28. September 2011

Make love not law Postnukleares Befriedungsprojekt namens Euro

Zwischen den Kriegen?

Die aktuelle Lage unserer Währung könnte eine Frage provozieren: Entwickelte der Euro seine ersten Wurzeln vielleicht schon am 8. Mai 1945, dem Tag, an dem der Zweite Weltkrieg in Deutschland beendet wurde?

Wiederholt ist an unverdächtigen Stellen berichtet worden, britische Truppen hätten die deutsche Wehrmacht nach deren Kapitulation nicht sofort entwaffnet. Grund seien Überlegungen insbesondere Churchills gewesen, gleich im Anschluss an diesen Waffengang gemeinsam mit den verbliebenen deutschen Streitkräften gegen die Sowjetunion zu kämpfen. Auch Wladimir G. Truchanowski formulierte 1968 in seiner Biographie über Winston Churchill aus sowjetischer Sicht, zum Kriegsende habe sich hinsichtlich der Zukunft Deutschlands „eine ernsthafte Metamorphose“ vollzogen. Die britische Regierung habe Überlegungen angestellt, „ob es nicht besser sei, nach dem Kriege ein ziemlich starkes Deutschland zu haben, um es gegen die Sowjetunion benützen zu können“.

Churchill selbst hatte – infolge seiner Abwahl – keine eigene Gelegenheit mehr, die erste Nachkriegs-Phase im Amt mitzugestalten. An die Stelle eines unmittelbaren militärischen Vorgehens gegen die UdSSR setzte er daher seine Idee von einem vereinigten Europa, die er am 19. September 1946 in Zürich präsentierte: „Es kann keine Erneuerung Europas ohne Deutschland geben.“

Damals musste allen Siegermächten des Westens bewusst werden: Ein auf Trizonesien verschlanktes Deutschland bildete geostrategisch zwischen Nordsee und Alpen einen perfekten Pfropfen gegen militärische Gefahren von östlich des Eisernen Vorhangs. Wer könnte es auch irgendeiner Siegermacht nur im Ansatz verdenken: Das Risiko einer weiteren kriegerischen Auseinandersetzung mitten in Europa sollte möglichst auf deutsches Gebiet verlagert werden. Hiroshima und Nagasaki gemahnten eindringlich, künftigen sowjetischen Atombomben lieber München, Köln und Hamburg zu opfern als Nancy, Den Haag oder Birmingham.

So war es nur rational, gemeinsam mit den USA (anstelle des Morgenthau-Plans mit dem Ziel der strafweisen Umwandlung Deutschlands in eine bloße Agrarfläche) den Marshall-Plan umzusetzen und die infrastrukturelle Erholung Westeuropas zu betreiben. Autobahnen beispielsweise würden die zügige Verlegung von Truppen ebenso ermöglichen wie das Landen von Fluggerät beinahe überall. Rings um das „Fulda-Gap“ konnte eine perfekte militärische Verteidigungszone gestaltet werden. Dabei wurden selbst Kanaldeckel so dimensioniert, dass unter jedem – „Duck and cover!“ – ein Soldat Schutz finde.

Da die Deutschen zu jener Zeit immerhin vorübergehend einmal von staatlichen Beglückungsversprechungen geheilt waren, gestalteten sie ihren Wiederaufbau in marktwirtschaftlicher Demut. Die Siegermächte ließen sie gewähren. Der militärische Pfropfen diesseits des antifaschistischen Schutzwalls lieferte zudem empirisch-ökonomisches Anschauungsmaterial im Systemstreit mit den östlichen Planwirtschaften. Durch die gleichzeitige Westanbindung Deutschlands schien ein Modus vivendi gefunden, um den Gefahren des nun weiter reduzierten Germaniens zu begegnen und zugleich gemeinsam den Kalten Krieg unbeschadet zu überstehen.

Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks stellte sich jedoch nicht nur für die seinerzeitigen Siegermächte, sondern für alle unmittelbaren deutschen Anrainerstaaten die bange Frage nach einer Bändigung Deutschlands praktisch wieder neu. Die wirtschaftlichen Stärken der Bonner Republik waren unübersehbar und die in Gang gesetzte Vereinigung mit der kollabierten DDR weckte ängstliche Erinnerungen bei all jenen, die noch selbst deutsche Panzer durch ihre Heimat hatten rollen sehen. Mit derselben Furcht als Triebfeder, die unmittelbar nach 1945 Westdeutschland zu jenem starken Pfropfen vor dem Kommunismus sich hatte entwickeln lassen, forderte nun insbesondere Francois Mitterand ein Schwächungselement gegen die Potentiale eines neuen Furor Teutonicus. Da er die relativ starke Deutsche Mark als eine „Atombombe“ eigener Art empfand, wünschte er deren Tod als Preis für eine Wiedervereinigung. Helmut Kohl hat dieses Junktim zwar oft bestritten. Man wird es gleichwohl als wahr unterstellen müssen.

