03. September 2012

Wochenrückblick Ja, was dürfen die denn?

Von Ohrlöchern, Geldlachen, Ventilparteien und scheindemokratischen Wahlen

„Dürfen Eltern ihren Kindern Ohrlöcher stechen lassen?“, fragte zerrBILD.de und damit auch, wen sowas eigentlich interessiert. „Aber die grundsätzliche Frage bleibt zu klären: Was dürfen Eltern – und was nicht? Die Meinungen sind geteilt“. Ganz ungeteilter Meinung hingegen kann man hinsichtlich solcher Fragen sein. Irgendein Psychoanalytiker soll mal gesagt haben, das Fehlen von Scham sei ein sicheres Zeichen für Schwachsinn. Wie müsste man also jemanden bezeichnen, der solche Fragen stellt, ohne sich sogleich dafür zu schämen? Richtig.

Dennoch: Was dürfen Eltern denn nun also? Wer entscheidet darüber? Die einfachste Antwort wäre natürlich: „Die Eltern selbst!“ Aber mit solchen undifferenziert-populistischen, absurden Gedanken wollen wir uns gar nicht erst lächerlich machen. Wo kämen wir hin, wenn entschieden, nachgedacht, sich geäußert, spekuliert, geflogen und vor Kleptokratien geflohen, gereist und gespeist, angepackt und abgepackt, geraucht und geschmaucht, gefahren und verfahren, mitgemacht  und -gelacht oder gar gewählt werden könnte, wie es jedem gerade passt? Ernsthaft: Liebe Kollegen, musste das wirklich sein? Musstet ihr unbedingt neue Flöhe in Brüsseler Ohren setzen? Ich werde die so sicher wie das nächste Rettungspaket zu erwartende eintausendfünfhundertseitige gesamteuropäische Ohrlochstechverordnung trotzdem nicht lesen. Grundsätzlich nicht.

Waten wir entspannt weiter durch den monokulturellen Hauptstrom, der aufgrund stetiger geistiger Verdunstung allmählich zu einem in höchster Bedeutungslosigkeit aus den Volksempfängern tropfenden Rinnsal zusammenzuschrumpfen droht, aber nichtsdestoweniger sicher wieder einiges an Skurrilitäten hergibt. Mal sehen, Draghi droht wieder mit Geldschwemme, nö, nehme ich nicht, das Thema ist für mich durch. Wer immer noch glaubt, damit könne man Schuldenprobleme lösen, löse bitte erstmal das Problem mit der lockeren Schraube im eigenen Kopf.

Morgan Stanley zahlt Sarkozy 250.000 Euro für eine Rede, wie langweilig. Manche bekommen fürs Quasseln Millionen im Jahr. Das lockt mich nicht. Aber hier musste ich schmunzeln, ah jetzt ja: „Ein verpufftes Wunder“, titelte „Cicero“ über die sich allmählich breit machende Enttäuschung angesichts der überraschend zügigen Assimilierung der „Piraten“ ins Borgdrohnenkollektiv etablierter Politik: War Widerstand wirklich zwecklos? Keineswegs. Er müsste nur endlich mal etwas konsequenter sein. Chaoten in Stramplern sind ja keine echte Alternative.

Die „Piraten“, aber das ist nur meine ganz persönliche Meinung, sind ja nicht mehr als eine Blitzableiter- und Ventilpartei, die den Unmut der Bürger über den strengen Geruch der Zombiehorden im Bundestag, die beharrlich wie ein Idiot in der Geschlossenen mit dem Kopf vor die Wand laufende Zerrettungspolitik der laut Dr. Wolfgang Mundschaum völlig stabilen, unkaputtbaren, besten Währung aller Zeiten bis zum nächsten Ponzicrash und den Mangel an echter Opposition, sprich echten Wahlmöglichkeiten kanalisieren und sicherheitspuffern sollte, bevor er sich nachher noch in hohen Zustimmungswerten für extremistische Parteien von rinks bis lechts entlädt. Ist ja durchaus ein nobles, wenn auch – gerade im Falle der „Piraten“ – leider sehr kurzsichtiges Motiv, denn wenn die in den kriechenden Inflationsschmutz Befohlenen  feststellen müssen, dass sie wieder einmal vergackert wurden und ihre Stimmen auch gleich Beavis und Butthead oder Gustav Gans hätten schenken können, werden sie doch erst recht sauer – und wenden sich, nein sowas, enttäuscht ab.

