20. Februar 2012

Medienlese Gaga, Ladies and Gentlemen?

Kurzer Rückblick in übervolle Gummizellen

Ich fürchte, ich werde in diesem Land noch zum Misanthropen. Tut mir leid, aber ich kann nicht mehr anders. Wird man in Deutschland jetzt endgültig bekloppt? Der Grund für das Folgende ist eigentlich eine Lappalie: Ich habe den schweren Fehler begangen und nach längerer Zeit mal wieder einen Blick in den deutschen Blätterwald geworfen. Hätte ich es mal gelassen. Zum Beispiel habe ich beim „Spiegel“ reingeschaut. Die Deutschen, so das ehemalige Nachrichtenmagazin, könnten mit ihren ca. 8,6 Billionen Vermögen den Euro ja fast alleine retten! Schön schön, aber es handelt sich dabei um private Vermögen, die ja nicht von den Bäumen gepflückt, sondern erarbeitet wurden. Wie sollen wir denn da drankommen? Zwangshypotheken? Eine neue „Rundfunkgebühr“, die jeder zahlen muss, auch wenn er gar kein Wegsehgerät besitzt? Höhere Ökosteuern? Hausbesitzern immer neue noch so unsinnige Auflagen aus Gründen des „Umweltschutzes“ bescheren, damit der Motor nicht absäuft? Oder was schwebt euch da vor?

Aldous Huxley schrieb einmal, eine Diktatur, die auf Repressalien und Gewalt basiert, müsse zwangsläufig am Freiheitsdrang der Menschen scheitern. Eine Diktatur aber, die sich wissenschaftlicher Methoden bedient und ihre Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen in den Mantel vermeintlicher Wohltaten zu hüllen versteht, könnte, so Huxley, sogar tausend Jahre bestehen. Ah, jetzt verstehe ich auch die Sache mit dem Klimawandel und den ganzen Maßnahmen und Mehrbelastungen der Bürger aus „ökologischen Gründen“ etwas besser. Auch eine Art, an Geld zu kommen.

Außerdem – ja ich weiß, Schande über mich, selbst schuld – habe ich mal wieder die „Frankfurter Allgemeinen“ Hochschulabsolventen besucht und ein Leitartischockenherzchen von Klaus-Dieter Frankenberger genossen. Er empörte sich, die Reaktionen „der“ Griechen seien unangemessen (an Deutschlandfahnen kokeln, Angie in Nazi-Uniform usw.), schließlich hätten wir „den Griechen“ doch schon so oft geholfen! In diesem Augenblick sprangen mir endgültig die Kletten vom Pullover. Da kam einfach zuviel auf einmal zusammen, was ich nicht mehr bewältigen konnte. Also Entschuldigung, aber:

Ist der durchschnittliche Intelligenzquotient in Deutschland in den letzten paar Jahren wirklich so dramatisch gesunken? Was bitte haben wir? „Den“ Griechen geholfen? Ach das ist der Grund dafür, dass sie sich tagtäglich mit einer Rose zwischen den Zähnen in den Armen liegen und in Olivenhainen lustwandeln. Also nochmal: von den Abermilliarden haben „die“ Griechen bislang keinen müden Cent gesehen. Die dienten nämlich der Sanierung angeschlagener Banken auf Steuerzahlerkosten; den Hellenen haben sie nicht auf die Beine geholfen und werden es auch nie. Man könnte nochmal 40, 60, oder 80 Milliarden lockermachen – es würde nicht das geringste nützen.

„Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung, die anhaltende bzw. wiederaufkeimende Finanzkrise, insbesondere die europäische Schuldenkrise?“, fragte „wirtschaftsblatt.at“ Gentleman-Komiker John Cleese einmal in einem Interview. Cleese: „Ehrlich gesagt amüsiert es mich, dass man plötzlich darauf gekommen ist, dass die wirtschaftlichen Schwächen von Ländern wie Griechenland, Portugal oder Irland Probleme verursachen. Ich hätte das jedem bereits vor 50 Jahren erzählen können“. Cleese for president!

