22. Juni 2012

ef 124 Editorial

Ein Kulturkampf, der Freund und Feind durcheinanderwirbelt

Bundespräsidentenverschnitt Christian Wulff sang einmal: „Der Islam ist ein Teil Deutschlands.“ Und brachte so die Verhältnisse zum Tanzen. Der Schriftsteller und Büchnerpreisträger Martin Mosebach formulierte es kürzlich so: „Seitdem in Deutschland eine starke islamische Minorität lebt, ist plötzlich wieder Musik in die Sache gekommen.“ Die Sache, die Mosebach anspricht, ist vordergründig die Meinungsfreiheit. Dazu zwei Beispiele.

Erstens: Am 9. Juni nahm Daniel Krause, ein junger Politik-, Pädagogik- und Deutschlehrer eines Dortmunder Stadtgymnasiums, an einer Demonstration der islamfeindlichen Partei pro NRW teil und hielt als Parteiloser dort eine spontane kurze Rede. Er wollte sich nach eigenen Angaben über die Veranstalter informieren und „seine Bedenken gegenüber dem Islam“ zum Ausdruck bringen. Krause bezeichnet sich als offen „homosexuell, links gesinnt, Vegetarier, Atheisten, Antifaschisten und potenziellen Grünen-Wähler“, der sich aber als Schwuler „vor Islamisten mehr als vor Nazis“ fürchte. In einem Interview mit einem linken Internet-Blog kurz nach der Demonstrationsteilnahme wurde Krause gefragt, ob er den Koran verbieten möchte. Er wollte sich dazu nicht festlegen, meinte allerdings vielsagend: „Ein Verbot halte ich für verfassungsrechtlich bedenklich. Im Zuge der Gleichbehandlung müsste dann ja auch die Bibel verboten werden. Denn auch die Bibel ist homophob und sexistisch. Ich mag überhaupt keine Religion.“ Von der Pro-Partei, die er sich nun genauer angesehen habe, müsse er im Nachhinein Abstand nehmen, denn: „In ihrem Parteiprogramm äußert sich pro NRW kritisch zum Recht auf Abtreibung. Als Feminist bin ich aber konsequenter Befürworter eines liberalen Abtreibungsrechts. Eine Frau muss für mich das Recht haben, bis zum siebten Monat abzutreiben.“ Alles Distanzieren half Krause nichts. Drei Tage nach seiner spontanen Demonstrationsteilnahme wurde er von seiner Schule vom Unterricht suspendiert. Die Bezirksregierung leitete gleichzeitig ein Disziplinarverfahren ein. Nicht, weil er Mord kurz vor der Geburt befürwortet, Gotteslästerung betreibt oder seine offensiv zur Schau gestellte Homosexualität mit dem Lehrerberuf weniger gut in Einklang stehen könnte. Das alles gilt heute als unbedenklich, wenn nicht vorbildhaft. Er hatte schlicht an der Demonstration einer falschen Partei teilgenommen, und da muss, wenn nötig, auch an einem linken Lehrmeister mal ein Exempel statuiert werden. Es tut ihm leid? Da könnte jeder kommen.

Das zweite Beispiel zu tanzen beginnender Verhältnisse lieferte der eingangs erwähnte Schriftsteller Martin Mosebach gleich selbst. Der dem traditionalistischen Katholizismus nahestehende und zuweilen als „erzkonservativ“ gescholtene Autor schwärmte am 18. Juni bezeichnenderweise in der linken „Frankfurter Rundschau“ vom „Wert des Verbietens“. Im gleichnamigen Essay sucht Mosebach, der von Hause aus Jurist ist, zu erklären, warum es „dem sozialen Klima dient, wenn Blasphemie wieder strafbar ist“. Beschränkungen der Freiheit seien auch der Kunst förderlich: „Nicht alles aussprechen zu dürfen, von rigiden Regeln umstellt zu sein, hat auf die Phantasie der Künstler überaus anregend gewirkt und sie zu den kühnsten Lösungen inspiriert; berühmt ist die Devise ‚Die Zensur verfeinert den Stil’ oder die Maxime des wahrhaft zensurerfahrenen Karl Kraus: ‚Ein Satz, den der Zensor versteht, wird zurecht verboten.’“

Im Islam als dem Teil Deutschlands, der Gotteslästerung nicht mehr einfach so hinnimmt, sieht Künstler Mosebach deshalb ein Zeichen der Hoffnung. Unversehens, schreibt er, „sehen sich Integrationsbefürworter in den deutschen Parteien“ nun „mit Menschen konfrontiert, die in Hinsicht Blasphemie keinen Spaß verstehen“. Er sei „unfähig“, gibt Mosebach zu, sich „zu empören, wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern einen gewaltigen Schrecken einjagen“.

Beide Fälle sind nur Symptome eines Kulturkampfes, der Freund und Feind durcheinanderwirbelt, Fronten verquert, gerade erst begonnen hat und selbst wieder nur Teil noch größerer kommender Verwerfungen ist. Von einer ganz anderen Seite geht der Schriftsteller und Mosebach-Freund Michael Klonovsky dasselbe Thema „moderne Zeiten“ im Schwerpunktessay dieses Heftes an. Bei der Lektüre dieses Beitrags wie auch aller anderen Artikel der Ausgabe wünsche ich Ihnen, verehrte Leser, wie immer viel Lesefreude und Erkenntnisgewinn! Und vergessen Sie am Ende nie, worauf es jetzt wirklich ankommt: Kein Fußbreit den neosozialistischen Ausbeutern! Mehr netto!

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 30  Juni erscheinenden Juli-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 124


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von André F. Lichtschlag

Über André F. Lichtschlag

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige