12. Januar 2012

Vom Seitenstreifen in den dichten Verkehr Occupy Hillary?

Erstmal abwarten

Kaum wurden die politischen Ambitionen Michelle Münteferings und Doris Schröder-Köpfs bekannt, begann die Suche nach einem passenden Etikett für aufstrebende Politikerfrauen: „Hillary-Effekt“ kursiert derzeit als Umschreibung für Damen, die von der Neben- auf die Hauptstraße des Politbetriebs wechseln wollen. Was man nun davon zu halten habe, wird gefragt; welche Vor- und Nachteile ein solcher Karriereweg mit sich bringen könne.

Die wichtigste Frage dürfte sein, wie man in einem gesellschaftlichen Umfeld, das von einer deutlich sichtbaren Zunahme der vielzitierten Politikverdrossenheit, Betriebsmüdigkeit und einer leider nicht ganz unberechtigten, aber auch gefährlich fatalistischen Einstellung großer Bevölkerungsteile gegenüber der Politik geprägt ist – „Da ändert sich eh nix!“, „Immer dasselbe!“, „Die interessieren sich für uns doch schon lange nicht mehr!“ –, aus der Tatsache, viele Jahre an der Seite eines politischen Großbühnenakteurs verbracht zu haben, überzeugende und praktikable Ideen für einen gelungenen, in der Tat dringend nötigen Ölwechsel ziehen kann.

Optimisten werden sagen: Ihre Erfahrung kann ihnen eigentlich nur zugutekommen, da sie die Strukturen und Mechanismen des politischen Geschäfts, seine Stolperdrähte, Falltüren und Tretminen, seine gefährlichsten Bruchstellen bereits kennengelernt haben. Sie haben sicher an vielen Abenden den Treibsand aus den gerauften Haaren ihrer Gatten gewuschelt, sie wissen aus nächster, privater Nähe um die Schwierigkeiten, Überzeugungen durchzusetzen, das pausenlose „Hauen und Stechen“, die zu erwartenden Angriffe der Gegner aus nicht immer nur themenbezogenen, sondern oftmals wahlkampftaktischen und machtstrategischen Gründen. Sie durften einen Blick unter den doppelten Boden öffentlicher oppositioneller Erklärungen werfen, um Doktorgrade in Schlangenkunde zu erwerben. Sie verfügen bereits über wichtige Kontakte, wissen, was sie von der Presse zu erwarten haben – man kann ebenso schnell niedergeschrieben werden, wie man mit messianischen Gesängen zum Heilsbringer überhöht wurde.

Pessimisten hingegen würden wohl argumentieren, dass gerade diese Erfahrungen sie wahrscheinlich schon korrumpiert hätten. Längst fester Bestandteil des „business as usual“, mangelnde Distanz zum Systemkern, schon zu sehr infiltriert vom „same procedure as every year“. Die wollten ja nur vom Namensbonus ihres Liebsten zehren. Außerdem zeige doch die Erfahrung, dass selbst ein grundsolides politisches Wirbeltier unter je nach Stimmungswetterlage nahezu beliebig formbaren Knetfiguren kaum eine Chance habe; es seien doch gerade die Kautschukkreaturen, die es am Weitesten brächten. Idealisten, Querdenker, Aufmischer: keine Chance. Schließlich lebe man in einem Land, in dem der Bundestagspräsident allen Ernstes Beistand von Juristen dafür bekommt, etwas eigentlich ganz Selbstverständliches getan, nämlich abweichenden Meinungen Redezeit eingeräumt zu haben. Was es denn bitte brächte, würde der Pessimist mit einem momentan scheinbar wieder so modischen apokalyptischen Unterton wohl seufzen, die Animateure auf der Titanic auszutauschen?

Gemach. Banalerweise wird sich erst im Nachhinein die Trefferquote solcher Überlegungen erweisen, außerdem hat die 48 Jahre junge Frau von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, Doris Schröder-Köpf (SPD), hauptberuflich Journalistin (früher als Parlamentsreporterin der „Bild“ tätig), die seit knapp einem Jahr im Aufsichtsrat von Karstadt sitzt und 2013 für den niedersächsischen Landtag kandidieren will, laut Pressebüro der SPD vorerst keine Ambitionen auf bundespolitischer Ebene. Sie wird sich intern zunächst gegen Sigrid Leuschner durchsetzen müssen, die seit 1994 für die Sozialdemokraten im Landtag sitzt.

Für Michelle Müntefering, 31, Stadtverordnete der SPD in Herne und dort seit circa zehn Jahren Vize-Parteichefin, die Ende 2009 den ehemaligen SPD-Chef Franz Müntefering heiratete, könnten weiter vorausschauende Gedanken allerdings schon etwas interessanter sein, da sie laut „dpa“ einen Wechsel in die Bundespolitik anstrebt:  „Ich traue mir das zu, aber zunächst mal entscheidet im Herbst die Partei“.

Es ist also sicher noch zu früh für Douglas Sirksche „Spiegel“-Cover wie „Erbfolgepolitik: Wird Deutschland wieder eine Monarchie?“, darunter die Damen ins knappe Wilhelminische gephotoshopt, ein Zepter schwingend, im Hintergrund der Bundestag und eine güldene Kutsche. Auch die „FAZ“ wird sich mit Schlagzeilen wie „Um eine Hillary von innen bittend“ vorerst zurückhalten müssen. Und auch wenn es der „Bild“ sicher schon in den Fingern juckt: „Die bringen Deutschland zum Höhepunkt: Doris Schröder-Köpf und Michelle Müntefering, zwei starke Frauen, entschlossen, sexy, einfach geil“. Wir warten jetzt erstmal ab, was es mit dem „Hillary-Effekt“ tatsächlich auf sich hat.  


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