Womit wir beim nächsten Stichwort wären. Denn entgegen meinen guten Vorsätzen, eigentlich kein Wort mehr über diese nervtötende Sache verlieren zu wollen, muss ich doch nochmal was loswerden, gerade angesichts einiger größenwahnsinniger Medienreaktionen. Glaubt irgendjemand immer noch, die „Causa Wulff“ hätte wegen eines lächerlichen Privatkredits von einer halben Million Euro solche Tsunamis losgetreten? Wie blind, wie naiv muss man eigentlich sein, wieviel ungerechtfertigtes Vertrauen in die Leitmedien kann man trotz aller Erfahrungen mit ihren mythomanischen, propagandistischen und auf sehr eigenwillige Art wirklichkeitsumformenden Neigungen erstaunlicherweise immer noch haben, um ihnen die Wulffowitz-Psychose als authentisch abzukaufen? Zehn Wochen massenmedialer Dauerterror – wegen 500.000 Euro, einer Hotel-Übernachtung, einem Urlaubsflug? Und nun ermittelt die Staatsanwaltschaft!

Nils Minkmar weinte in sein Schnuffeltuch, Wulff habe Freundschaft auf „verheerende Weise kommerzialisiert“ (sic!). Als gäbe es gewisse Interessenverflechtungen und „Vorteilnahmen“ erst seit Wulff. Übergewichtiges Kurzzeitgedächtnis? Wie war das noch mit Gerhard Schröder und Putin? Lupenreine Demokratie, im Gegenzug Gas zum Vorteilspreis? Von welchem Planeten aus faxen manche Leute eigentlich ihre Artikel durch den Subraum zur Erde? Die „BZ“ („Berliner Zeitung“) titelte vorgestern: „Bei allem Respekt – das war ein guter Tag für Deutschland“. Das ZDF wischte sich den Schweiß unmenschlicher Schwerstarbeit von der zwangssubventionierten Stirn und twitterte ganz geschafft: „Das war ein ereignisreicher Tag für uns Nachrichtenmacher“. Uns Nachrichtenmacher. Ich steckte mir den Finger in den Hals.

Unterdessen enteignen Angela Honerkel und Dr. Schäubuse das Volk, verbrennen Milliarden, riskieren damit – jetzt mal Augen auf und Klartext – den sozialen Frieden und die Zukunft einer ganzen Generation – und gehen völlig straffrei aus? Brechen EU-Vertragsrecht gleich dutzendweise – und keinem Staatsanwalt oder Verfassungsrichter fliegen Hummeln aus dem Po? Trotz allem weiterhin in Amt und Würden?

Ach doch, da gab´s diese fünf tapferen Gallier, die gegen die großrömischen Phantasien geklagt haben, aber das waren ja nur Populisten. Na, was könnte denn nicht stimmen an diesem Bild? Denken wir endlich mal ein bisschen nach? Beinahe hätte ich jetzt geschrieben „Meiner Meinung nach ...“, aber das spare ich mir: Die Aufführung um Wulffowitz war nichts anderes als ein Ablenkungs- und Verschleierungsmanöver. Der „Spiegel“ zum Rücktritt, gestern morgen auf Twitter in Richtung Merkel: „Die Zeit der Hinterzimmerdeals ist vorbei“. Sie wird zweifellos Tränen gelacht haben.

Denn das Gegenteil ist der Fall: Das massenmediale Bauernopfertheater in der Sache Wulff dürfte manche Hinterzimmerabsprachen auf EU-Ebene wesentlich erleichtert haben. Herbert Walter fasste es auf „handelsblatt.com“ so zusammen: „Wer – insbesondere als ausländischer Beobachter – in den vergangenen Wochen oder Monaten durch den deutschen Medienwald gewandert ist, hat unweigerlich den Eindruck gewonnen, dass die Menschen in unserem Land ganz wesentlich von zwei Problemen malträtiert werden: einem Bundespräsidenten in Berlin und einem Bahnhof in Stuttgart. Schön, wenn ein Land anscheinend nur solche Probleme hat. In anderen europäischen Staaten sieht das anders aus.“

Werden die Versuche zur Rettung der Währungsunion fortgesetzt wie bisher, dürfte es nicht mehr allzu lange dauern, bis es wohl auch bei uns anders aussieht. Und ich frage mich gerade, was das ZDF dann wohl twittern wird. „An diesem Tag haben wir Nachrichtenmacher 60 Prozent unseres Personals durch Herzinfarkte verloren!“. Vorstellbar.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Axel B.C. Krauss

Über Axel B.C. Krauss

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige