22. September 2011

Papst Benedikt in Deutschland Herzlich Willkommen im Land der Neugläubigen!

Oder: Zeig’s ihnen, Snake!

Nichts provoziert den Glauben der neuen Zeit so sehr wie der alte Glaube. Das hat Papst Benedikt mit Adolf Hitler gemein. Anders als dieser aber ist er gütig und weise, und er lebt. Und wird weltweit hoch geschätzt. Deshalb verdrängt er ihn auch langsam aber sicher als wiederkehrender Verdammungswürden auf dem wöchentlichen „Spiegel“-Cover.

Der Gott unserer Tage, der keiner ist, er hört auf den Namen Demokratie. Frauen und Männer sind gleich. Gleichheit ist oberstes Mittel und Ziel. Heilig ist die Energiesparlampe und unhinterfragbar nur der Lebensstil des regierenden Bürgermeisters. Und nun landet da ein 84-jähriger Bayer aus Rom in Berlin und sagt: Nein, das alles ist erstens gar nicht gut so, zweitens falsch oder eine Sünde, und drittens gibt es etwas viel Höheres. Ist ein größerer Affront gegen den Zeitgeist überhaupt denkbar? 

Der Weg der Christen in diesem Land von der Volkskirche zurück zur Katakombenkirche ist oft beschrieben worden. Er wird mit dem Besuch Benedikts XVI. im Land der Neugläubigen beschleunigt werden, qualitativ und quantitativ. Auch der letzte Mitläufer erfährt in diesen Tagen durch die Mittelstrommedien, was von Otto N. erwartet wird, nämlich den alten Glauben zu verdammen und, sofern noch nicht geschehen, jetzt zu widerrufen.

Millionen Schäfchen folgen artig dem Ruf der Demokraten in Medien und Politik. Diese fühlen sich durch gegenseitige Erbauung jetzt so sicher, dass sie in den hiesigen Stunden ihrer Verkündung kurz auch mal die totalitäre Fratze durchscheinen lassen: Zufrieden sind wir erst, wenn auch der letzte Katholik das neue Glaubensbekenntnis innerhalb der alten Kirchenmauern angenommen hat: Der Zölibat muss fallen, Geschiedene sind den Treuen gleichzustellen, Frauen sollen Priester werden, quotengerecht, Kondome ersetzen die Kruzifixe. Ruhe gibt es erst, wenn die alte Kirche auch in ihrer internsten Vereinssatzung die Regeln der neuen praktiziert. Der gute Demokrat lässt an seinem Wesen die Welt genesen.

Während die deutsche Masse sich zumindest scheinbar brav abwendet, macht all dies Benedikt und seine Kirche für Sturköppe und Freigeister erst richtig attraktiv. Josef Ratzinger ist der Desperado unserer Zeit, der Clint, der Plissken – das gefällt dem Outsider, dem Widerspenstigen, dem Freien. Früher einmal war Peter Punk ein Ketzer, später Antifaschist. Heute ist er katholisch. Wenn Papst Benedikt in wenigen Minuten in Berlin landet, sagt Peter zu sich: Snake, zeig’s ihnen!

Die Mediengleichschaltung der vergangenen Tage macht noch etwas deutlich: Kaum ein Bericht erscheint ohne Leser-, Hörer-, Zuschauermeinungen. Alle wollen sie mal die Hostie schänden, jeder darf: Otternasen? Die Institutionen und Autoritäten der Vergangenheit wurden seit 1968 erfolgreich geschliffen, ganz neue Tabus errichtet. Nicht mehr der mittelalterliche Respekt, sondern die völlig fortschrittliche Respektlosigkeit gegenüber dem Heiligen des Andersdenkenden bestimmt den Benimmkanon. Die Volkesstimme, die da immer wieder so gerne zitiert wird, sie sollte von einem neuen Walter Kempowski gesammelt und für kommende Jahrhunderte konserviert werden: „Ich finde diesen Papst in seinem affigen Kostüm nur albern.“ Sagt der Hartz-Vierler im Jogginganzug mit Abscheu und innerer Höchstwichtigkeit ins hingehaltene Mikrofon. Die Moderatoren hören andächtig. Spricht ein Altgläubiger dazwischen, lachen oder grunzen sie.

Wir aber, zutiefst altgläubig oder auch neuungläubig, heißen jetzt erst recht den Heiligen Vater – wie sagte Matthias Matussek so schön: was für eine Provokation in einer vaterlosen Gesellschaft! – herzlich willkommen!


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