21. August 2012

„Erde bei Nacht“ Leuchtfeuer des Kapitalismus

Individuelle Freiheit führt zu einer Vorahnung dessen, was Christen das Reich Gottes nennen

„Earth’s City Lights“ ist eine von der NASA hergestellte Kompositaufnahme von Satellitenbildern. Auf ihr erscheinen die Städte und Ballungsgebiete des gesamten Globus als mehr oder weniger chaotische Ansammlung von Lichtpunkten. Jeder Lichtpunkt ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass Menschen das biblische Gebot befolgen, sich die Erde untertan zu machen. Und zwar, indem sie ihr gesammeltes Wissen nutzen und in der Natur vorgefundenen Energiequellen in eine für sie nützlichere Energieform umwandeln, in diesem Fall in Licht.

Es gibt Leute, denen das genannte Gebot nicht viel bedeutet. Manche von ihnen sprechen angesichts solcher Bilder gar von „Lichtverschmutzung“. Zunehmende nächtliche Beleuchtung, besonders in Ballungsräumen, verursachen im Zusammenspiel mit Feinstaub in der Luft sogenannte Lichtglocken, kritisieren sie. Sie befürchten eine schädliche Wirkung auf Lebewesen, soziale und kulturelle Folgen und beklagen eine eingeschränkte Sichtbarkeit des Sternenhimmels.   

Dagegen steht jedoch die erhöhte Sicherheit für Menschen, oder zumindest ein nicht zu verachtendes erhöhtes Sicherheitsgefühl. Nicht nur unter dem Aspekt der Kriminalität, sondern auch des Straßenverkehrs. Hinzu kommt auch die Praktikabilität und Bequemlichkeit, nicht ständig mit einer Fackel oder Taschenlampe in der Hand umhergehen zu müssen, sobald die Sonne untergegangen ist. Und nicht zuletzt die Flutlichtbeleuchtung von Wahrzeichen, Denkmälern und architektonischen Besonderheiten, die zum modernen zivilisierten Lebensgefühl dazuzugehören scheint.  

Für die Kritiker verursacht Licht sogenannte „soziale“ oder „externe“ Kosten.  Diese müssten „privatisiert“ oder „internalisiert“ werden, damit Lichtnutzer die „wahren“ Kosten des Lichts bezahlen. Solche Äußerungen basieren auf falschen Grundvorstellungen, und führen, wie auch in allen anderen Fällen von „Internalisierungen externer Kosten“, unausweichlich zu einer Stärkung des Staates und zu einem Verlust langfristig lebensnotwendiger Freiheiten. Dazu ein andermal mehr.

Eine der am wenigsten „lichtverschmutzten“ unter den dicht besiedelten Gegenden ist Nordkorea, eines der wenigen Rückzugsgebiete des alten Stalinismus. Die hellsten Gegenden sind jene, wo, jedenfalls im Vergleich zu Nordkorea, individuelle und damit wirtschaftliche Freiheiten zu einem gewissen Grad zugelassen sind oder lange Zeit waren. Ausnahmen wie Saudi-Arabien oder Russland können damit erklärt werden, dass sie mit vergleichsweise geringem technischen Aufwand Rohstoffe ausbeuten können, die der Rest der Welt dringend braucht, um eine riesige Palette an Dienstleistungen herzustellen – unter anderem Licht: Man denke nur zum Beispiel an die aus Ölprodukten hergestellten Isoliermantel für Elektrokabel. Kurzum: Wo viele nützliche Rohstoffe relativ leicht auzubeuten sind, braucht man nicht allzu viele Freiheiten, um einen allgemeinen Wohlstand herzustellen, der mit den freiesten Regionen der Welt mithalten kann. Letztere Regionen sind es aber, die den Standard setzen, den alle – oder fast alle – nachzueifern versuchen.

Jeder Lichtpunkt repräsentiert eine große Ansammlung von Menschen, eine Stadt oder Metropole. Vor hundert Jahren hätte das Bild viel dunkler ausgesehen: London, Paris, New York, vielleicht zwei Dutzend weitere Städte hätte man identifizieren können, kaum mehr. Vielleicht noch nicht einmal diese, denn die Straßen- und Fensterbeleuchtung war damals viel schwächer als heute. Nochmal hundert Jahre davor wäre die Schattenseite der Erde aus dem Weltraum betrachtet auf jeden Fall in tiefster Dunkelheit gehüllt gewesen – nur Wald- und Steppenbrände, tropische Gewitter und Vulkanausbrüche wären sichtbar gewesen, so wie viele Millionen Jahre zuvor auch.