Wäre es zu „fatalistisch“ zu behaupten, dass in diesem System jede anfangs noch so hoffnungsvolle Partei sich irgendwann etwas stromlinienförmiger frisieren wird, sobald die Futtertröge erstmal in Reichweite sind? Bei den Grünen wars schließlich nicht anders. Kaum hatten sie etwas zu sagen, sagten sie nicht mehr viel, bückten sich und ließen es sich systemisch so richtig besorgen. Geiler is’ schon. 

„Die Berlinerin Katja Dathe, die nach der Wahl über eine Nachrückerliste in die Bezirksverordnetenversammlung einzog, schmiss frustriert ihr Amt hin.“ Stopp. Warum schmiss sie nun hin? Wegen der Piraten oder Lusttötern wie „Bezirksverordnetenversammlung“, ein Wort, bei dem selbst ein Blauwalpenis auf Stechmückengröße zusammenschnurrt? „Sie nannte das Parlament auf ihrem Blog ein 'Bürokratiemonster' und eine 'vollkommen überflüssige und kontraproduktive Demokratiesimulation'. Es binde 'auf sehr perfide Art jede Form bürgerlichen Engagements'“. Ausnahmsweise ohne jeden Sarkasmus: Ich bin überglücklich, dass es noch Menschen gibt, die unser Politsystem so mühelos durchschauen und auf den wundfiebrigen Punkt bringen. Ins Schwarze, Frau Dathe. Gerade deshalb bräuchten wir ja dringend eine echte Oppositionspartei, keine Ey voll Esos Ey, denen zu den wirklich wichtigen, großen politischen Themen nicht viel mehr einfällt als ein zaghaftes und verlegen wimpernklimperndes  „Äh, ja, interessant.“

Gab es sonst noch irgendwelche erwähnenswerten Running Gags? Ach ja, es gibt immer noch Leute, die Barrack Bin Eigentlich Bush und seinen „Herausforderer“ Mitt Romney für echte politische Antipoden halten und glauben, durch eine Wahl Romneys würde sich irgendetwas ändern. Sie scheinen noch nicht gemerkt zu haben, dass das lächerliche Schultheater namens „Demokratische Wahl“ in den Vereinigten Staaten höchstens noch der Volksbeduselung dient. Wie tief das Niveau hängt, erkennt man übrigens schon daran, dass Menschen bei der Wahl eines Politikers  - mein Gott, eines Politikers! – zum Präsidenten tatsächlich in Tränen ausbrechen, als handele es sich um den neuen Frontsänger von Take That. Ob Obamas Wahl von MTV gesponsort wurde? Tatsache ist: Wer nicht gewisse Lobby- beziehungsweise Klientelinteressen bedient, wird nicht US-Präsident. Amerikanische Staatsoberhäupter  sind schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr als Muppets, sorgfältig vorsortierte Kandidaten, die genau solange echten Handlungsspielraum haben, bis sie mit dem Kopf vor anderslautende Machtinteressen in Kugelform stoßen.

Uns Deutschen kann das glücklicherweise nicht passieren, werden wir doch von der „mächtigsten Frau der Welt“ regiert. Das verstehe ich jetzt wieder nicht: Wenn eine Frau es schaffen kann, zur mächtigsten Repräsentantin ihres Geschlechtes weltweit aufzusteigen – wozu brauchen wir dann eigentlich eine von Brüssel verordnete Frauenquote?


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