05. Januar 2012

„Bild“ und die anderen Medien gegen den lonesome Wulff Im Zweifel für den Einzelnen

Teil 3 der Geschichte: Denn manchmal kommt es anders als gedacht

„Bild“ selbst vernichtet alleine keine Karrieren und bricht keine Menschen. „Bild“ steht nur immer wieder an der Spitze von Kampagnen, bei denen alle anderen Medienriesen von ARDZDF bis „Spiegel“ wie gleichgeschaltet mitmachen. Das war im Falle Martin Hohmann so. Es war in der Affäre Eva Herman nicht anders. In vielen anderen „Fällen“ und „Affären“, aber auch in Lach- und Sachgeschichten wie Waldsterben, Euroeinführung, NSU, Erderwärmung oder Fukushima nicht. Und nun eben Chrissie Wulff.

Die Häme des großen Boulevardblattes lässt sich für den Einzelnen aushalten. Unerträglich wird das Niedermachen von Menschen in roten Riesenlettern auf dessen Titelseite immer dann, wenn scheinbar alle Journalisten des Landes derselben Meinung sind und kräftig mithetzen und nachkanten. Und wenn plötzlich sogar die noch vornehm verstummen, die man für engste Freunde hielt.

An einer solchen sozialen Vernichtung zerbrechen Menschen. Christian Wulff aber, und so langsam wird die Geschichte damit dann doch noch interessant, „denkt nicht einmal an Rücktritt“, den sogar das Staatsfernsehen vom Staatsoberhaupt wegen zwei lächerlichen Lappalien fordert.

Kaum je hat sich ein Opfer einer Medienkampagne unglücklicher angestellt. Und doch ist er einfach stur – vielleicht kann er intellektuell auch nicht anders – und deshalb immer noch im Amt. Weil er nicht so einfach rausgeschmissen werden kann. Von niemandem. Der Treppenwitz unter der Empore von Schloss Bellevue ist schließlich, dass Vorgänger Host Köhler ging, weil „die Presse den nötigen Respekt gegenüber ihm und dem Amt vermissen ließ“. Keiner hat das damals verstanden. Ist Köhler am Ende einfach ein Komiker mit Hellseherfähigkeiten?

Was Wulff the Witz betrifft: Entgegen dem Gezeter der Medien, nach der auch das Volk immer stärker dessen Rücktritt fordern würde, mag die tatsächliche Stimmung wie zum Beispiel zuletzt im Fall Stuttgart 21 eine gänzlich andere, nämlich ob der Medienhysterie mehr und mehr genervte sein.

So langsam dämmert das auch den ersten etwas schlaueren Teilnehmern der großen Kampagne. ARD-Kommentatorin Silke Engel nämlich stellt heute Abend plötzlich fest: „Die Dauer-Empörung nervt.“

Und jetzt gewinnt die Geschichte einen ganz neuen Drive. Was, wenn ob dieses furchtbaren Rumgenerves die Zustimmung zu Wulff im Volk nicht schwindet, sondern sogar wächst? Dann wäre de facto das jüngste Geflunker Wulffs gar nicht mehr so lächerlich und dümmlich wie es schien, sondern womöglich unbeabsichtigt ein geradezu genialer Schachzug. Und das selbst und gerade dann, wenn der Anruf nun ebenso „wie von Geisterhand“ den Weg vom Handy des „Bild“-Chefredakteurs zu einem Journalistenkollegen findet wie zuvor die Kunde von ihm.

Die Bürger wurden nach dem Showdown eines nie zuvor gesehenen öffentlichen Hass-Briefwechsel zwischen Staatsoberhaupt und Boulevardblatt nicht nur endgültig vom Schauspiel weggeekelt und nicht alleine gezwungen zu entscheiden, wer glaubwürdiger war. Sondern auch, wenn beide es nicht sind, wer im Zweifel dann weniger unsympathisch ist. Und das ist nun die ganz große Chance von einem, der so ziemlich alles falsch gemacht hatte, der aber lieb durch die Brille blicken kann und stärker klebt als Pattex.

Denn Journalisten stehen auf der nach unten offenen Beliebtheitsskala sogar noch unter Politikern und Schmeißfliegen. Mit einiger Berechtigung. Nicht wahr, Frau Schausten?

Internet

Teil 1: André F. Lichtschlag: Die Journalisten und der fallengelassene Christian Wulff: Neid? Gnadenlosigkeit? Oder mehr?

Teil 2: André F. Lichtschlag: Das Schreiben der „Bild“ an Christian Wulff: Gekonnt, die Herren!


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