15. Februar 2012

Make love not law Roland Baader und die Sprache

Freiheit oder Marketing?

Das erste Buch, das ich von Roland Baader las, fiel mir 2003 ungeplant in die Hände. Michael Wey von der Ärzteinitiative „Frischer Wind“ hatte es gekauft und nach Berlin geschickt, wo er sich für sein Projekt eines freiheitlichen Gesundheitswesens Unterstützung von der Stiftung Liberales Netzwerk erhoffte. Von dort war es – ungelesen und originalverschweißt – zu mir weitergeleitet worden, da ich, so der Begleitzettel, doch tief im Gesundheitsthema steckte.

Originalverschweißt legte ich es in meinem Büro, wie stets ordentlich eingereiht, zu anderen Unterlagen auf den Boden, dorthin, wo üblicherweise Unerledigtes ohne Dringlichkeitsstatus warten muss, wenn Vorrangiges auf Schreibtisch oder Fensterbank zur schnelleren Bearbeitung mahnt. Wochen, wenn nicht Monate, gingen so ins Land. Erste Andeutungen einer Staubschicht legten sich schon auf die Folie, als ich endlich eine Gelegenheit nahm, das Buch zu ergreifen und die Hülle zu öffnen. Die seit Wochen schlechtgelaunt aus dem Buchdeckel vom Boden zu mir aufblickenden Menschen hatten mich bei einigen Anläufen mehrfach veranlasst, zuerst noch Anderweitiges zu betrachten. Nun aber war es schließlich soweit. Ich begann die Lektüre.

In der Einführung las ich, dass bei der heute erwachsenen Generation in wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Fragen „Hopfen und Malz verloren“ seien und das erste Kapitel hob an mit der These, niemand sage die Wahrheit. Es dauerte mindestens dreißig Seiten weiteren Lesens, bis ich den Gedanken verwarf, die Lektüre jener finsteren Einsichten vielleicht doch wieder einstellen zu sollen. Spätestens aber als ich den Abschnitt über die Kinderarbeit erreicht hatte, wusste ich: Hier wird mir offenbar tatsächlich ein ganz neuer Horizont eröffnet. Denn woher wusste dieser Roland Baader, was in meinen Schulbüchern zu diesem Thema gestanden hatte? Sollte am Ende auch ich Adressat ideologischer Bearbeitung geworden sein, ohne es bemerkt zu haben?

An meinen Randnotizen in dem Büchlein kann ich bis heute erkennen, wie mich die Aneinanderreihung von Fakten und der Argumentationsgang Baaders beeindruckten. Am Ende war klar: Es mussten mehr Bücher dieses Autors her! Ich bestellte eins nach dem anderen und las und las und las. Der Gewinn war natürlich beträchtlich. Wie ungezählten Lesern zuvor wurde er auch mir in vielerlei Hinsicht jener „Augenöffner“, als der er immer wieder beschrieben wird. Über seine Verweise und Zitate fand ich zur Österreichischen Schule der Nationalökonomie, zu Mises und Hayek, zu Rothbard, Hoppe, Habermann und Hülsmann – und natürlich auch zu André Lichtschlag. In wenigen Monaten änderte sich mein Bild insbesondere von der Wirtschaft. Die typische (und auch akademisch durchaus anerzogene) Überheblichkeit der Juristen und Philosophen gegen die Wirtschaftswissenschaften wich zügig dem Respekt vor dieser Disziplin, zumal sie offenbar durchaus intellektueller und weitgreifender verstanden werden konnte als uns dies an der Universität von keynesianischen Nebenfachlehrern mit ihren notorischen Kurvenzeichnereien suggeriert worden war.

Nachdem ich Baaders 2002er Werk „Totgedacht“ durchgearbeitet hatte, nahm ich im April 2004 persönlich Kontakt zu ihm auf. In den darauffolgenden Monaten versorgten wir uns wechselseitig mit diversen Hinweisen auf dieses und jenes Lesens- und Wissenswerte. Im Dezember schrieb er mir anlässlich eines Weihnachtsgrußes sehr Freundliches über meine Texte und endete mit der Hoffnung, dass immer mehr Menschen so liberal schrieben, „dann wäre der Kampf für die Freiheit nicht ganz so aussichtslos“.

Indem ich nun in diesen Tagen, anlässlich seines Todes, die seinerzeitige Korrespondenz wieder zur Hand nahm, wurde mir klar, dass eines unserer anschließend häufigsten Gesprächsthemen damit schon feststand: Die Frage nämlich, wie der aufklärerische Streit für die individuelle Freiheit und für mehr Respekt des Staates vor dem Einzelnen rhetorisch beschaffen sein muss, um der machtvoll obwaltenden Propaganda mit Aussicht auf Erfolg entgegengehalten werden zu können.

Es ist für Baader-Kenner kein Geheimnis, dass er immer wieder betonte, der Kampf gegen Leviathan sei nicht zu gewinnen. Zu mächtig erschienen in seiner Darstellung die organisierten Kräfte der staatlichen Durchsetzungsinteressen. Die wahren und konsequenten Freunde der Freiheit wähnte er dort in aussichtsloser Unterzahl. Das Gehirnwäschepotential der staatlichen Medien und die Indoktrinationen ab frühester Schulkinderzeit stimmten ihn hoffungslos. Und weil er die all dies rücksichtslos betreibende Politik als rundweg unmoralisch erkannte, schrie er bisweilen immer wieder mit bulliger Wucht und in robustesten Tönen gegen jenes Treiben an.

