27. Juli 2012

Welt Online über die Krise „Linke Propaganda“ von Baader bis Paul

Da staunt der Laie und der Fachmann wird zum Hetzer

Ist es nicht ein angenehmes Gefühl, trotz aller eigentlich längst bekannten Ursachen des Dollar- und Eurowabohus immer noch überrascht werden zu können? Ich wusste zum Beispiel noch gar nicht, dass ein Professor Eberhard Hamer, ein Professor Hankel, ein Dirk Müller, Marc Faber, Dieter Spethmann, ein Professor Bocker, ein Roland Baader, zahlreiche Autoren der  „Austrian Economics“ und viele, viele andere Kritiker des herrschenden Geld- und Finanzsystems oder des Gebarens von Banken sich aus den Reihen ökonomisch ungebildeter „linker Hetzer“ rekrutieren. So steht es zumindest in einem Artikel auf Welt Online. Autor Michael Hörl: „Als die vom billigen Staatsgeld aufgeblasenen Immobilien- und Börsenwerte platzten, erklärte man es einer ökonomisch ungebildeten Bevölkerung mit der Schuld von Banken oder Spekulanten“. Weiter: „Und Europas Linke feiert mit der Hetze gegen Banken oder Spekulanten ein Comeback wie in den 1920ern“.

Eine solche Zusammenfassung der Krisenursachen könnte man als recht phantasievollen Versuch werten, die Welt nach eigenen künstlerischen Vorstellungen umzugestalten. Das wäre immerhin Zeugnis einer gewissen kreativen Begabung. Oder aber – es wäre nicht das erste Mal bei der „Welt“ – es handelte sich schlicht um eine Auftragsarbeit. Es gibt noch eine dritte, allerdings wenig schmeichelhafte Möglichkeit: Inkompetenz. Ich möchte Herrn Hörl einen Blick in die kommunistische Hetzschrift „Geldsozialismus“ des erbitterten Kapitalismus- und Marktwirtschaftsgegners Roland Baader empfehlen, in der er leicht verständlich und ökonomisch gänzlich unbeleckt erklärt, woran das heutige, in der etwas akademischeren Version als „fraktionales Teilreserve-Bankensystem“, in der pointierteren als „ungedeckter Scheingeld-Jahrhundertbetrug“ zu bezeichnende monetäre Unwesen leidet. Zweiter, ganz heißer Lesetipp, auch wenn das Werk älter ist als zehn Jahre und somit nach heutigem Geschichtsverständnis der Antike zugerechnet werden muss: „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ des weltberühmten Marx-Schülers Ludwig von Mises. Das linke Geschmiere von G. Edward Griffin, „Die Kreatur von Jekyll Island: Die US-Notenbank Federal Reserve – Das schrecklichste Ungeheuer, das die internationale Hochfinanz je schuf“ könnte ebenfalls Erhellendes zutage fördern. Auch wenn das bei bestimmten Themen regelmäßig manipulierte und zensierte Wikipedia von Griffin eher als „rechtsgerichtet“ spricht. Warum so bescheiden? Ich würde gleich sagen: Nazi! Gelingt immer und klebt lange.

Man könnte auch eine Schrift des Stalinisten Ron Paul hinzuziehen: „End the Fed“ oder ein anderes Buch aus seiner tiefrot getränkten Edelfeder, mit der er die Massen zu verführen suchte: „Befreit die Welt von der US-Notenbank! Warum die Federal Reserve abgeschafft werden muss“, in der er auf die Hintergründe dieser vermeintlich staatlichen Zentralbank eingeht, die mannigfaltigen Beziehungen zwischen ihr und der US-Politik aufdeckt und sehr ausführlich darlegt, warum die dahinterstehenden Machtverhältnisse zum Wohle nicht nur des amerikanischen Volkes zerschlagen werden müssen. Gut, wem das zu radikal ist: zumindest kräftig umgestaltet. Paul spricht übrigens auch von „Bankenkartellen“. Ein linker Hetzer, wie er im Buche steht.

Die weltweit kursierenden, nicht nur den Atem raubenden Geldmengen (und sämtliche darauf basierenden Spekulationen, Blasen, Booms und Busts) ausschließlich als von „billigem Staatsgeld“ verursacht zu sehen und das private Bankwesen dabei völlig aus der Verantwortung nehmen, ja zum unschuldigen Opfer heimtückischer Verleumdung erklären zu wollen, ist gelinde gesagt abenteuerlich. Hörl scheint auch die jüngsten Skandale um den „Libor“ erstaunlich schnell vergessen zu haben, die keineswegs rein staatlichen Ursprungs sind, dasselbe gilt für die Manipulationen des Edelmetallmarkts, die nur dem Zweck dienen sollten und sollen, die Menschen möglichst lange im immer wertloser werdenden Papiergeld zu halten.

Mit eindimensionaler Schwarzpeterei werden wir nicht sehr weit kommen. Nicht jeder, der die Zusammenhänge hinter dem Geschacher und Gezocke mit exorbitanten Schuldgeldmengen und das folgenschwere Fehlverhalten mancher großen Akteure des privaten Finanzsektors hüben (Europa) wie drüben (USA), die ohne jede Rücksicht auf die realwirtschaftlichen Folgen nur noch sich selbst gemästet und zahlreiche Volkswirtschaften damit an den Rand des Abgrunds geführt haben, beim Namen nennt, ist gleich eine „Rote Gefahr“.

Link

Michael Hörl in Welt Online: „Deutschland droht nun selbst der Staatsbankrott“


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