27. Juli 2012

Beschneidung Alles so schön bunt hier

Hinter der Debatte drohen Gleichschritt und Durchmarsch

Vor gut einer Woche war ich beim „Libertären Stammtisch“ in Hamburg zu Gast. Bei der feucht-fröhlichen Diskussion unter der Leitung von Professor Rolf W. Puster und seiner lieben Frau ging es um einen Klassiker, nämlich das Verhältnis von Liberalismus und Konservatismus, oder, besser, um die Gretchenfrage: Können und sollten Konservative und Libertäre miteinander?

Auch die wolkigsten Grundsatzdiskussionen haben wohltuende Erdungsphasen. Wie jene, in der wir auf die aktuelle Beschneidungsdebatte zu sprechen kamen. Ich warf nämlich ein, dass mich gerade konkrete Fragen wie diese besonders interessieren (und ehrlich gesagt auch amüsieren), weil hier die Fronten plötzlich völlig quer verlaufen. In der Hamburger libertären Runde war ich in dieser Frage in einer Minderheitsposition (wenn auch nicht der einzige). Andererseits konnte ich ins Feld führen, dass durchaus auch libertäre Vordenker wie unser gemeinsamer Freund Stefan Blankertz hier einmal mit mir auf derselben Seite der Barrikaden stünden.

Bei den Konservativen, um auf das Gesprächsthema zurückzukommen, sehe es ja ähnlich zerrissen aus. Und das sagte ich, bevor ich überhaupt wahrgenommen hatte, dass ein bekanntes konservatives Flaggschiff bei dieser Frage vom über die Jahre gepflegten „faschistischen Stil“ zur kunterbunt-alternativen Rasselbandendemokratie des „Jeder darf  mal gegen den anderen pöbeln“ übergegangen war. Während ein anderes, ehemals angeblich „proisraelisches“ Meinungsblog die Hosen bis zum auch für den gemeinen Juden gefälligst unbeschnittenen Pipimann runtergelassen und in den Religionshasser-Automodus durchgeschaltet hat.

Ja, das könnte es sein: Die Religion kehrt zurück und verquert plötzlich die politischen Fronten. Denn auch auf der Linken gibt es ja nun solche und solche. Wir hatten das schon in der Kopftuchfrage und beim Minarettstreit beobachtet.

Doch das ist zu kurz gegriffen. Bei Kopftuch und Minarett verliefen nämlich die Fronten nur scheinbar quer. Tatsächlich würden echte Liberale oder echte Konservative niemals erwachsene Menschen an der Ausübung ihrer zuweilen auch anderen Religion hindern wollen. Konservative aus Respekt vor deren viele Jahrhunderte alter gewachsener Tradition. Und Liberale, weil sie anderen Menschen nicht die Kleidung oder Bauweise diktieren.

Tatsächlich geht es bei der Beschneidung noch um etwas anderes, nämlich um Kinder. Und bei diesen endet jede Ideologie. So auch die libertäre: Kinder sind nämlich gerade keine zur Selbstverantwortung fähigen Wesen. Kleinkinder schon gar nicht. Und Babys? Der Windelschiss hat da noch jeden libertären Klassiker ad absurdum geführt, gerade auch die auffällig vielen kinderlosen Autoren und Autorinnen unter ihnen. Kinder gehören sich nicht selbst. Sie kommen als völlig wehrlose und vollends hilfsbedürftige Wesen zur Welt und können erstmal nur eins: Jedem altklugen Ideologen auf der neuen grellen Welt den Stinkefinger zeigen! Und wenn Linke glauben, dass die kleinen Schisser lieber „dem Staat“ oder „der Gemeinschaft“ gehören sollten, dann ahnen die meisten von ihnen selbst, wie abgrundtief unmenschlich sie argumentieren. Kinder, die wirklich staatliche Obhut kennenlernen, etwa in rumänischen Waisenhäusern, erleben tatsächlich auch nicht gerade das Paradies auf Erden. Nein, sie gehören sich nicht selbst. Und nicht dem Staat. Aber wenn sie erbarmungslos immer und ohne Ausnahme nur ihren Eltern gehören sollen, dann haben offenbar jene Kinder in den Haushalten sadistischer Kinderschänder auch nicht gerade die Bonuskarte gezogen.

Und auch wenn es nur um Nuancen geht, gar nicht ums Grundsätzliche: Wer entscheidet denn am Ende und im Zweifel: Die Eltern? Das Kind? Oder das Jugendamt? Wer an eine allgemeingültige und mögliche, menschliche Gerechtigkeit gegenüber allen hier und jetzt lebenden Kindern glaubt, der hat vermutlich selbst zwei Osterhasen verschluckt. Oder er will Gott spielen…

Was uns zur Beschneidungsdebatte zurückführt. Hat sich je später ein nennenswerter Anteil von muslimischen oder jüdischen Jungen über die eigene Beschneidung in der Kindheit beschwert? In Jahrtausenden? Irgendwo auf dem weiten Erdkreis? Bei zwei großen Weltreligionen?

Ist es schließlich doch der typisch deutsche Größenwahn, der sich früher einmal in Klassen- oder Rassenfragen und zuletzt in der Ökologiedebatte offenbarte, mal eben ein paar Milliarden heute lebender und noch mehr bereits verstorbener Menschen oberlehrerhaft vorhalten zu wollen, dass sie alle furchtbares Unrecht an ihren eigenen Kindern taten und tun? Oder blinder Fortschrittsglauben? Politischer und juristischer Machbarkeitswahn? Allgemeine Religionsvergessenheit? Sicher von allem etwas. In keinem anderen Land der Welt wäre eine solche Diskussion so denkbar. Und eins ist auch klar: Die Juden sind das Glück der Muslime. Wären sie nicht auch beschnitten, die deutsche Debatte würde nicht mehr quer, sondern bereits wieder im gnadenlosen Gleichschritt verlaufen: „Du bist nicht wie ich? Das kann ich leider nicht dulden…“

Viele Beschneidungsgegner sind schon vom Mond aus gesehen als Religionshasser erkennbar. Für sie ist die Beschneidungsfrage nur eine Etappe. Mittelfristig können wir dann den Zölibat nicht mehr durchgehen lassen, langfristig verstoßen religiöse Erziehung in der Familie und die Kindtaufe gegen das Grundgesetz. Alles nur eine Frage der Zeit in einem Land von Leuten, die Beschneidung von gerade geborenen Jungen verbieten wollen, mit millionenfachem Mord an gerade noch nicht Geborenen aber keine Probleme haben.

Andererseits: Würde ich auch die Beschneidung von Mädchen denen hierzulande erlauben wollen, die dies traditionell tun? Nein! Weil die zugefügten Schmerzen ungleich größer sind. Weil es um ein Körperorgan und nicht um ein Stück Haut geht. Weil es keine Weltreligion so fordert. Weil es in Deutschland nicht seit vielen Jahrhunderten praktiziert wird.

Am Ende ist alles relativ. Was die Ideologen nur noch mehr ärgert. Es bleibt die Erkenntnis: Auch quer verlaufende Fronten können einiges gerade rücken. Andererseits habe ich in Hamburg auch honorige Libertäre und Konservative kennengelernt, die wie so oft eine andere Meinung haben. Und manches Argument auf ihrer Seite. So einfach ist das eben alles nicht mit den politischen Grabenkämpfen. Wenn es um Kinder geht, schon gar nicht. Und das nicht nur für den Fall der Vorhaut, der auch nur ein Vorspiel ist.


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