Bei aller Skepsis im Hinblick auf den möglichen eigenen Erfolg und bei aller Empörung über das ruchlose Vorgehen der Staatsgläubigen dürfe aber, so hielt ich ihm entgegen, der Reiz zur Beschäftigung mit der Freiheit nicht auf der Strecke bleiben. Genau diese Gefahr sah (und sehe) ich aber immer, wenn das publizistische Eintreten für das Individuum und den Bürger in Tönen geführt wird, die dem Leser nicht einmal mehr die Chance auf ein Wohlgefühl und auf Freude vermitteln.

Muss nicht, fragte ich Roland Baader, der Titel eines Buches dem möglichen Leser zumindest die Aussicht eröffnen, aus seiner Lektüre emotional als Gewinner hervorzugehen? Nicht ohne Grund zieren doch auch die Bilder dezidiert ansehnlicher Menschen die Titelblätter einschlägiger Magazine, statt durch die Abbildung des unerfreulich Vorhandenen abzuschrecken. Auflagenstarke Bücher und Zeitschriften kommen nicht mit schlechtgelaunten und mürrischen Gesichtern auf Seite eins daher. Unter den lebensbedrohlichen Rettungsschirmen der atomaren Supermächte am Kulminationspunkt der sogenannten Nachrüstungsdebatte blühte doch gegen den NATO-Doppelbeschluss just eine Buchpflanze am stärksten, die hieß „Friede ist möglich“.

Ich habe nicht die leiseste Vorstellung davon, welchen Einfluss diese Erörterungen auf Roland Baaders spätere Buchtitel gehabt haben. Der „Faule Zauber“ und die „Wohlfahrtsdiktatur“ waren – ebenso wie das „Totgedacht“ und die mürrischen Menschen auf der „Belogenen Generation“ – längst in der Welt. „Geld, Gold und Gottspieler“ hatte schon etwas milder geklungen, der Einworttitel „Geldsozialismus“ kam schließlich ganz ohne expliziten Vorwurf aus. Wer aber könnte sagen, wie viele Leser Roland Baader bis heute schon mehr gefunden hätten, würde er seinen Büchern optimistischer klingende Namen gegeben haben? Ein definitiv greifbares Ergebnis unserer Diskussionen zu eben diesem Thema war jedenfalls, dass ich meinem eigenen Büchlein zum allgemeinen Reichseinkönnen Ende 2007 ganz bewusst seinen zwar sperrigen, aber doch bewusst Hoffnung verheißenden Titel gab.

So hat uns Roland Baader am Ende in Gestalt seiner Schriften eine Vielzahl von intellektuellen Schatzkisten hinterlassen, deren innerer Reichtum sich aus ihrer Verpackung nicht sogleich erschließt. Seine Fähigkeit zur treffenden Prophezeihung resultierte nicht aus geheimnisvoll esoterischen Quellen, sondern schlicht aus der konsequenten Bereitschaft, die Welt illusionslos zu betrachten. Seine Genialität bestand darin, die jahrhundertelange Arbeit am Projekt der Aufklärung in allem Ernst und aller Emsigkeit zu erfassen, sie fortzuführen und sie in allgemeinverständliche, aber dann eben bisweilen auch traurige und wenig hoffnungsfrohe Worte zu kleiden. Zu seiner Persönlichkeit, der jede Effekthascherei fremd war und die vielmehr durch konsequente Bescheidenheit gekennzeichnet war, passten eben keine PR-optimierten Buchtitel oder ein Anprangern der Unmoralität in allzu diplomatischen Tönen.

Es ist nun folglich an uns, die wir die Fackel der Aufklärung weiter brennen lassen wollen, die Inhalte der Arbeit Roland Baaders zu verbreiten. Und ich denke, wir sollten es mit der inneren Haltung tun, der Welt etwas Positives und Hoffnungsvolles weiterzureichen. Denn wir werden Roland Baader am ehesten gerecht, wenn wir seinen Satz widerlegen, der Kampf für die Freiheit sei aussichtslos. Tief in seinem Herzen hat er genau das nämlich, davon bin ich überzeugt, auch nicht wirklich geglaubt. Hätte er sich sonst über all die langen Jahre den Mühen unterzogen, seinem schwächer werdenden Körper dieses Opus abzuringen?

Mit Zuversicht, Beharrlichkeit und Konsequenz können die Kräfte der individuellen Freiheit und des Respektes vor dem anderen, mithin die Energien eines richtig verstandenen puristischen Liberalismus, die Unmoralität des Herrschenwollens besiegen. Bei meinem letzten Telefonat mit Roland Baader waren wir uns einig: Wer sich bei alledem stets streng an die Wahrheit hält, der hat in ihr die mächtigste Verbündete für sein Tun. Deswegen kann er – bei aller Bescheidenheit – auch gar nicht verlieren.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 21. Fabruar erscheinenden März-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 120


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