10. August 2012

US-Präsidentschaftswahlkampf Team Romney verwandelt Steilvorlage Obamas in ein Eigentor

Kampagnenmitarbeiterin des Republikaners plappert desaströse Wahrheit aus

Wie verwandelt man eine Steilvorlage in ein Eigentor? Team Romney macht es vor.

Der Wahlkampf in den USA lief dieser Tage nicht gut für Barack Obama. In einem Wahlwerbevideo wurde seinem wahrscheinlichen Gegner vorgeworfen, für den Krebstod der Ehefrau eines Angestellten eines seiner Firmen verantwortlich zu sein. Das ging für den Präsidenten daneben, wie „Der Spiegel“ scharfsinnig bedauerte. Was das ehemalige Nachrichtenmagazin verschweigt: Gleich darauf wandelte eine Mitarbeiterin seines Rivalen Mitt Romney dieses Geschenk des Gegners in einen massiven Schaden im eigenen Lager um.

„Wenn diese Leute in Massachusetts gelebt hätten, hätten sie Romneys staatliche Krankenversicherung in Anspruch nehmen können“, zwitscherte Andrea Saul fröhlich ausgerechnet im konservartiven Fernsehsender Fox News.

Als Rush Limbaugh das hörte rang der Star unter den konservativen Radiokommentatoren ewige Sekunden lang mit der Fassung und um Worte – siehe unten verlinktes Video – bis er seinen rund 15 Millionen Zuhörern sagte: „Das ist eine potentielle Goldgrube für die Obamaleute!“ In der Tat: Jetzt kann Romney den Amtsinhaber nicht mehr dafür angreifen, eine landesweite staatliche Zwangsversicherung eingeführt zu haben – der große Stein des Anstoßes auf der rechten Seite des politischen Spektrums in Amerika. Auch die Kommentatorin Ann Coulter war außer sich, dass jemand die Wahrheit ausgeplappert hatte. Keiner solle dem Team Romney noch irgendetwas spenden, solange die Überbringerin der Botschaft dort noch beschäftigt ist, fauchte das Pin-up-Girl der Rechten.   

Dabei war der Umstand ja nicht unbekannt. Andere republikanische Kandidaten hatten vor Monaten schon gewarnt, dass dies ein kritischer Schwachpunkt Romneys war. „Obamacare“ ist das entscheidende Thema, mit dem die Republikaner den Amtsinhaber aus dem Weißen Haus zu vertreiben hoffen. Und ausgerechnet der Schöpfer des Vorbildes soll das schaffen? Das fragte allen voran der einzige immer noch offiziell im Rennen befindliche Ron Paul, aber die Hauptstrom-Medien übergingen dieses Problem. Vielleicht wollten sie es erst „enthüllen“, wenn Romney offiziell gekürt und Paul keine Gefahr für das Establishment mehr war.

Da kam ihnen aber Andrea Saul zuvor. Die junge Frau, die die Wahrheit vor laufender live-Kamera aussprach, war offenbar nicht darüber informiert worden, dass es unklug ist, den konservativen Wählern jetzt schon aufzutischen, dass ihr Kandidat als Gouverneur von Massachusetts das Vorbild für das von ihnen verhasste „Obamacare“ geschaffen hatte. Die vielen Tea-Party-Anhänger, so die große Furcht der Republikaner, werden es sich nun zweimal überlegen, ob es sich lohnt, Romney zu wählen. Und wie werden die Delegierten auf dem Parteitag reagieren, die mit dem Spruch „anyone but Obama“ – jeder ist besser als Obama – geködert werden sollten? 

Das hätte für Romney nicht zu einem ungünstigeren Zeitpunkt passieren können. Zwei Wochen vor dem Nominierungsparteitag in Tampa, Florida, wollen die Republikaner mit allen Mitteln ein Bild der Einheitlichkeit erzwingen. Es besteht nämlich immer noch die Möglichkeit, dass der libertäre Gegenkandidat Ron Paul zumindest vorgeschlagen wird, denn der Texaner hat in mindestens fünf Bundesstaaten die Mehrheit der Parteitagsdelegierten hinter sich. In dem Fall wird er vor den Delegierten eine viertelstündige Vorstellungsrede halten dürfen. So ernst nimmt das Team Romney die Gefahr, dass es seinen erheblichen Einfluss in der Partei dazu nutzt, Paul-Delegierte wo es geht auszubooten, gegen Romney-Delegierte auszutauschen und, wo das nicht geht, mit Drohungen rechtlicher Konsequenzen unter Druck zu setzen. Und dann zündete ein Blindgänger in den eigenen Reihen.

Ob das Romney die Nominierung kostet, ist fraglich. Doch das Bild eines einheitlich jubelnden Parteitages Ende dieses Monats wird noch schwerer zu bewerkstelligen sein als zuvor schon. Vielleicht sollten die Republikaner dafür Experten aus Nordkorea einfliegen lassen. In der amerikanischen Medienlandschaft werden sie sich ja schon fast heimisch fühlen.

Informationen:

Video: Reaktionen konservativer Kommentatoren Limbaugh und Coulter auf die Enthüllung der Wahrheit


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