21. April 2012

Piraten, Journalisten und braunes Gedankengut Paul Solbach, Manuel Bewarder und die grassierende Blockwartmentalität

Verhängnisvollen Spuren im Netz

Gefühlte 90 Prozent der Bundesbürger waren und sind gegen den Euro. Mindestens 95 Prozent lehnen die megamilliardenschwere Rettungsschirm- und Bailoutpolitik zur Subventionierung von Pleitebürokratien ab. In Deutschland eilt gleichzeitig eine neue Protestpartei unter der Piratenflagge von Wahlerfolg zu Wahlerfolg. Und hat zum Euro nichts zu sagen. Mehr noch: Die vermeintlich jungen wilden Parlamentsstürmer vertreten im Großen und Ganzen dieselben ausgelutschten sozialdemokratischen Positionen wie die etablierten Parteien.

Weshalb sie von den Hofschranzen der schreibenden Zunft monatelang nach Kräften gefördert wurden. Denn der Protest gegen den Wahnsinn in Brüssel musste kanalisiert werden. Piraten statt Tea Party hieß die Devise. Und die Rechnung ging auf.

Doch es ist eine mit vielen Unbekannten. Jeden Monat nämlich finden Tausende neue Mitglieder zur erfolgreichen Startup-Partei, die auch gleich mittels nie gesehener „Transparenz“ und „Offenheit“ jedem neuen „Basispiraten“ größtmögliche Mitspracherechte verspricht. Und bald viele neue Posten und Parlamentssitze vergibt. Findet also womöglich doch noch zusammen, was zusammengehört?

Die politische Klasse fürchtet sich davor. Und ihre Helfer in den Medien müssen nun kräftig dagegenhalten. Sie inszenieren also einmal mehr den Kampf gegen Windmühlen als „Kampf gegen rechts“.

Die Politneulinge sind dabei manchmal noch etwas grün hinter den Ohren. Also wurden ihnen entsprechende Jungredakteure zur Seite gestellt, die sich auf die neue Partei „spezialisieren“ durften. Dabei mag dann auch mal gelacht werden. Etwa wenn im „Cicero“ Edelfeder Paul Solbach der saarländischen Spitzenpiratin Jasmin Maurer auf deren „verhängnisvollen Spuren im Netz“ nachspürt. Solbach wittert „digitale Altlasten“, welche die junge Landeschefin womöglich „verschwinden lassen“ wolle. Maurer soll nämlich Counterstrike gespielt, Erotikromane gelesen, „düstere Lyrik“ verfasst und über Hamster und Pferde debattiert haben. Maurers Lebensgefährten hat der trainierte Spürhund vom „Cicero“ auch ausfindig gemacht. Der, so raunt Paul Solbach aufgeregt, habe in einem Blogbeitrag einmal „linke Antifas mit Neonazis verglichen“. Darf man das überhaupt? Schließlich fand Solbach noch heraus, dass Jasmin Maurer früher mal eine Emailadresse mit „satansbraut89“ genutzt habe. Eine „SatansBraut89“ hat er dann auch in einem Internetforum gefunden, und so schnell wie gekonnt eins und eins zusammengezählt.  Und nachgelesen und protokolliert, dass sich „SatansBraut89“ über deutsche Soldaten im Auslandseinsatz politisch nicht ganz korrekt und in wenig sauberer Rechtschreibung geäußert haben soll. Was Solbach zum Amüsement des „FAZ“-Autors Nils Minkmar dann übersah: SatansBraut89 heißt zwar im richtigen Leben auch Jasmine, allerdings mit e am Ende. Und sie ist nicht mit Jasmin Maurer identisch. Mit der „FAZ“ lächelte das staunende Feuilleton-Fachpublikum amüsiert über Solbachs Denunziationsversuch. Am Ende gab die falsche Jasmine zur Ehrenrettung der echten Jasmin eine eidesstattliche Erklärung gegenüber „Cicero“ ab, woraufhin sich das Blatt kleinlaut entschuldigen musste.

Womit aber der Kampf gegen vermeintlich rechte Piraten nur einen ersten absurden Höhepunkt erreicht hatte. Den zweiten Vogel schoss dann Jungautorenkollege Manuel Bewarder ab, der für die „Welt“ seit Monaten ebenfalls den Piraten nachspürt und dabei gerne von der charmanten Pirateuse Marina Weisband schwärmt. Vor vier Tagen schlug Bewarder jedoch Alarm unter der Online-Überschrift „Braunes Gedankengut: Die Piraten – auf der rechten Augenklappe blind?“ Was war geschehen? Bewarder legte gleich los: „Es ist ein Name, der in den kommenden Tagen für Wirbel bei der Piratenpartei sorgen wird: Aaron König.“ Diese Eingangsprognose stellte sich inzwischen als fasch heraus. Kein Wirbel um König. Nirgends.

Außer in Bewarders Kopf. Der auswirft, König sei einmal Mitglied bei den Piraten gewesen, bevor er vor zwei Jahren austrat und mit dem Berliner Islamkritiker René Stadtkewitz die Partei „Die Freiheit“ gründete. Was Bewarder verschweigt: Diese Partei hat König auch längst wieder verlassen und ein liberales Magazin mit dem Titel „Blink“ gegründet, für das er vom Piratenparteitag nun als unabhängiger Journalist berichten möchte. Das ist alles. Wirbel? „Braunes Gedankengut“? Macht sich in Überschriften immer gut.

Bewarder, der als Fulbright-Stipendiat an der American University Journalismus studierte, ist vielleicht der erste Mainstream-Journalist, der beim „Kampf gegen rechts“ am antifaschistischen Endziel angelangt ist, wo dann selbst Liberale wie Aaron König von der Journaille „braun“ gelabelt und selbst als neutrale Journalisten-Besucher auf Parteitagen für unberührbar erklärt werden. Dazu ein bisschen Sexismus-Raunen. Ohne Sinn, verkauft sich aber auch immer gut. Und dann noch dies: Basispirat Carsten Schulz, warnt Bewarder, würde beim kommenden Parteitag in Neumünster für das Amt des Bundesvorsitzenden kandidieren. Bewarder schließt seinen Braunalarm mit einem investigativen Paukenschlag: „Schulz forderte vor kurzem Straffreiheit für das Leugnen des Holocausts.“

Tatsächlich versteht sich auch Schulz als Liberaler. Der Ron-Paul- und Ludwig-von-Mises-Fan Aaron König bezeichnet sich als „radikalliberal“ oder „libertär“. Schulz wählt auf seiner Piratenseite die Etikettierungen „Urliberaler“ und „vom Herzen Anarchist“ für sich selbst. Im Zweifel ist Schulz aber eher ein Linksliberaler, der auch für das bedingungslose Grundeinkommen streitet. Tatsache ist, dass Radikalliberale, Libertäre, Urliberale, Anarchisten und auch Linksliberale fast immer für „Straffreiheit für das Leugnen des Holocausts“ eintreten, weil Meinungsfreiheit für Liberale nun einmal ein hohes Gut ist. Der prominenteste Streiter auf diesem Feld ist der linksliberale Publizist und Jurist Horst Meier.

Die Artikel von Solbach und Bewarder mussten von „Cicero“ und der „Welt“ inzwischen retouchiert werden. Braunes Gedankengut? Ist wenn überhaupt, dann allenfalls bei dilettierenden Denunzianten und vorlauten Verleumdern wie Paul Solbach und Manuel Bewarder selbst zu finden. 


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