05. Juni 2012

Journalismus Von Schreibmäusen und zuckenden Menschenkarikaturen

Aus dem Sprachlabor der Erich-Mielke-Journalistenschule

Ist es nicht erstaunlich, wie manchmal ausgerechnet diejenigen, die sich sonst so taktvoll, vorurteilsfrei-diskursbereit und hochsensibel-sprachbewusst geben und diese Eigenschaften auch von anderen fordern, mit beiden Füßen schmatzend-tapsend ins Häufchen treten, sobald es um politische Gegner geht? Muss es nicht unser Mitleid wecken, wenn diejenigen, die trotz – oder vielleicht gerade wegen? – ihres messerscharfen Blicks und unermüdlichen Warnens vor dem Feind von Lechts durch seltsam rückwärtsgewandte Verbalpeinlichkeiten höchstens ein umso helleres Taschenlampenkegelchen auf den rinken Balken im eigenen Auge werfen? Machen in solchen Fällen Etiketten wie rinks, lechts oder mürgerliche Bitte überhaupt noch Sinn?

So hat kürzlich die Journalistin Mely Kiyak Thilo den Streitbaren als „lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur“ bezeichnet. Wofür sie sich zurecht Kritik einfing, denn Menschen über ihr Äußeres anzugreifen, nur weil die Lieferung sachlicher Argumente von Amazon mal etwas auf sich warten lässt, ist wirklich nicht die feine englische. Dann legte „taz“-Autor Daniel Bax nach und damit auch gleich den Finger in die eigene Kopfwunde: „Weil sie Thilo Sarrazin beleidigt hat, steht eine Journalistin jetzt am digitalen Pranger. In rechten Blogs wird über sie hergezogen. Auch die Springer-Presse berichtet einseitig. Als ‚lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur‘ hat die Journalistin Mely Kiyak den Bestsellerautor Thilo Sarrazin jüngst bezeichnet. Diese flapsige Randbemerkung in einer ihrer Kolumnen, die regelmäßig in der ‚Frankfurter Rundschau‘ und der ‚Berliner Zeitung‘ erscheinen, hat der 36-jährigen Autorin jetzt die geballte Wut der Sarrazin-Fans eingebracht. Rechte bis rechtsextreme Blogs wie Achgut, Pi-news oder Via Dolorosa hetzen seitdem gegen die ‚feiste Kurdin‘, ‚Furie‘ und ‚unverschämte Tippse‘. Sicherlich hat Mely Kiyak mit ihrer Formulierung einen zu groben Klotz auf einen groben Keil gesetzt. Offenbar war ihr nicht bekannt, dass Sarrazin an einer halbseitigen Gesichtslähmung leidet, seit ihm vor acht Jahren ein Tumor am Ohr entfernt wurde, was bei ihm den Eindruck der Einfältigkeit und Empathielosigkeit verstärkt“.

Zunächst mal dürfte die von Bax aufgestellte Liste in einem Punkt verwundern – denn seit wann ist die Achse des Guten ein rechter oder gar rechtsextremer Blog? Huch. Ich als langjähriger, regelmäßiger Achse-Leser konnte dort bisher zwar keine „rechten“, also im Baxschen Sinne bedenklich springerstiefelnden Inhalte entdecken, gebe allerdings zu bedenken, dass ich als entschiedener Eurogegner wahrscheinlich unter einer stark populistisch-antieuropäischen Sehbehinderung auf dem entsprechenden Auge leide, in dem sicher auch einige Splitter vom nationalistischen Stammtisch stecken. So ist das eben mit Rückständigen wie mir, die – das wusste doch schon Friedrich Engels – bis zur ihrer endgültigen Umgestaltung zum Gutmenschen immer konterrevolutionär Zuckende bleiben werden! Erschwerend kommt hinzu, dass ich Glatze trage. Damit dürfte der Fall klar sein.

Nun schrieb also Daniel Bax von der überparteilichen, politisch neutralen „taz“ in gewohnt suggestionsfreier Sprache, Wort für Wort durchtränkt von reinster humanistischer Aufgeklärtheit, Sarrazins halbseitige Gesichtslähmung verstärke den Eindruck der Einfältigkeit und Empathielosigkeit. Nicht also, dass sie diesen Eindruck erst einmal hervorriefe, womöglich gar fälschlicherweise – sie „verstärkt“ ihn. Belohnung: Ein Stipendium an der Mielke-Journalistenschule. Nachdem wir also jetzt dank der besonders krummen Nase und der großen, abstehenden Ohren unseren Eindruck eines profitgeilen Juden verstärkt wissen, den unethischen Banker am Nadelstreifenanzug, der steifen Krawatte und der teuren Armbanduhr, die Schlampe am Minirock und dem tiefen Ausschnitt, den Proll am Tattoo auf dem Oberarm, den Schurken an der Narbe quer durchs Gesicht, den Dschihadisten am arabischen Akzent und den dümmlichen Stammler an der postoperativ schiefen Visage erkannt haben, bleibt zu fragen: Wie überträgt man Köpfe, in denen es so denkt, wieder ins Dreidimensionale?

Und vor allem: Warum muss es so humorlos sein? Woher diese rinksdeutsch-gutmenschliche Neigung zur Gnadenlosigkeit allem Entarteten, also Nichtrinken gegenüber, diese Rigorosität? Ist das nicht eigentlich ein urlechter Aufgabenbereich?


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