10. Mai 2012

Pro NRW und Salafisten hauen und labern sich die Köppe ein Kamera läuft. Und: „Willse Diskussion?“

Wahlkampfimpressionen

Zu meiner Grundschulzeit trugen wir Schüler grün-orangefarbene Schlaghosen. Damals – im kleinstädtischen Rheinland – gab es in jeder Klasse so ungefähr einen Griechenjungen, zwei Spanier-, Jugoslawen- oder Italienermädchen und zwei Türkenkinder. Wenn überhaupt, dann spielte der Unterschied zwischen Ausländerkind und Kleindeutschen eine wenig maßgebliche Rolle, die Religion dagegen nicht. Grob geschätzt in jeder zweiten Klasse gab es einen dieser Südländer (also vielleicht einen von zehn), der sich etwas seltsam benahm. In seinem Schulranzen befand sich neben einer Extratüte Temperament auch schonmal ein Messer. Er war lauter als andere Kinder und begann Gespräche mit den Worten „Willse Streit?“ – nachdem er das erste Mal zugeschlagen hatte.

Knapp vierzig Jahre später sind solche Grundschulauseinandersetzungen Politik geworden und finden auf offener Straße statt. Zum Beispiel vorgestern im Kölner Nah- und Wahlkampf. Der „Medienstratege der salafistischen Szene“ (Spiegel-online), Sabri Ben A., „unterhält“ sich mit einem Anhänger der „Pro-NRW-Verirrten“ (ebenfalls Spiegel-Online). Das Messer ist im Tornister geblieben und wurde zeitgemäß durch das flugs aus der Handy-Tasche gezogenen Smartphone ersetzt. Aus „Willse Streit?“ ist „Willse Diskussion?“ geworden – nachdem die dem anderen entgegengestreckte Kamera bereits läuft.

Das Gespräch ist in diesem Fall (Link unten, nach etwas mehr als 2 Minuten wird es knuffig) sehr unterhaltsam. Beide großen Kinder landen durchaus Treffer. Sogar argumentativ. So dumm wie vom Medienmainstream gerne dargestellt sind sie beide gar nicht. Andererseits: Wir Grundschulkinder damals wussten noch, dass es zu den Anstandstugenden gehört, andererleuts Religion mit Respekt zu begegnen und andererleuts Zeichnungen bei Nichtgefallen allenfalls mit Ignoranz zu strafen. Jeder Jeck ist anders. Und: Man muss auch jönne könne. Wissen die gemeinen Kölner. Nur diesen beiden kölschen Politjecken hat es offenbar keiner gesagt.

Politik ist ein Mittel der Gewalt. Das war schon immer so. Aber die moderne Technik macht selbst das wenig schöne Äußere der Politik noch unausweichlicher. Die Tagesschau konnte man abschalten, bei Wahlplakaten wegschauen und sich lieber nach H&M-Postern umsehen. Um politische Demonstrationen macht jeder halbwegs vernünftige Mensch schon aus ästhetischen Gründen von jeher einen weitläufigen Bogen. Doch jetzt ist alles anders. Man geht nichtsahnend über die Straße und muss mit dem Äußersten rechnen: „Willse Diskussion?“ Schon ist man auf Sendung. Im Internet.

Früher wurden politische Diskussionen im Fernsehen von Promis in Anzügen mit Zigarette in der Hand ausgetragen. Dann kamen Grüne, allerlei neue Geschlechter und Piraten dazu, die Zigaretten verschwanden und nicht nur die Kleiderordnung vom Tupet bis zur Schuhsohle ging zuweilen auch verloren. Heute machen wir es uns selbst. Per Skype und Facebook, zuhause und auf offener Straße. Das ganze Leben ist Politik. Immer und überall.

Ganz Gallien? Nein, eine kleine Partei leistet selbst in diesem unsäglichen NRW-Wahlkampf noch heftigen Widerstand. Statt zu viertelintelligenten Demonstrationen aufzurufen will die Partei der Vernunft lieber weniger Politik wagen. Und lädt statt dessen zum Kuchenessen ein. Ohne Handy-Kamera.

Besser ist das.

Internet

Sehenswertes „Gespräch“ zwischen „Salafist“ und „Faschist“ in Köln

Gegenvorschlag der Partei der Vernunft, lecker


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