Mit Hilfe eines relativ freien Kapitalismus ist es der Menschheit gelungen, sich die Erde in 200 Jahren ein großes Stück weit mehr untertan zu machen als je zuvor. Manche sagen, die Geschwindigkeit dieser Entwicklung war zuletzt zu schnell und die Nutzung gleicht mehr einer Ausbeutung. Da ist was dran. Auch dazu mehr zu einem späteren Zeitpunkt. Das heißt aber nicht, dass es im Prinzip falsch ist, dieses Gebot zu beachten. Im Gegenteil, es stellt sich heraus, dass aufgrund der geistigen, rechtlichen und geographischen Entfesselung der Menschen nun sieben Milliarden von ihnen gleichzeitig auf diesem Planeten leben können – mehr als je zuvor. Dass im Jahr 2008 etwa 850 Millionen davon, also etwa 13 Prozent der Weltbevölkerung, laut FAO unterernährt waren, ist natürlich furchtbar. Aber: 2002 waren es 14 Prozent, 1992 16 Prozent. Und vor der industriellen Revolution gab es wohl kaum einen auf der Welt, der nicht zumindest gelegentlich an Unterernährung litt. Vielleicht nur die berühmten ein Prozent nicht.

Aus den ein Prozent sind in 200 Jahren also knapp 90 Prozent geworden. Und immer mehr von ihnen leben in Städten – seit 2007 nach Schätzungen der Vereinten Nationen mehr als die Hälfte der Menschheit, Tendenz steigend. Am Ende der Bibel, in der Offenbarung, bekommen wir die Vision einer Stadt geboten – im Gegensatz zum Anfang, wo eine Vision eines Gartens beschrieben wird. Die Beachtung der Prinzipien des Kapitalismus – Individualismus, Herrschaft des Rechts und Eigentum – führen interessanterweise zu einem Zustand, der der Vision einer von Gott erneuerten Erde am Ende der Bibel ähnelt: Eine Stadt, in der weder Sonne noch Mond gebraucht werden, denn „die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie“.

Klar: In unseren Städten ist es nicht die Herrlichkeit Gottes, die leuchtet, jedenfalls nicht im physikalischen Sinn. Es leuchtet die von Menschen gezügelte und gelenkte Energie. Für Christen und Juden ist die Menschheit noch immer im gefallenen Zustand. Und dennoch: Genau so, wie individuelle Freiheit dazu führt, dass Menschen in zunehmendem Maße Handlungen echter Barmherzigkeit vornehmen können – eine Barmherzigkeit, die eine Vorahnung des Reichs Gottes darstellt –, genauso führt individuelle Freiheit, insbesondere im Bereich Wirtschaft, ebenfalls zu einer Vorahnung des Reichs Gottes: Licht und Wärme, wo vorher Dunkelheit und Kälte herrschte. Kühler Schatten, wo früher brütende Hitze war. Gärten, Parks und fruchtbares Agrarland, wo früher Wildnis war – Wildnis, die teilweise herrlich anzusehen, aber immer ein für Menschen gefährlicher Ort war, von dem nur Wenige leben konnten. Langes und vergleichsweise angenehmes Leben, wo zuvor selbst in Friedenszeiten ein früher, schmerzhafter und unwürdiger Tod an der Tagesordnung war.

Apropos herrliche Anblicke: Das Bild der Erde bei Nacht ist fast eine Spiegelung – eine „selbstähnliche Struktur“, wie der Chaostheoretiker sagen würde – dessen, was wir sehen, wenn wir von der Erde aus bei klarem Himmel nachts nach oben schauen. Kein einzelner Mensch hat dieses Bild zuvor so geplant – wäre gar auf den Gedanken gekommen. Und doch ist es das Resultat menschlicher Planung. Genauer gesagt des über den Markt zustande gebrachten harmonischen Zusammenspiels von Milliarden individueller menschlicher, generationenübergreifender Pläne. Nein, die Herrlichkeit Gottes erleuchtet diese mehr oder weniger kapitalistischen Städte nicht, aber alles in allem vermitteln sie uns eine Vorahnung von ihr.  

Information:

NASA: Earth’s City Lights

Robert Grözinger: "Jesus, der Kapitalist: Das christliche Herz der Marktwirtschaft"


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