„Plündert“ nun aber – wie Dieter Spethmann sagt – der Euro Deutschland, weil er nur ein hektischer und untauglicher Versuch war, wirtschaftliche Konvergenzen inmitten Europas zu erzwingen? Oder stimmt umgekehrt die wiederholte Behauptung insbesondere der Bundeskanzlerin, dass niemand so sehr vom Euro profitiert habe wie Deutschland?

Wäre Deutschland Profiteur, dann hätte sich die Währungsunion als genau das entwickelt, was sie nie hatte sein sollen. Nicht wenige Mitglieder der Währungsunion hätten folgerichtig im historischen Kontext den besten Grund, das Projekt sofort zu beenden. Richtig ist aber vielmehr: Die Euro-Transferunion zehrt Deutschland aus und dient vorläufig nur (fast) allen anderen.

Dass der gesamteuropäische Wirtschaftsraum auf längere Sicht nicht zusammenwächst, sondern – im Gegenteil – von ökonomischen Fliehkräften sagenhaftesten Ausmaßes erfasst werden wird, ist immer unübersehbarer. In den USA weiß man längst, welche Folgewirkungen der anstehende Euro-Kollaps auf die dortigen Kennzahlen haben wird. Robert Zoellick wird schon mit dem Satz zitiert, bei der Schaffung des Euro habe man augenscheinlich gar nicht gewusst, was man da in Wirklichkeit treibe.

So richten die Staaten der EU heute nicht ihre Waffen gegeneinander, finden aber den währungstechnisch verunglückten Euro als eine Art postnukleares Befriedungsprojekt in ihren Taschen. Und dennoch: Griechenland brennt, Portugal glimmt, Spanien qualmt, die USA straucheln. Und ausgerechnet China bietet Hilfe an. Wen wundert es, wenn die Verwirrung maximal ist, wie mit dieser Situation nun umzugehen sei?

Von dem verkorksten Euro-Projekt Abstand zu nehmen, fällt gleich aus mehreren Gründen schwer: Alternativen sind niemals breit diskutiert, sondern verteufelt und verschwiegen worden. Neuartigen Konsens unter unabsehbar vielen Playern im höchstkomplexen Geschehen herzustellen, scheint aussichtslos. Zu süß schmeckte das leichte Geld allen politischen Akteuren und ihren Verbandelten. Und propagandistisch war der Weg zu lang, auf dem alle für die Einheitswährung eingeschworen wurden, um nun ohne Gesichtsverlust umzukehren. Was bleibt, scheint: Kurs halten, „koste es, was es wolle“.

Wohin aber führt dieser Weg? Das Horrorszenario eines diktatorisch ermächtigten Gouverneursrates kann – gerade wegen unserer gemeinsamen europäischen Geschichte – keine Option zur Problemlösung sein. Gleichschaltung hat sich noch immer gerächt. Symptomatisch ist der krampfhafte Rückgriff just auf jenen winzigen Zirkel von makroökonomischen Superhirnen, die in jüngster Vergangenheit ihre Qualitäten als Milliardenversenker schon eindrucksvoll bewiesen haben. Kurz: Im Auge des Sturms herrschen Personalmangel und Ratlosigkeit.

Soll Währung nach allem ein Instrument des Friedens bleiben, gibt es nur einen Weg aus dem angerichteten Chaos: Das bedingungslose Geständnis aller maßgeblichen Akteure, auf einen entsetzlichen Abweg geraten zu sein und ihre glaubwürdige Zusage, zu seriösen Währungen zurückzufinden. Anders ist die allgemeine Opferbereitschaft nicht herzustellen, die für eine kooperative Restrukturierung unabdingbar ist – mag sie auch mit einzelnen politischen Karriereenden verbunden sein. Es geht um viel. Denn niemand will in die Zeit vor dem 8. Mai 1945 zurück.

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 30. September erscheinenden Oktober-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 116


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