26. März 2012

Rezension Der Streik

Ein Buch von Ayn Rand

Einer der in seinem Entstehungsland einflussreichsten amerikanischen Romane der Neuzeit, Ayn Rands „Atlas Shrugged“, ist fast pünktlich zum dreißigsten Todestag der Autorin in neuer deutscher Übersetzung erschienen – der bereits dritten nach „Atlas wirft die Welt ab“ von 1957 und „Wer ist John Galt?“ von 1997 (siehe die Rezension von André F. Lichtschlag in ef 1). „Der Streik“ heißt das Buch nun, erschienen im Münchner Kai M. John Verlag. „The Strike“ war der Arbeitstitel, den die „Hohepriesterin des Kapitalismus“ ihrem monumentalen Werk gab, wohl in Anlehnung an und bewusste Entgegnung auf Sergei Eisensteins sowjetischen Propagandastummfilm „Streik“ von 1925. In Rands Roman sind es die Unternehmer, die in den Streik treten, indem sie einer Welt den Rücken kehren, die von ihrer Schöpferkraft und Genialität zwar zehrt, diese aber gleichzeitig schmäht und herabsetzt. Dass der Roman in den USA ein Riesenerfolg wurde, ist weniger auf seine literarische Qualität zurückzuführen. Eine psychologisch glaubwürdige Zeichnung von Charakteren sucht man hier vergebens. Die Figuren des Romans sind eigentlich keine Menschen, sondern Ideenträger. Heroische Individuen auf der einen, sozialistische Kleingeister auf der anderen Seite – erkennbar nicht nur an ihren Worten und Taten, sondern auch an ihrem Aussehen, ihrer Kleidung, ja sogar an ihren Namen. Dabei war es keineswegs so, dass die am 2. Februar in Sankt Petersburg geborene, 1926 aus der Sowjetunion in die USA geflohene Ayn Rand nicht schreiben konnte. Ihr autobiographisch geprägter, 1936 erschienener Erstling „We the Living“ beweist das Gegenteil. Vielmehr hatte sie zum Zeitpunkt der Entstehung von „Atlas Shrugged“ bereits ihre „objektivistische“ Metaphysik detailliert ausgearbeitet, und der Roman sollte diese in die Köpfe der Leser transportieren. Daher müssen ihre egoistischen Heroen sich in bester Sowjetmanier damit abquälen, einer dafür völlig unempfänglichen Zuhörerschaft den Kapitalismus aus der aristotelischen Philosophie (in Randscher Interpretation) herzuleiten – eigentlich ein reichlich altruistisches Bemühen. So schwach der Roman auch ist, wenn man ihn mit literarischen Maßstäben misst, so ist seine ideengeschichtliche Bedeutung für die amerikanische Kultur und insbesondere für die libertäre Bewegung in Amerika gar nicht zu überschätzen. Bei einer Umfrage der amerikanischen Kongressbibliothek im Jahr 1991 über „Bücher, die mein Leben veränderten“ landete „Atlas Shrugged“ auf dem zweiten Platz nach der Bibel. In einer Zeit, als in den USA Sozialismus und Wohlfahrtsstaat in intellektuellen Kreisen Mainstream waren, hat „Atlas Shrugged“ manchem die Augen für die Vorzüge des Kapitalismus geöffnet – eine Wirkung, die der Roman vielleicht gar nicht gehabt hätte, wäre er mit größerem literarischem Anspruch geschrieben worden. In Deutschland blieb seine Wirkung auf kleine Kreise beschränkt – daran wird auch die Verfilmung von 2011 nichts ändern, da der Film mangels prominenter Darsteller hierzulande gar nicht erst in die Kinos kam. Auch von einer Neuübersetzung kann natürlich nicht erwartet werden, dass sie mehr leistet, als die „kleinen Kreise“ etwas weniger klein zu machen. Dabei kann man diese Übersetzung von Claudia Amor, Alice Jakubeit und Leila Kais als rundum gelungen bezeichnen – im Vergleich mit der ebenfalls schon guten Vorgängerin von 1997 von Werner Habermehl ist ihr knapp der Vorzug zu geben, da sie an vielen Stellen doch näher an Sprache und Geist des Originals ist. Nur in zwei Punkten fällt sie deutlich ab: Erstens zeugt es nicht gerade von heroischem Individualismus, sich den Beschlüssen von Kultusministerkonferenzen über die „neue deutsche Rechtschreibung“ zu beugen. Zweitens handelt es sich laut Vorsatzblatt angeblich um eine Übersetzung „aus dem Amerikanischen“, einer Sprache, die es schlicht nicht gibt, auch wenn noch so viele Verlage (und komischerweise nur die) dies behaupten. Insgesamt aber kann man den John-Verlag zu dieser Übersetzung beglückwünschen und dem Buch viele Neu- oder Wiederleser wünschen.

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 31. März erscheinenden April-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 121


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Ulrich Wille

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