20. Juli 2012

Bürgerliches Leben Lob des Weges

Flurfunk unter freiem Himmel

Es gibt einen Weg hinter meiner hohen Hecke, den geht jeder, der im Umkreis von mehreren Quadratkilometern wohnt. Er verbindet den Hypothekenhügel mit der nächsten größeren Straße und ist eine gemütliche Abkürzung entlang der Felder. Den Kindern dient er dazu, je nach Wachstumsgrad mit ihrem Bobby Car, ihrem Tretroller oder ihrem BMX das Gefälle hinunterzujagen. Den Jugendlichen dient er, ihre Mopeds auszufahren. Die Erwachsenen aber, die nutzen diesen Weg, um interessante Dinge über sich selbst und andere zu verraten. Ihnen höre ich zu, behaglich zurückgelehnt, hinter meiner Hecke.

Durch den Weg habe ich erfahren, dass die Familie mit dem zur Hälfte holzvertäfelten Haus, auf das ich von meinem Schlafzimmerfenster aus blicke, keinen Fernseher hat. „Sie soll bis zu sieben Stunden am Tag üben“, sagt man sich über die hochbegabte Tochter der fernsehfreien Bildungsbürger. Der Tonfall ist eine Mischung aus Bewunderung, Neid, Enttäuschung über das Fehlen jeder Besessenheit im eigenen Leben und Fremdfürsorge für das gequälte Töchterchen: „Ich weiß ja nicht, ob das eine Kindheit ist.“ Überhaupt steht vieles bei den Passanten des Weges im Zweifel. Ob man die Ehe der Meisenbachs zum Beispiel „noch eine Ehe“ nennen kann, wird auf dem Weg so eifrig diskutiert wie die Rückkehr Michael Ballacks in Sport-Talkshows. Zwei Mal waren die Meisenbachs schon auseinander, und er, er soll ja immer noch diese kleine Mietwohnung haben, als Dauerausweichquartier. Der Sohn vom Westhues hat sich für acht Jahre beim Bund verpflichtet. „Ich weiß ja nicht, ob das eine richtige Entscheidung war“, sprechen sie hinter der Hecke, „vom Fitnesstrainer für Aquasport zum Berufssoldaten? Das ist doch eine ganz andere Liga! Und wo wird der überall hinmüssen, wenn das so weitergeht? Afghanistan. Libyen. Pakistan. Wir Deutschen sind doch mittlerweile Weltpolizei und bei uns zu Hause ermorden sie die Leute in der U-Bahn, weil kein Geld für gute Sicherheitsleute da ist.“

Auch das bietet mir der Weg hinter meiner Hecke: Politische Bekenntnisse, ungeschminkte Selbstoffenbarungen. Ich weiß, dass Herr Köhler mit dem Labrador und der Ballonseidenhose es „bedauert, dass wir hier vor Ort keine Partei wie Pro Köln haben“ und dass Herr Seidensticker die blaue, gebundene Gesamtausgabe der Werke von Marx und Engels besitzt und gelesen hat. Ich weiß sogar, dass Herr Köhler und Herr Seidensticker befreundet sind und gemeinsam in der Dorfkneipe einen trinken gehen, weil gegensätzliche politische Haltungen für sie so zu werten sind wie Anhängerschaften zu konkurrierenden Fußballclubs. Sie teilen sich die Leidenschaft für ihren Diskussionssport und die Abneigung gegen unpolitische Menschen.

Innerhalb unseres Dorfes beteilige ich mich nie an Klatsch und Tratsch, aber ich belächele die Ablehnung, die alte Großstadtfreunde von mir äußern, wenn ich ihnen vom Flurfunk auf dem Weg hinter meiner Hecke erzähle. „Da quatscht ja jeder über jeden!“ sagen sie empört – und werfen einen Cappuccino-Schluck später ihr iPad an, um den Twitter zu füttern. Ihre Tweets, Blogs und Postings bleiben auf ewig im elektronischen Gedächtnis der Menschheit bestehen. Das Gezwitscher auf dem Weg hinter der Hecke zerstäubt schon im Augenblick des Aussprechens wie Blütenstaub über den Ähren des Feldes. Über mich haben die Spazierenden übrigens noch nie gelästert, über „diesen Ohm, diesen stillen Sonderling am Ende des Wendehammers.“ Sie sagen es, bestimmt, aber nicht auf dem Weg. Sie wissen, dass ich mithöre. Und was sich gehört.

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 26. Juli erscheinenden Aug./Sep.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 125


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