21. April 2012

Piraten und braunes Strandgut, Teil 2 Marina Weisband auf den Spuren Don Quichottes

Nachtigall ik hör Dir trapsen

Jetzt steigt auch Marina Weisband – Joschka Fischer und Sarah Wagenknecht der Piratenpartei in einer Person – höchstselbst mit ein in den Kampf gegen die Windmühlen. Gestern nämlich bloggte sie: „Mir reichts jetzt. Ich hab den Kaffee auf.“ Sie wolle „Nazis in der Partei“ nicht mehr länger dulden.

Nun wird auch die zuweilen ein wenig naiv scheinende Weisband in ihrem Kaffee gelesen haben, dass tatsächlich immer nur ein einziger halbwegs echter Vorzeigenazi ausgemacht wurde und wird, nämlich Bodo Thiesen, gegen den die Ausschlussverfahren lange laufen und bisher nur nicht griffen. Thiesen ist das braune Murmeltier, das seit Jahren immer wieder für entsprechende „Enthüllungen“ herhalten muss. Er kommt dabei so manchem investigativen Nazispürhund seltsam gelegen. Ein Schuft, der Böses dabei denkt. Und sich etwa an aufsehenerregende Hakenkreuzschmierereien erinnert, die sich am Ende als von Kommunisten „unter falscher Flagge“ ausgeführt herausstellten. Oder an die NPD als virtuelle Partei des Verfassungsschutzes. Oder an den vermeintlichen Nazi-Polizisten Karl-Heinz Kurras, der den Studenten Benno Ohnesorg erschoss und damit mal eben den Startschuss für die letzte Kulturrevolution abfeuerte. Und sich später als Stasi-Agent entpuppte.

Doch geht es Weisband und Co. überhaupt um die echte oder falsche One-Man-Show des Bodo Thiesen? Oder um die „Nazigefahr“? Piratin Marina lässt die Katze aus dem Sack, wenn sie in ihrem vielzitierten Internetaufruf schreibt: „Ich weiß, dass die meisten sich wünschen, bestimmte Typen, die rechtes Gedankengut verbreiten, aus der Partei zu schmeißen. Wir versuchen es jedes Mal. Aber die wenigsten Parteiausschlussverfahren kommen durch. Juristisch ist das nicht so leicht, was auch die SPD in jüngerer Zeit erfahren durfte.“

Weisband meint offenbar das Parteiausschlussverfahren gegen Thilo Sarrazin. Bei aller Kritik wird sie Sarrazin nun nicht als Nationalsozialisten bezeichnen wollen. Sondern als, wie sie in dem Zusammenhang ja auch schreibt, „Rechten“.

Die Crux: Seit den Schüssen auf Ohnesorg unter falscher Flagge segeln auch die Nazis rückblinkend unter falschen Rudern. „Rechts“ werden sie, die linken Nationalisten und Sozialisten im blutigen Bruderkampf gegen Stalinisten und Trotzkisten nun geheißen – und mit ihnen die rechten Konservativen und Liberalen verteufelt. Jene also, die in den fünf bis sechs etablierten sozialdemokratischen, also linken Parteien heute keine Heimat mehr haben. Die auf der Suche sind. Und womöglich bei den Piraten anheuern könnten. Genau darum geht es in diesem wieder einmal grandiosen Schauspiel.

Das Piratenschiff soll mit aller publizistischen Macht im linken Fahrwasser der anderen Parteien gehalten werden. Eine Aufnahme der Kritik der überwiegenden Mehrheit des Volkes an der Euro-Politik in den Piraten-Kanon gilt es zu verhindern. Marina Weisband wird dabei womöglich selbst nur benutzt, ohne das Spiel zu durchschauen, gilt sie doch selbst im Piratenspektrum eher als Liberale. Und was die Inhalte betrifft, ein anderes Beispiel: Beinahe unbemerkt von den Hofschranzen der Mittelstrommedien betreiben Politiker überall in Europa Schritt für Schritt die Abschaffung des Bargelds (ef wird in der Mai-Ausgabe ausführlich darüber berichten). Ziel ist der gläserne Bürger und die totale Kontrolle. Ein ureigenes Thema gerade für die Piraten, könnte man meinen. Jedenfalls dann, wenn sie aus dem Korsett der Politischen Korrektheit ausbrechen…

Internet

Teil 1: Paul Solbach, Manuel Bewarder und die grassierende Blockwartmentalität


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von André F. Lichtschlag

Über André F. Lichtschlag

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige