06. Februar 2012

Medien „Print 24“

Die Seriensensation aus Deutschland

Viel Vergnügen beim rasanten Nonstop-Action-Brainbuster „Print 24“ der deutschen Buchstabensuppenhersteller: alles was Sie lesen, verursacht Zwerchfellkrämpfe in Echtzeit. Ob deutsche Kabarettisten und Komödianten aller Couleur demnächst eine Sammelklage gegen die Printmedien anstrengen werden, ist bislang nicht bekannt. Darf aber vermutet werden, denn wenn es so weitergeht in Deutschland,  wird der Mainstreamjournalismus  unter professionellen Gaglieferanten bald für Langzeitarbeitslosigkeit sorgen. Sowas nennt man Wettbewerbs- beziehungsweise Marktverzerrung.

Welt-Online: „Kurt Beck ließ sich Flug von Partymanager bezahlen“. Um gleich nachzulegen: „Partymanager Schmidt lud Özdemir zu Fußballspiel ein“.  Schockschwerenot! Sollte Wulffowitz doch tatsächlich nicht der einzige gewesen sein, der die eine oder andere Vergünstigung dankbar annahm oder sich ein Bobbycar für seinen Sohn schenken ließ? Wer wäre denn darauf gekommen?

Statt sich angesichts solcher Meldungen je nach individueller psychischer Disposition ins Koma zu lachen oder auch einfach nur zu verzweifeln, sollte man vielleicht in die Offensive gehen und aus reinem Jux die Herrschaften kostenlos mit neuen Schlagzeilen versorgen. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Hier meine persönlichen Favoriten:

Wulff prellte Eiscafé um Rechnung für einen Bananensplit.
Westerwelle schluckt Strafzettel für Geschwindigkeitsüberschreitung vor den Augen der Politesse herunter.
Claudia Roth ließ sich vom Uhse-Konzern Vibrator schenken.
Sigmar Gabriel aß im Restaurant eines befreundeten Starkochs monatelang Fünf-Gänge-Menüs zum Nulltarif.
Deutsche Journalisten bestellen bei amerikanischem Psychopharmakonzern massenhaft Ehrlichkeitskonzentrat der Marke BeHonest.

Schon gut, Schluss mit den Albernheiten. Warum solche herzerweichend lächerlichen Lappalien nach wie vor auf verzweifelt wirkende Weise hervorgekramt und in alle Schaufenster gestellt werden? Was zu Beginn der „Causa Wulff“ noch eine zarte Vermutung vieler denkender Menschen war, ist mittlerweile eine Gewissheit: Ja, natürlich geht es bei diesem Kindertheater ganz eindeutig auch darum, den Blick der Öffentlichkeit von größeren Problemen abzulenken.

Auf der großen Leinwand im Vordergrund läuft die hauptstromjournalistische Gemeinschaftsproduktion „Bleib bloß schimmerlos, Baby!“, im Hintergrund bittet der Regierungschef Italiens, Mario Monti, Deutschland derweil um Mithilfe beim Schuldenabbau, da das Land sonst in arge Schieflage geraten könnte, wird das genauere Prozedere des griechischen Staatsbankrotts  debattiert und Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, schreckt Hörer auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos mit den Worten auf, ohne die Geldschwemme der EZB Ende 2011 (also rein zufällig just zum Startschuss der Wulff-Affäre) wäre es beinahe zu einem Crash beziehungsweise einer „größeren Kreditklemme“ gekommen.  Aber es gibt doch immer eine Steigerung, weshalb zu erwarten steht, dass in den nächsten Tagen und Wochen weitere erschütternde Skandälchen ausgebuddelt werden: angeblich müsse die EZB, wolle sie die Gemeinschaftswährung retten, Ende Februar schätzungsweise – bitte schnallen Sie sich an und bringen Sie Ihren Sitz in eine aufrechte Position – zehn Billionen drucken. Zehn Billionen nach dem europäischen System, wohlgemerkt. Also nicht „ten billion“, denn das wären „nur“ zehn Milliarden, sondern zehntausend Milliarden. 

Falls es also tatsächlich immer noch Zeit-Mitinsassen geben sollte, die sich fragen, warum unsere Presse diese Hyperaktivität in Sachen Kavaliersdeliktrecherche an den Tag legt, sollte sich nicht wundern, wenn demnächst wieder echte Nachrichten folgen.

Links:

Monti: Deutschland muss Italien beim Schuldenzahlen helfen

Draghi: Im Dezember wäre es beinahe zum Crash gekommen

Credit Suisse: EZB muss Banken bis zu zehn Billionen Dollar leihen


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