren. Es wird spannend, was diese Herren bezüglich Hayeks Ideen zu berichten haben.

13. September 2012

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