20. Juli 2012

ef 125 Editorial

Zeit für einen Quotensozi?

Es ist nicht immer ganz einfach im schönsten Job der Welt. Da fühlt man sich zuweilen wie der Manager von Augsburg, Freiburg oder Düsseldorf im ungleichen Kampf gegen Bayern, Schalke und Dortmund. Zum Beispiel entdecke ich über die Jahre immer mal wieder Autoren, die besonders gut auch in dieses Heft passen würden. Die stilistisch herausragen und inhaltlich harmonieren. Und dann stellst du fest, dass sie vertraglich an ein Massenblatt gebunden sind, um dort eine bestimmte Rolle zu spielen. Nennen wir sie hier einmal die „Quotenlibertären“ des Mainstreams, obwohl „freiheitlich-konservativ“ und „erzliberal“ die schöneren Worte sind. Zu ihnen zählen Harald Martenstein in der „Zeit“, Henryk M. Broder bei der „Welt“ und Jan Fleischhauer für den „Spiegel“. Sie alle stehen inhaltlich quer zu ihren Arbeitgebern. Wie lange Zeit Harald Schmidt im Fernsehen haben sie eine Art Freifahrtschein und dürfen Dinge sagen, die den mauen Kollegen im Haus nicht einmal in den Sinn kämen. Als einzelne kleine Meinungs-U-Boote schwimmen sie der halblinks staatstragenden Mittelstromgeneralflotte entgegen. Tollkühn. Und zuweilen clownesk. Gerade weil sie so herausstechen, nicht zuletzt übrigens mit ihrem feinen Humor, geben sie trotz zahlenmäßig budspencerhafter Unterlegenheit im ungleichen Kampf einer gegen alle ihren seichten Mutterhäusern eine Aura verspielter Ausgewogenheit. Wenn ein Fleischhauer im „Spiegel“ gegen den Strich ätzen darf und ein Martenstein in der „Zeit“ brilliert, dann kann es ja so schlimm dort gar nicht sein, oder?

Eigentlich schade, dachte ich mir. Durch diesen Trick geht einem kleinen unabhängigen Magazin wie eigentümlich frei vielleicht manch ein Juwel verloren. Und gestern nun hatte ich eine verrückte Idee: Was die können, dachte ich mir…

Und dann habe ich lange nachgegrübelt. Wer käme denn eigentlich als Quotensozi für eigentümlich frei in Frage? Ein linker Spinner, der elegant und humorvoll die Feder führt – wer wäre das? Tatsächlich fiel mir niemand ein. Nehmen wir beispielsweise einmal Fleischhauers Gegenspieler beim „Spiegel“. Etwa Georg Dietz, die Beate Klarsfeld im Literaturbetrieb? Das Fräulein Sibylle Berg? Oder gar der seltsam knapp talentierte Jakob Augstein? Und sonst? Hans-Ulrich Jörges? Oder Heribert Prantl? Kann es sein, dass es keinen einzigen wirklich guten linken Journalisten in der Sprache Kurt Tucholskys und Karl Kraus’ mehr gibt? Keinen einen, der stilistisch herausragt und Humor aus der Feder versprüht? Was sagt das über unsere Zeit? Und was über den Zustand der Linken?

Oder habe ich jemanden übersehen? Lesertipps sind auch hierzu immer willkommen! Wie jener neulich, der sagte: „Macht doch mal was über Ursula von der Leyen!“ Haben wir gemacht. Und wünschen bei der Lektüre dieses Schwerpunktartikels wie mit dem gesamten Heft viel Erkenntnisgewinn und Lesefreude!

eigentümlich frei erscheint zehnmal im Jahr. Im August ist Sommerpause. Und im September erstellen wir für Sie mit erneuerter Energie – und einem Quotenlinken? – die Oktober-Nummer. Bis dahin gilt: Bleiben Sie uns spätsommerlich gewogen! Und wie immer: Kein Fußbreit den neosozialistischen Ausbeutern im Regen wie bei Sonnenschein! Mehr netto!

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 26. Juli erscheinenden Aug./Sep.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 125


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