07. Mai 2012

Griechenland Wer nicht hören will, muss fühlen

Radikalisierung als Folge sowjeteuropäischer Politik

„Zur Erinnerung: Es war Griechenland“, so Klaus-Dieter Frankenberger heute in der „FAZ“, „das den Staatsschuldensturm entfachte und seine europäischen Partner in Angst und Schrecken versetzte. Es war Griechenland, das finanz- und wirtschaftspolitisch an die Wand fuhr und den ganzen Verbund in Gefahr gebracht hat. Und überhaupt, es war Griechenland, das sich seinen Platz in der Eurozone erschwindelt hat.“

Ja, ich erinnere mich: Es war das im gesamteuropäischen Vergleich kleine, wirtschaftlich eher unbedeutende Griechenland, dessen Staatsverschuldung sämtliche anderen, vor allem die wirtschaftlich stärkeren Länder, in einen Abwärtsstrudel riss. Die standen bis zum Ausbruch der Griechenlandkrise schließlich glänzend da; dank einer genial ausgetüftelten, unter den einzelnen Ländern gut abgesprochenen und einstimmig verabschiedeten Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik Vollbeschäftigung und Wachstumsprognosen von bis zu 8,5 Prozent jährlich verzeichnend, löste der Einheitsrubel Euro nicht nur den Dollar als Weltleitwährung ab, sondern bescherte den Menschen Europas eine bisher nie gekannte wirtschaftliche Blüte. „Staatsstrukturelle“ oder „geldsystemische Krisen“ – bei solchen Formulierungen überkam die wohlhabenden Völker Europas ein Gähnen. Sowas hatten wir mal, vor langer Zeit in einer Galaxie weit, weit entfernt. Solche populistischen, anti-etatistischen Fragen erübrigen sich natürlich.

Erst die Hellenen konnten das Haushaltsplus Deutschlands, Frankreichs, Spaniens, Italiens, Portugals, Irlands et cetera et cetera in Höhe jeweils vieler Billionen Euro in Luft auflösen und damit den ganzen überglücklich-schwerreichen Verbund in schwerste Gefahr bringen. Man kommt um diese schmerzhafte Erkenntnis leider nicht herum: Die Griechen sind unser Unglück. Sie haben sich sogar die EU-Mitgliedschaft erschlichen, diese heimtückischen Zersetzer gesamteuropäischer Stahlbetonstabilität, indem sie zum Beispiel ihre Haushaltsbilanz frisiert haben. Solche schäbigen Tricks können auch nur Zazikifressern und Olivenzüchtern einfallen! Während die anderen Staaten Europas also ausnahmslos vorbildlich gewirtschaftet und ihren Bürgern Jahr für Jahr atemberaubend erfolgreiche, nur nach bestem Wissen und Gewissen angefertigte, grundehrliche Bilanzen vorgelegt haben, wurde in Griechenland auf Kosten Europas geschludert und geschlampt, geprasst und gevöllt, gelogen und getäuscht. Pfui.

Aus keinem anderen Grund als reiner Menschenliebe und wirklich ohne jede Kenntnis der klandestinen, heimtückischen, vom griechischen Imperator Palpatinos höchstselbst hinter den Gardinen der Büros im Athener Regierungsviertel gesteuerten antieuropäischen Intrigen hat man sie gutgläubig in die Eurozone aufgenommen. Außerdem wußte man doch schon damals, dass Griechenland weltweit hohes Ansehen als Exzellenzstandort für Hochtechnologieforschung und innovative, revolutionäre Produkte genießt, somit jeden noch so hohen Kredit und auf jeden Fall eine Aufnahme in die Eurozone wert war. Die Zahl ihrer Patente ist schließlich Legion. Too prosperous to fail. Null problemo.

Als sich die ersten Unannehmlichkeiten abzeichneten, hat man dann auch sofort und entschlossen gehandelt: den Wackelkandidaten raus aus der Rubelzone, damit er sich über währungspolitische Feinjustierungen schneller erholen kann. Keinesfalls durfte man die wirtschaftlichen Eigenheiten Griechenlands übergehen und den Kandidaten durch Transfers aberwitziger Summen „kaputtsanieren“, die übrigens gar nicht ihm selbst, sondern Gläubigerbanken zugute kamen. Damit würde man ja noch mehr Unmut in der Bevölkerung des Nehmer- wie auch in denen der Geberländer riskieren. Nicht, dass nachher noch eine (durch historische Erfahrungen höchst erwartbare) politische Radikalisierung das Land womöglich in eine Diktatur verwandelt. Und weil man solche Überlegungen auf EU-politischer Ebene beherzigt und ohne jedes Zögern vernünftig gehandelt hat, haben bei der jüngsten Wahl Parteien wie das „Bündnis der radikalen Linken“, deren Programm umfangreiche Verstaatlichungen und massenhafte Neueinstellungen im Staatsdienst – wodurch das Land sicher noch mehr florieren würde – sowie eine Streichung der griechischen Staatsschuld vorsieht, beängstigend hohe Zustimmungswerte eingefahren. Auch die Chrysi Avgi („Goldene Morgenröte“) oder die „Unabhängigen Griechen“ konnten (auf rechter Seite) starken Zulauf verbuchen. Ach was.

But now for something completely different: Warum lassen manche deutschen Qualitätsmedien ihre Leitartikel zur Schuldenkrise mittlerweile eigentlich von grüngehörnten Praktikanten und unerfahrenen Volontären schreiben? Angesichts des einleitenden Zitats würde ich jetzt am liebsten ein berühmtes Diktum Dieter Nuhrs anbringen. Das ich aus Gründen der Höflichkeit unter Kollegen an dieser Stelle aber lieber nicht ausformulieren möchte.


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